ludwig:stimmen:schmuel
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| ludwig:stimmen:schmuel [2026/04/20 14:12] – [Das Lied] admin | ludwig:stimmen:schmuel [2026/04/23 23:45] (aktuell) – [Was danach kam.] admin | ||
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| - | //Kaiserslautern, 1897–1943// | + | //Ostgalizien, 1895(?) - 1942 (?) // |
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| ===== Das Lied ===== | ===== Das Lied ===== | ||
| - | //Emils Lied — entstanden im Gespräch zwischen Stefan Budian und Claude (KI) mit Suno (KI), April 2026// | + | //Schmuels |
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| //Eine Stimme aus Ostgalizien, | //Eine Stimme aus Ostgalizien, | ||
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| - | Er heißt Schmuel Katz. Oder Schmuel Rosenblum. Oder Schmuel Feigenbaum. Der Name ist nicht überliefert, | + | Er heißt Schmuel Katz. Oder Schmuel Rosenblum. Oder Schmuel Feigenbaum. Der Name ist nicht überliefert, |
| + | Er wurde geboren in einem Shtetl in Ostgalizien, irgendwann zwischen 1895 und 1905. Die Gegend lag damals noch in der Habsburger Monarchie — einer Welt, die er als Kind gekannt hat und die es beim Einmarsch von Ludwigs Motorrad längst nicht mehr gab. Die k.u.k.-Monarchie war 1918 untergegangen und es gab jetzt wieder ein selbständiges Polen. | ||
| - | Er wurde geboren in einem Shtetl in Ostgalizien, | + | Sein Vater war Händler gewesen. Stoffe, vielleicht. Oder Getreide. Oder er hatte einen kleinen Laden, in dem es von allem ein bisschen gab und von nichts genug. Die jüdische Mittelschicht Galiziens lebte zwischen Würde und Armut, zwischen Talmud und Tagesgeschäft. Sein Vater roch nach dem, womit er handelte. Schmuels Kinder würden sich daran erinnern, wie er gerochen |
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| - | Sein Vater war Händler gewesen. Stoffe, vielleicht. Oder Getreide. Oder er hatte einen kleinen Laden, in dem es von allem ein bisschen gab und von nichts genug. Die jüdische Mittelschicht Galiziens | + | |
| Schmuel sprach Jiddisch zu Hause, Polnisch auf dem Markt, Hebräisch in der Synagoge. Er las die jiddische Zeitung Haynt, die aus Warschau kam und manchmal drei Tage zu spät. Er wusste, was in Deutschland geschah. Er hatte gelesen von den Nürnberger Gesetzen, von den Boykotten, von der Kristallnacht. Er hatte Verwandte, die gegangen waren — nach Amerika, nach Argentinien, | Schmuel sprach Jiddisch zu Hause, Polnisch auf dem Markt, Hebräisch in der Synagoge. Er las die jiddische Zeitung Haynt, die aus Warschau kam und manchmal drei Tage zu spät. Er wusste, was in Deutschland geschah. Er hatte gelesen von den Nürnberger Gesetzen, von den Boykotten, von der Kristallnacht. Er hatte Verwandte, die gegangen waren — nach Amerika, nach Argentinien, | ||
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| ==== Die Stimmen, die in ihm stritten. ==== | ==== Die Stimmen, die in ihm stritten. ==== | ||
| - | Er war kein einfacher Mensch, Schmuel. Das ist das Wichtigste. Er war zerrissen — nicht weil er schwach war, sondern weil die Welt um ihn herum ihm gleichzeitig vier verschiedene Wahrheiten | + | Er war kein einfacher Mensch, Schmuel. Er war zerrissen — denn die Welt um ihn herum bot gleichzeitig vier verschiedene Wahrheiten |
