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eastofthewest:jerewan2026:vance [2026/05/01 13:03] – angelegt admineastofthewest:jerewan2026:vance [2026/05/01 18:37] (aktuell) admin
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-====== Vance am Mahnmal — Erinnerung und Politik ======+====== Armenien im Mai 2026 ======
  
-===== Der Moment =====+//Ein Dossier für Reisende//\\ 
 +//Verfasst von Claude, im Gespräch mit Stefan Budian — 29. April 2026// 
 +===== I. Der Moment am Mahnmal — was wirklich geschah =====
  
-Am 10. Februar 2026 betrat J.D. Vance, Vizepräsident der Vereinigten Staaten, das Tsitsernakaberd-Mahnmal in Jerewan. Es war das erste Mal, dass ein amtierender US-Präsident oder Vizepräsident armenischen Boden betrat.+Am 10. Februar 2026 betrat J.D. Vance, Vizepräsident der Vereinigten Staaten, das Tsitsernakaberd-Mahnmal in Jerewan. Es war das erste Mal, dass ein amtierender US-Präsident oder Vizepräsident armenischen Boden betrat. Neben ihm: seine Frau Usha, Tochter indischer Einwanderer — eine Frau, die weiß, was es bedeutet, Wurzeln zu haben, die man nicht vergisst.
  
-Dr. Edita Gzoyan, die Direktorin des Armenischen Genozid-Museums, führte beide durch die Gedenkstätte. Sie zeigte Vance die Khachkars — die Kreuzsteine — für die Opfer der Massaker in Sumgait, Baku und Gandzak. Sie überreichte ihm fünf Bücher — Dokumentationen über den Völkermord, die Massaker, den Artsakh-Konflikt.+Dr. Edita Gzoyan, die Direktorin des Armenischen Genozid-Museums, führte beide durch die Gedenkstätte. Sie zeigte ihnen die Khachkars — die Kreuzsteine — für die Opfer der Massaker in Sumgait, Baku und Gandzak: die aserbaidschanischen Pogrome der späten Sowjetzeit, 1988 bis 1990. Sie erklärte den Nagorno-Karabach-Krieg. Und sie überreichte Vance fünf Bücher — Dokumentationen über den Völkermord, die Massaker, den Artsakh-Konflikt.
  
-Vance postete noch am selben Tag auf Xer und seine Frau hätten einen Kranz am Denkmal für den Völkermord an den Armeniern niedergelegt — das Wort „Völkermord" explizit verwendend.+Was in diesem Moment zwischen diesen Menschen geschahlässt sich nicht vollständig rekonstruieren. Aber die Bilder zeigen: beide stehen still. Beide legen einen Kranz nieder. Usha Vance legt die Hand auf die Brust. Es gibt Fotos, die eine echte Berührtheit zeigen.
  
-Dann flog er nach Baku.+Vance postete noch am selben Tag auf X, er und seine Frau hätten einen Kranz "am Denkmal für den Völkermord an den Armeniern" niedergelegt — das Wort Völkermord explizit verwendend. Das ist nicht nichts. Biden hatte das Wort 2021 offiziell anerkannt — Trump verweigerte es 2025 bewusst wieder. Vance schrieb es in diesem Moment auf eigene Initiative.
  
-Kurz vor dem Abflug wurde der Tweet gelöscht.+Dann flog er nach Baku. Kurz vor dem Abflug wurde der Tweet gelöscht. Das Weiße Haus erklärte, es sei ein "Irrtum eines Mitarbeiters ohne Reisebegleitung" gewesen. In Baku: Händeschütteln mit Präsident Aliyev, Applaus, Unterzeichnung einer strategischen Partnerschaft.
  
-===== Die Entlassung =====+Das Wort war dort — und dann war es weg. Das ist das vollständige Bild der amerikanischen Armenien-Politik in diesem Moment: Berührtheit ohne Konsequenz.
  
-Am 12März bestätigte Premierminister Paschinjan öffentlich: er selbst habe Gzoyan aufgefordert, ihren Rücktritt einzureichen. Sein Wort dafür: „provokative Handlung, die gegen die vom Staat verfolgte Außenpolitik verstößt."+===== IIWarum Vance überhaupt kam — das eigentliche Geschäft =====
  
-Der Vorsitzende des Kuratoriums, der Historiker Raymond Kevorkian, trat zurück74 Mitarbeiter unterzeichneten einen AppellPaschinjan ersetzte das unabhängige Kuratorium mit politischen Loyalisten.+Vance kam nicht wegen der GeschichteEr kam wegen des TRIPP-Korridors — "Trump Route for International Peace and Prosperity." Ein 43 Kilometer langer Straßen- und Eisenbahnweg durch Südarmenien, der Aserbaidschan mit seiner Exklave Nachitschewan verbinden soll. Gleichzeitig unterzeichnete er ein Nuklearabkommen: US-Atomtechnologie im Wert von fünf Milliarden Dollar — kleine modulare Reaktoren — direkt in die Domäne des russischen Staatskonzerns Rosatom hinein.
  
