Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


ludwig:projekttagebuch

Unterschiede

Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.

Link zu dieser Vergleichsansicht

Beide Seiten der vorigen RevisionVorhergehende Überarbeitung
Nächste Überarbeitung
Vorhergehende Überarbeitung
ludwig:projekttagebuch [2026/04/27 17:23] adminludwig:projekttagebuch [2026/04/27 17:38] (aktuell) admin
Zeile 28: Zeile 28:
  
  
-An einer Stelle spielte ich auf dem Handy [[.:essays:start|das Lied über Ludwig]], das inzwischen entstanden ist und von dem ich noch nicht weiß, ob es eine Rolle im Projekt spielen soll. Das Handy war sehr leise, die Menschen hörten nur wenig. Und sie warnten mich. Es fiel der Name Philipp Jenninger – Bundestagspräsident, der 1988 zum fünfzigsten Jahrestag der Reichspogromnacht eine Rede gehalten hatte, in der er versuchte, die Distanz zu den Tätern zu überwinden, sie nicht der Dämonisierung zu überlassen. Er scheiterte damals.+An einer Stelle spielte ich auf dem Handy das [[.:essays:start|Lied über Ludwig]], das inzwischen entstanden ist und von dem ich noch nicht weiß, ob es eine Rolle im Projekt spielen soll. Das Handy war sehr leise, die Menschen hörten nur wenig. Und sie warnten mich. Es fiel der Name Philipp Jenninger – Bundestagspräsident, der 1988 zum fünfzigsten Jahrestag der Reichspogromnacht eine Rede gehalten hatte, in der er versuchte, die Distanz zu den Tätern zu überwinden, sie nicht der Dämonisierung zu überlassen. Er scheiterte damals.
  
-Das wurde mir als Warnung mitgegeben, weil das Lied, wenn man es nicht genau hören konnte, viel zu positiv klingt – als würde es Ludwig entlasten. Ich fand das einen guten Hinweis. Denn was ich tue, ist eine Gratwanderung. Und mir wurde klar: es ist genau diese Gratwanderung, die ich für wichtig halte.+Das wurde mir als Warnung mitgegeben, weil das Lied, wenn man die Details nicht hören kann, viel zu positiv klingt – als würde es Ludwig entlasten. Ich fand das einen guten Hinweis. Denn was ich tue, ist eine Gratwanderung. Und mir wurde klar: es ist genau diese Gratwanderung, die ich für wichtig halte.
  
  
  
-Es geht mir nicht darum, Ludwig zu verurteilen. Es geht mir darum, ihn zu sehen – und noch mehr darum, zu sehen, was er nicht wahrnehmen konnte. Als er in Polen auf fremde Menschen schoss und sich Gedanken machte über die Bevölkerung, über einzelne Menschen am Wegesrand, waren diese Gedanken – obwohl er, wie ich glaube, von Naturell ein offen schauender Mensch war – völlig blind und verstellt durch seine extremistische Verblendung.+Es geht mir nicht darum, Ludwig zu verurteilen. Es geht mir darum, ihn zu sehen – und noch mehr darum, zu sehen, was er nicht wahrnehmen konnte ([[.:stimmen:start|Die ungehörten Stimmen]]). Als er in Polen auf fremde Menschen schoss und sich Gedanken machte über die Bevölkerung, über einzelne Menschen am Wegesrand, waren diese Gedanken – obwohl er, wie ich glaube, von Naturell aus ein offen schauender Mensch war – völlig blind und verstellt durch seine extremistische Verblendung.
 Beim Malen dachte ich darüber nach, dass ich diese Blindheit aufheben will. Dass ich sehen will, was er nicht sehen konnte. Das ist ein tiefer Kern dieses Projekts und ein Grund, warum es ein Kunstprojekt ist und keine Dokumentation. Ich möchte sehen, was er nicht mehr sehen konnte – und darin will ich auch ihn sehen. Beim Malen dachte ich darüber nach, dass ich diese Blindheit aufheben will. Dass ich sehen will, was er nicht sehen konnte. Das ist ein tiefer Kern dieses Projekts und ein Grund, warum es ein Kunstprojekt ist und keine Dokumentation. Ich möchte sehen, was er nicht mehr sehen konnte – und darin will ich auch ihn sehen.
-Ich glaube, dass das wichtig ist. Meine Generation, die Enkel, die nun selbst älter werden – Enkel der Täter und der Mitläufer. Wir sollten die Erinnerung wachhalten und wieder zu einer Quelle machen. Damit diese Blindheit und Verblendung sich nicht so einfach und widerstandslos wiederholt. Denn so scheint es heute zu sein: Das Blindsein, das Nicht-Zuhören, das Nicht-Akzeptieren des anderen greift um sich. Als wäre die Erinnerung kein fester Grund mehr, der zeigt, wo die Sümpfe und Abgründe liegen, in denen mein Großvater verloren ging.+Ich glaube, dass das wichtig ist. Meine Generation, die Enkel, die nun selbst älter werden – Enkel der Täter und der Mitläufer - wir sollten die Erinnerung wachhalten und wieder zu einer Quelle machen. Damit diese Blindheit und Verblendung sich nicht so einfach und widerstandslos wiederholt. Denn so scheint es heute zu sein: Das Blindsein, das Nicht-Zuhören, das Nicht-Akzeptieren des anderen greift um sich. Als wäre die Erinnerung kein fester Grund mehr, der zeigt, wo die Sümpfe und Abgründe liegen, in denen mein Großvater verloren ging.
  