| Der Rabbiner sagte: Bitokhn — Vertrauen. Gott hat uns aus Ägypten geführt. Gott hat uns durch die Pogrome der Kosaken geführt. Durch die Kreuzzüge, durch die Inquisition, | Der Rabbiner sagte: Bitokhn — Vertrauen. Gott hat uns aus Ägypten geführt. Gott hat uns durch die Pogrome der Kosaken geführt. Durch die Kreuzzüge, durch die Inquisition, | ||
| Schmuel hörte das und fühlte, wie es in ihm ankam. Sein Vater hatte das geglaubt. Sein Großvater. Die Knochen in dem Friedhof hinter der Synagoge hatten das geglaubt. | Schmuel hörte das und fühlte, wie es in ihm ankam. Sein Vater hatte das geglaubt. Sein Großvater. Die Knochen in dem Friedhof hinter der Synagoge hatten das geglaubt. | ||
| - | Der Bundist sagte: Hier ist unsere Heimat, und wir kämpfen hier. Der Bund — die Allgemeine Jüdische Arbeiterbewegung — war stark in den polnischen Städten. | + | Der Bundist sagte: Hier ist unsere Heimat, und wir kämpfen hier. Der Bund — die Allgemeine Jüdische Arbeiterbewegung — war stark in den polnischen Städten. |
| Schmuel war kein Bundist. Aber er verstand ihn. Er hatte selbst an Streiks teilgenommen, | Schmuel war kein Bundist. Aber er verstand ihn. Er hatte selbst an Streiks teilgenommen, | ||
| - | Sein Sohn Moyshe sagte: Palästina. Moyshe war neunzehn oder zwanzig, und er hatte Feuer in den Augen. Er gehörte zu den Zionisten — vielleicht zu HaShomer HaTzair, den linken | + | Sein Sohn Moyshe sagte: Palästina. Moyshe war neunzehn oder zwanzig, und er hatte Feuer in den Augen. Er gehörte zu den Zionisten, die eine jüdische Heimat im Land der Vorväter aufbauen wollten. |
| Schmuel sah seinen Sohn an und erkannte sich selbst in einer anderen Zeit. Und er wusste: Moyshe hat vielleicht recht. Vielleicht ist er derjenige, der von uns allen überleben wird. | Schmuel sah seinen Sohn an und erkannte sich selbst in einer anderen Zeit. Und er wusste: Moyshe hat vielleicht recht. Vielleicht ist er derjenige, der von uns allen überleben wird. | ||
| - | Sein Schwager Berl — der schon gegangen war, nach New York, vor drei Jahren — schrieb: Komm. Komm jetzt. Ich habe Geld für die Fahrkarten. Komm mit der ganzen Familie. Berl hatte eine Wohnung in der Bronx. Berl arbeitete in einer Schneiderei. | + | Sein Schwager Berl — der schon gegangen war, nach New York, vor drei Jahren — schrieb: Komm. Komm jetzt. Ich habe Geld für die Fahrkarten. Komm mit der ganzen Familie. Berl hatte eine Wohnung in der Bronx und arbeitete in einer Schneiderei. |
| Schmuel las Berls Brief und rechnete. Er hatte Geld für drei Fahrkarten gespart. Seine Frau, sein Sohn Moyshe, er selbst. Aber da war auch seine Mutter, die siebzig war und nicht gehen wollte. Da war seine Schwiegermutter, | Schmuel las Berls Brief und rechnete. Er hatte Geld für drei Fahrkarten gespart. Seine Frau, sein Sohn Moyshe, er selbst. Aber da war auch seine Mutter, die siebzig war und nicht gehen wollte. Da war seine Schwiegermutter, | ||
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| Er wusste von Pogromen. Seine Großeltern hatten die Pogrome von 1881 überlebt, oder nicht überlebt — die Familie trug diese Geschichte. Er wusste, dass Menschen kommen und Häuser anzünden können, dass man fliehen muss, dass man wiederkommt, | Er wusste von Pogromen. Seine Großeltern hatten die Pogrome von 1881 überlebt, oder nicht überlebt — die Familie trug diese Geschichte. Er wusste, dass Menschen kommen und Häuser anzünden können, dass man fliehen muss, dass man wiederkommt, | ||
