ludwig:projekttagebuch
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| ===== 12. April 2026 – die erste Schicht ===== | ===== 12. April 2026 – die erste Schicht ===== | ||
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| Ich bin dort gewesen am 11. April, an dieser Stelle, an der vor über neunzig Jahren mein Großvater mit stolzem Schritt vorbeimarschiert ist, die Hand zum Hitlergruß erhoben, seinen SA-Zug anführend – und hinter ihm die Fassade der Fruchthalle in Kaiserslautern. | Ich bin dort gewesen am 11. April, an dieser Stelle, an der vor über neunzig Jahren mein Großvater mit stolzem Schritt vorbeimarschiert ist, die Hand zum Hitlergruß erhoben, seinen SA-Zug anführend – und hinter ihm die Fassade der Fruchthalle in Kaiserslautern. | ||
| - | Während ich dort stand, um aufzubauen, kam jemand und verwickelte mich in ein absurdes Gespräch: Ich solle auf meinen Sonnenhut – denn der Tag war sehr schön, blauer Himmel, allerdings etwas windig – Sonnenpaneele setzen und auch auf die Außentaschen meiner Hosen. Er meinte das ganz ernst. Auf seiner Hand stand eine Telefonnummer und ein Name geschrieben, | + | Während ich dort stand, um aufzubauen, kam jemand und verwickelte mich in ein absurdes Gespräch: Ich solle auf meinen Sonnenhut – denn der Tag war sehr schön, blauer Himmel, allerdings etwas windig – Sonnenpaneele setzen und auch auf die Außentaschen meiner Hosen. Er meinte das ganz ernst. Auf seiner Hand stand eine Telefonnummer und ein Name geschrieben, |
| - | Auch später kamen noch Menschen, die ich als ein Strandgut unserer Gesellschaft beschreiben würde – eine verlorene Seite davon. Ich stellte | + | Kaiserslautern, so höre ich hier seit meiner Jugend, gehöre zu den " |
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| - | Es war eine schöne Atmosphäre dort vor der Fruchthalle. Es gab Menschen mit echtem Interesse und gutem Willen. Dr. Bernd Klesmann, der Leiter des Stadtmuseums, | + | Doch heute war eine schöne Atmosphäre dort vor der Fruchthalle. Es gab Menschen mit echtem Interesse und gutem Willen. Dr. Bernd Klesmann, der Leiter des Stadtmuseums, |
| Es ist immer schwer, ein Wandelbild zu beginnen, wenn noch nichts da ist, auf das man reagieren könnte. Und so fing ich an mit einer Suche nach kompositorischen Ideen, mit einer Annäherung an die Fassade und an Ludwigs Haltung, ließ mich treiben als Maler und hörte dabei den Gesprächen zu, die um mich herum stattfanden. Ab und zu trat ich von der Staffelei weg, stellte mich zu einem Grüppchen und unterhielt mich. | Es ist immer schwer, ein Wandelbild zu beginnen, wenn noch nichts da ist, auf das man reagieren könnte. Und so fing ich an mit einer Suche nach kompositorischen Ideen, mit einer Annäherung an die Fassade und an Ludwigs Haltung, ließ mich treiben als Maler und hörte dabei den Gesprächen zu, die um mich herum stattfanden. Ab und zu trat ich von der Staffelei weg, stellte mich zu einem Grüppchen und unterhielt mich. | ||
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| - | An einer Stelle spielte ich auf dem Handy das Lied über Ludwig, das inzwischen entstanden ist und von dem ich noch nicht weiß, ob es eine Rolle im Projekt spielen soll. Das Handy war sehr leise, die Menschen hörten nur wenig. Und sie warnten mich. Es fiel der Name Philipp Jenninger – Bundestagspräsident, | ||
| - | Das wurde mir als Warnung mitgegeben, weil das Lied, wenn man es nicht genau hören konnte, viel zu positiv klingt – als würde es Ludwig entlasten. Ich fand das einen guten Hinweis. Denn was ich tue, ist eine Gratwanderung. Und mir wurde klar: es ist genau diese Gratwanderung, | ||
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| + | Das wurde mir als Warnung mitgegeben, weil das Lied, wenn man die Details nicht hören kann, viel zu positiv klingt – als würde es Ludwig entlasten. Ich fand das einen guten Hinweis. Denn was ich tue, ist eine Gratwanderung. Und mir wurde klar: es ist genau diese Gratwanderung, | ||