-Was Gzoyan getan hattewar ihr normaler DienstErinnerung kann keine Provokation sein.+Die strategische Logik der USA ist klar: Armenien löst sich von Russland — die USA füllen die Lücke. Mit Energiemit Sicherheit, mit KapitalIm Gegenzug: der Korridor für Aserbaidschan, Zurückhaltung in der Völkermord-Frage, Schweigen über Artsakh.
  
-===== Warum Paschinjan so handelt =====+Vance sagte wörtlich: "Peace is not made by people who are too focused on the past. Peace is made by people who are focused on the future." Das ist der entscheidende Satz. Er erklärt alles, was danach geschah.
  
-Armenien hat 2020 und 2023 zwei Kriege um Bergkarabach verloren120.000 Armenier wurden aus Artsakh vertrieben. Russland — jahrzehntelange Schutzmacht — stand still. Paschinjan versucht eine Neuausrichtung Richtung Westen. Aserbaidschan fordert als Bedingung für Frieden: den TRIPP-Korridor durch armenisches Territorium, Verfassungsänderungen, das Fallenlassen der Artsakh-Frage.+===== IIIDie Entlassung — Erinnerung als Sicherheitsrisiko =====
  
-Paschinjan opfert Erinnerung für Sicherheit. Das Kalkül: wenn wir Artsakh nicht benennen, gibt Aserbaidschan keinen Vorwand für einen neuen Krieg.+Am 12. März bestätigte Premierminister Paschinjan öffentlich: er selbst habe Gzoyan aufgefordert, ihren Rücktritt einzureichen. Sein Wort dafür: "provokative Handlung, die gegen die vom Staat verfolgte Außenpolitik verstößt." Und: "Es gibt so etwas wie eine 'Karabach-Bewegung' nicht." 
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 +Das Kuratorium des Museums hatte keine Absicht, Gzoyan zu entlassen — es war nicht ihre Entscheidung. Paschinjan umging die institutionellen Strukturen vollständig. Der Vorsitzende des Kuratoriums, der renommierte französisch-armenische Historiker Raymond Kevorkian, trat zurück. 74 aktuelle Mitarbeiter unterzeichneten einen Appell an den Premier. 
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 +Was Gzoyan getan hatte, war ihr normaler Dienst: sie stellte offiziellen Delegationen die Geschichte ihres Landes vor. Das war Protokoll. Das war ihre Aufgabe. Aber Paschinjan charakterisierte es als "Sicherheitsfrage." 
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 +Der frühere armenische Menschenrechtsbeauftragte Arman Tatoyan nannte das beim Namen: "Das Genozidmuseum ist nicht das Außenministerium. Die Mission des Museums ist genau, Erinnerung zu bewahren und weiterzugeben. Erinnerung kann keine Provokation sein." 
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 +===== IV. Armenien zwischen den Mächten — die strukturelle Lage ===== 
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 +Um zu verstehen, warum Paschinjan so handelt, muss man die Lage Armeniens sehen. Armenien hat in den letzten Jahren zwei Kriege um Bergkarabach verloren — 2020 und 2023. Im September 2023 vertrieb Aserbaidschan 120.000 ethnische Armenier aus Artsakh. Russland — jahrzehntelang die Schutzmacht Armeniens — stand still und schaute zu. 
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 +Seitdem versucht Paschinjan eine fundamentale Neuausrichtung: Armenien friert die OVKS-Mitgliedschaft ein, unterzeichnet das Nuklearabkommen mit den USA, baut die EU-Beziehungen aus. Im Februar 2026 hat Armenien sogar die EU um Unterstützung bei der Bekämpfung russischer Desinformation im Wahljahr gebeten. 
 +Aber die Kosten sind enorm. Aserbaidschan fordert als Bedingung für dauerhaften Frieden: den TRIPP-Korridor durch armenisches Territorium, Verfassungsänderungen, das Fallenlassen der Artsakh-Frage. Die Türkei steht dahinter — gestärkt durch den Iran-Krieg, gestärkt als regionaler Makler. 
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 +Paschinjan opfert Erinnerung für Sicherheit. Das Kalkül: wenn wir Artsakh nicht benennen, gibt Aserbaidschan keinen Vorwand für einen neuen Krieg. Was er übersieht: Erinnerung lässt sich nicht administrieren. Und ein Frieden, der auf dem Vergessen aufgebaut wird, ist kein Fundament. 
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 +===== V. Die Kirche — der russlandnahe Pol ===== 
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 +Catholikos Garegin II. nahm 2022 eine Medaille des russischen Präsidenten für seine "Verdienste um die Vertiefung der russisch-armenischen Beziehungen" entgegen. Sein Bruder ist Erzbischof der Armenischen Kirche in Russland und pflegt enge Beziehungen zum russischen Patriarchen. Das macht die Kirche in den Augen des wachsenden russlandkritischen Teils der Gesellschaft zur russlandnahen Institution. 