  
-Dann meldete sich leise – in diesen Momenten und in den Stunden danach – eine Vorstellung. Jemanden zu sehen oder zu hören, der nicht Teil des Propagandazuges war und auch nicht Teil von Ludwigs bejahender Umgebung. Jemand, der an diesem Tag am Rande gestanden hatte, vielleicht nicht mehr offen sprach, weil man es ihm schon ausgetrieben hatte, und der in diesem vorbeiziehenden Propagandamarsch alles andere als eine schöne Verheißung sah. +Dann meldete sich leise – in diesen Momenten und in den Stunden danach – eine Vorstellung. Jemanden zu sehen oder zu hören, der nicht Teil des Propagandazuges war und auch keiner der begeisterten Zuschauer. Jemand, der an diesem Tag am Rande gestanden hatte, vielleicht nicht mehr offen sprach, weil man es ihm schon ausgetrieben hatte, und der in diesem vorbeiziehenden Propagandamarsch alles andere als eine schöne Verheißung sah. 
-Ich begann zu überlegen, wer das gewesen sein könnte – und begann dann zusammen mit Claude eine Stimme zu entwerfen: Emil Hoffmann, eine fiktive Figur, die vielleicht in Kaiserslautern gelebt hat, vielleicht SPD-Mitglied war, die in Osthofen bei Worms interniert und gebrochen wurde und 1935 hier am Rande stand, in einer Art innerer Verlorenheit, schweigend dem Zug zuschauend.+Ich begann zu überlegen, wer das gewesen sein könnte – und begann dann zusammen mit Claude eine Stimme zu entwerfen: Emil Hoffmann, eine fiktive Figur, der vielleicht in Kaiserslautern gelebt hat, vielleicht SPD-Mitglied war, der in Osthofen bei Worms interniert und gebrochen wurde und 1935 hier am Rande stand, in einer Art innerer Verlorenheit, schweigend dem Zug zuschauend.
  
-Ich beschloss, diese Stimme nicht nur zu schreiben, sondern sie auch zu einem Lied zu machen – veröffentlicht, nach außen gehend. Nicht der junge Ludwig, der zwischen der Begeisterung seiner Jugend und dem Entsetzen über das, was daraus wurde, steht. Sondern ein gebrochener Mensch, der sieht, was geschieht, weiß, dass er nichts dagegen tun kann, und dessen Stimme den Anfang macht in diesem Projekt.+Ich beschloss, diese Stimme nicht nur zu schreiben, sondern sie auch zu einem Lied zu machen – veröffentlicht, nach außen gehend. Ein gebrochener Mensch, der sieht, was geschieht, weiß, dass er nichts dagegen tun kann, und dessen Stimme den Anfang macht in diesem Projekt ([[.:stimmen:emil|Emils Lied]]).
  
 {{:ludwig:malertagebuch:img_6347.jpeg?nolink&400|}} {{:ludwig:malertagebuch:img_6347.jpeg?nolink&400|}}