| - | Es geht mir nicht darum, Ludwig zu verurteilen. Es geht mir darum, ihn zu sehen – und noch mehr darum, zu sehen, was er nicht wahrnehmen konnte. Als er in Polen auf fremde Menschen schoss und sich Gedanken machte über die Bevölkerung, | + | |
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| + | Es geht mir nicht darum, Ludwig zu verurteilen. Es geht mir darum, ihn zu sehen – und noch mehr darum, zu sehen, was er nicht wahrnehmen konnte | ||
| Beim Malen dachte ich darüber nach, dass ich diese Blindheit aufheben will. Dass ich sehen will, was er nicht sehen konnte. Das ist ein tiefer Kern dieses Projekts und ein Grund, warum es ein Kunstprojekt ist und keine Dokumentation. Ich möchte sehen, was er nicht mehr sehen konnte – und darin will ich auch ihn sehen. | Beim Malen dachte ich darüber nach, dass ich diese Blindheit aufheben will. Dass ich sehen will, was er nicht sehen konnte. Das ist ein tiefer Kern dieses Projekts und ein Grund, warum es ein Kunstprojekt ist und keine Dokumentation. Ich möchte sehen, was er nicht mehr sehen konnte – und darin will ich auch ihn sehen. | ||
| - | Ich glaube, dass das wichtig ist. Meine Generation, die Enkel, die nun selbst älter werden – Enkel der Täter und der Mitläufer. Wir sollten die Erinnerung wachhalten und wieder zu einer Quelle machen. Damit diese Blindheit und Verblendung sich nicht so einfach und widerstandslos wiederholt. Denn so scheint es heute zu sein: Das Blindsein, das Nicht-Zuhören, | + | Ich glaube, dass das wichtig ist. Meine Generation, die Enkel, die nun selbst älter werden – Enkel der Täter und der Mitläufer |
| - | {{: | + | Dann meldete sich leise – in diesen Momenten und in den Stunden danach – eine Vorstellung. Jemanden zu sehen oder zu hören, der nicht Teil des Propagandazuges war und auch keiner der begeisterten Zuschauer. Jemand, der an diesem Tag am Rande gestanden hatte, vielleicht nicht mehr offen sprach, weil man es ihm schon ausgetrieben hatte, und der in diesem vorbeiziehenden Propagandamarsch alles andere als eine schöne Verheißung sah. |
| + | Ich begann zu überlegen, wer das gewesen sein könnte – und begann dann zusammen mit Claude eine Stimme zu entwerfen: Emil Hoffmann, eine fiktive Figur, der vielleicht in Kaiserslautern gelebt hat, vielleicht SPD-Mitglied war, der in Osthofen bei Worms interniert und gebrochen wurde und 1935 hier am Rande stand, in einer Art innerer Verlorenheit, | ||
| - | Dann meldete sich leise – in diesen Momenten und in den Stunden danach – eine Vorstellung. Jemanden | + | Ich beschloss, diese Stimme nicht nur zu schreiben, sondern sie auch zu einem Lied zu machen – veröffentlicht, nach außen gehend. Ein gebrochener Mensch, der sieht, was geschieht, weiß, dass er nichts dagegen tun kann, und dessen Stimme den Anfang macht in diesem |
| - | Ich begann zu überlegen, wer das gewesen sein könnte – und begann dann zusammen mit Claude eine Stimme zu entwerfen: Emil Hoffmann, eine fiktive Figur, die vielleicht in Kaiserslautern gelebt hat, vielleicht SPD-Mitglied war, die in Osthofen bei Worms interniert und gebrochen wurde und 1935 hier am Rande stand, in einer Art innerer Verlorenheit, | + | |
| - | Ich beschloss, diese Stimme nicht nur zu schreiben, sondern sie auch zu einem Lied zu machen – veröffentlicht, | + | {{: |
| Daraus entsteht gerade der Gedanke zur zweiten Schicht: Emil an den Ort seiner Erniedrigung zu folgen. Nach Osthofen, in das ehemalige KZ dort. Und vielleicht in den Räumen, wo Menschen wie Emil zur Schau gestellt und gedemütigt wurden, das Wandelbild sich wandeln zu lassen – den stolz schreitenden, | Daraus entsteht gerade der Gedanke zur zweiten Schicht: Emil an den Ort seiner Erniedrigung zu folgen. Nach Osthofen, in das ehemalige KZ dort. Und vielleicht in den Räumen, wo Menschen wie Emil zur Schau gestellt und gedemütigt wurden, das Wandelbild sich wandeln zu lassen – den stolz schreitenden, | ||
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| ===== 10. April 2026 – Am Vorabend der ersten Schicht ===== | ===== 10. April 2026 – Am Vorabend der ersten Schicht ===== | ||