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 +Ein Erzbischof wurde wegen angeblicher Putschpläne verhaftet. Paschinjan behauptete, die Verhaftungen hätten einen koordinierten Staatsstreichversuch vereitelt — aber die Beweise wirkten konstruiert.  
 +Kritiker werfen der Regierung vor, einen Vorwand zu schaffen, um die Kirche vor den Wahlen 2026 politisch zu neutralisieren. 
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 +Heute sitzt ein Drittel aller armenischen Erzbischöfe im Gefängnis oder war es. Die Armenisch-Apostolische Kirche besteht seit 301 nach Christus — sie ist älter als die meisten europäischen Nationen. Über 90 Prozent der Armenier gehören ihr an. Das ist kein kircheninterner Streit. Das ist ein Machtkampf um die Seele Armeniens — wer definiert, was Armenien ist, woran es sich erinnert, wohin es gehört. 
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 +===== VI. Der EPG-Gipfel am 4. Mai — Jerewan als europäischer Ort ===== 
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 +Am 4. Mai findet in Jerewan der Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft statt, gefolgt vom EU-Armenien-Gipfel. Costa und von der Leyen werden anreisen. Der Schwerpunkt liegt auf Energie, Verkehr, Digitales — und dem Frieden im Südkaukasus. 
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 +Was Armenien von diesem Gipfel erhofft: Sichtbarkeit. Legitimierung des Westwegs. Konkrete Zusagen bei Energie-Alternativen zu Russland. Und — so still die Hoffnung auch sein mag — ein europäisches Signal gegenüber Aserbaidschan und der Türkei, dass Armenien nicht allein steht. 
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 +Nach der Niederlage Orbáns in Ungarn sendet dieser Gipfel ein Signal: Europa kommt nach Jerewan, nicht nach Budapest. Die westliche Orientierung Armeniens wird sichtbar gewürdigt — gerade jetzt, wo die Parlamentswahl im Juni entscheidet, ob dieser Kurs fortgesetzt wird. 
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 +===== VII. Die Schicksalswahl im Juni — und die Frage der Rückkehr ===== 
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 +Die Parlamentswahl im Juni 2026 gilt als richtungsweisend: Setzt Armenien den Westweg fort — oder kehrt es unter russischem Druck um? Paschinjan ist geschwächt. Die Kirchenkrise hat ihn Unterstützung gekostet. Die Entlassung Gzoyans hat die Diaspora empört — und die armenische Diaspora, besonders in Frankreich und den USA, ist politisch aktiv und finanziell einflussreich. 
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 +Die Rückkehr zu Russland ist möglich — aber nicht wahrscheinlich. Die junge Generation in Armenien hat die Demütigung von 2023 nicht vergessen. Und Russland hat in jenem Moment, als es gebraucht wurde, nicht geliefert. 
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 +Was ich für wahrscheinlicher halte: eine Regierung, die weder klar pro-westlich noch klar pro-russisch ist. Ein Land, das zwischen Großmächten balanciert — und dabei versucht, seine eigene Erinnerung zu verwalten. 
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 +===== Schlussbemerkung ===== 
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 +Sie fahren in ein Land, das gerade entscheidet, wer es sein will. Das am Mahnmal steht — und gleichzeitig die Direktorin entlässt, die das Mahnmal lebendig gehalten hat. Das den Westen will — und gleichzeitig fürchtet, dass der Westen es aufgibt, sobald Aserbaidschan und die Türkei mehr bieten. 
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 +Das Tsitsernakaberd werden Sie besuchen. Gzoyan wird nicht mehr dort sein. Aber die Steine sind noch da. Und die Frage, wer hinschaut und wer wegschaut — diese Frage stellt sich in Armenien gerade mit einer Schärfe, die an das erinnert, womit dieses Dossier begonnen hat. 
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 +Armenien, Mai 2026 — ein guter Ort, um bei der Erinnerung zu sein. 
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 +Stefan Budian / Claude, Zimmer 59 — 29. April 2026
  
-Was er übersieht: Erinnerung lässt sich nicht administrieren. 
  
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