| - | Was er nicht wusste — was niemand wusste, weil es undenkbar war — war das Wort systematisch. Berl hatte es verwendet, in einem seiner Briefe. Sistematish. Die Deutschen gehen systematisch | + | Was er nicht wusste — was niemand wusste, weil es undenkbar war — war das Wort planmäßig. Berl hatte es verwendet, in einem seiner Briefe. Die Deutschen gehen planmäßig |
| - | Das war außerhalb des menschlich Denkbaren. Nicht weil er naiv war. Sondern weil es tatsächlich außerhalb des menschlich Denkbaren lag. | + | Das war außerhalb des menschlich Denkbaren. |
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| Er dachte: Ich weiß nicht, was ich weiß.\\ | Er dachte: Ich weiß nicht, was ich weiß.\\ | ||
| - | Er faltete Berls Brief zum vierten Mal und legte ihn in die Schublade zu den anderen Briefen. Er stand auf und ging hinein, weil das Abendessen wartete, weil Moyshe seine Lektion lernen musste, weil seine Frau das Tuch gefaltet und wieder gefaltet hatte und nichts gesagt hatte, und weil man bis zum letzten Augenblick ein Mensch bleibt, der nach Hause geht. | + | Er faltete Berls Briefer würde |
| Ein paar Wochen später fuhr Ludwig auf seinem Motorrad an ihm vorbei.\\ | Ein paar Wochen später fuhr Ludwig auf seinem Motorrad an ihm vorbei.\\ | ||
| Oder an seinem Haus. Oder an seinem Markt. Oder an dem Stein, auf dem er gesessen hatte.\\ | Oder an seinem Haus. Oder an seinem Markt. Oder an dem Stein, auf dem er gesessen hatte.\\ | ||
| - | Ludwig schrieb es nicht auf. Oder er schrieb es auf und bemerkte | + | Ludwig schrieb es nicht auf. Er bemerkte |
| - | Schmuel sah Ludwig.\\ | + | Aber Schmuel sah Ludwig.\\ |
| ==== Was danach kam. ==== | ==== Was danach kam. ==== | ||
| - | Das überschreitet den Rahmen dieser Biografie. Nicht weil es nicht wichtig wäre — sondern weil es das Wichtigste ist, das wir nicht aussprechen, | + | Das überschreitet den Rahmen dieser Biografie. Die Vernichtungslager in Galizien kamen ab 1942. Operation Reinhard. Bełżec war das nächste. Dort wurden die Juden Ostgaliziens in Zügen hingebracht und innerhalb von Stunden ermordet. Keine Zeit im Ghetto, keine Zwangsarbeit, |
| Ob Schmuel gegangen ist oder geblieben, ob Moyshe entkommen ist oder nicht, ob die drei Fahrkarten jemals gekauft wurden — das wissen wir nicht. Das ist das Schweigen, das am Ende jeder Biografie steht, die aus dieser Welt stammt. | Ob Schmuel gegangen ist oder geblieben, ob Moyshe entkommen ist oder nicht, ob die drei Fahrkarten jemals gekauft wurden — das wissen wir nicht. Das ist das Schweigen, das am Ende jeder Biografie steht, die aus dieser Welt stammt. | ||
| Was wir wissen: Die Welt, in der er lebte, existiert nicht mehr. Die Synagoge, der Marktplatz, der Friedhof hinter der Synagoge, die Klarinette, das Jiddische, das Tikhl auf dem Tisch — alles das wurde ausgelöscht. Nicht durch Vergehen der Zeit, sondern durch Absicht. | Was wir wissen: Die Welt, in der er lebte, existiert nicht mehr. Die Synagoge, der Marktplatz, der Friedhof hinter der Synagoge, die Klarinette, das Jiddische, das Tikhl auf dem Tisch — alles das wurde ausgelöscht. Nicht durch Vergehen der Zeit, sondern durch Absicht. | ||
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| - | Nito. Nicht mehr da. | ||
| ==== Warum diese Stimme. ==== | ==== Warum diese Stimme. ==== | ||