text:narva_2026
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| text:narva_2026 [2026/01/20 10:21] – [1. Vorbereitungen] admin | text:narva_2026 [2026/01/26 14:49] (aktuell) – [Tag 3/01] admin | ||
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| //20. Januar 2026, Mainz//\\ | //20. Januar 2026, Mainz//\\ | ||
| - | und Narva. | + | Heute ist der 20. Januar 2026 und es ist der Morgen meiner Reise nach Tallinn und dann weiter nach Narva. Ich habe das Gefühl, es ist eine sehr komplexe Aufgabe, die ich mir da gesucht habe. In den letzten Tagen wurde ich gefragt, was ich eigentlich dort mache in Narva. Dann habe ich oft zuerst beschrieben, |
| - | Auf der einen Seite: Estland, EU, NATO - auf der anderen Seite dieses so weit von uns sich wegbewegende Russland. Und dazwischen eine Brücke. Und wenn ich mir vorstelle, was eine Brücke sein könnte und was sie bedeutet, dann konzentriert sich das in meinem Denken im Moment auf //diese// Brücke. Die Brücke über die Narva, die Brücke zwischen der Stadt Narva und der Stadt auf der anderen Seite, Iwangorod. | + | Auf der einen Seite: Estland, EU, NATO. Auf der anderen Seite: dieses so weit von uns sich wegbewegende Russland. Und dazwischen eine Brücke. Und wenn ich mir vorstelle, was eine Brücke sein könnte und was sie bedeutet, dann konzentriert sich das in meinem Denken im Moment auf //diese// Brücke. Die Brücke über die Narva, die Brücke zwischen der Stadt Narva und der Stadt auf der anderen Seite, Iwangorod. |
| - | Ich freue mich darauf, morgen an dieser Brücke zu stehen, auf sie zu schauen. Und dort , im Blick auf diese Brücke, über den Zustand der Welt nachzudecken. | + | Ich freue mich darauf, morgen an dieser Brücke zu stehen, auf sie zu schauen. Und dort, im Blick auf diese Brücke, über den Zustand der Welt nachzudecken. |
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| + | Morgens im Hotel „Economy“ in Tallin. Der Frühstücksraum scheint tagsüber ein ukrainisches Restaurant zu sein. Ich denke an die Brücke in Narva und will versuchen, näher zu beschreiben, | ||
| + | Für mich ist sie nicht ein eindeutiges Bekenntnis zu etwas, sondern eher das Symbol für einen Gedanken oder für ein Feld. Eine Brücke ist etwas, das gegenüberliegende Dinge miteinander verbindet. Eine Welt mit einer anderen. Vielleicht sind beide Welten ähnlich oder sogar wesensgleich? | ||
| + | Zu meiner Überraschung und zur Überraschung all derer, die die Grundrichtungen der Weltordnung der Nachkriegszeit in Europa für selbstverständlich gehalten haben, steht die Art und Weise des Miteinander durch Brücken Verbundenseins in unserer heutigen Wirklichkeit nicht nur zur Disposition, | ||
| + | Ich bin in dem Gedanken aufgewachsen, | ||
| + | Der eigentliche Raum, den die Brücke unter dieser Perspektive bedeutet, ist der einer Kraftprobe. Eine Dominanzübung. Die Idee des Ausgleichs und des Kompromisses wäre dabei nur Fassade und schöner Schein. Oder, wenn sie sich selbst zu ernst nimmt und von sich glaubt, das Eigentliche zu sein, ein bedrohliches Phänomen der Dekadenz. Denn die Bereitschaft des Anerkennens der Identität und der Interessen des Gegenüber lädt in Wirklichkeit die fremde Macht auf der anderen Seite der Brücke nur zur Invasion in das eigene ein. \\ | ||
| + | Das ist wieder eine Gegenüberstellung, | ||
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| + | Vorm Fenster des Frühstücksraums stapfen Menschen durch den Schnee. Ich sitze hier wie in einem warmen ukrainischen Wohnzimmer, schaue in die kalte Welt da draußen. Denke für einen Augenblick an die Angriffe auf die Ukraine, auf die ukrainische Infrastruktur. Auf die Wohnzimmer dort. Die nicht mehr warm sind, weil sie nicht geheizt werden können. Und an die Menschen, die an der Front im Schnee sterben. \\ | ||
| + | Und auch wenn die Gedanken daran wie ein Beweis erscheinen, dass die Idee einer offenen Brücke für unsere Zeit gescheitert ist, möchte ich den Glauben daran nicht aufgeben. Denn ich denke, auch wenn die konfrontative Version von Begegnun für den Augenblick von großer Macht und Unausweichlichkeit ist, hat sie dennoch keine Gestaltungskraft für die Zukunft. \\ | ||
| + | Denn sie schließt das Andere aus, vernichtet es - und verliert dadurch sein Potenzial. Auch wenn es sich für den Moment wie ein Sieg anfühlen kann, halte ich es auf längere Sicht gesehen für den Verlust der Fülle von Möglichkeiten. Und ich denke. Dass die Menschheit sich diesen Verlust eigentlich nicht leisten kann.Wenn sie, wie es meiner Meinung nach ja der Fall ist, insgesamt in eine bedrohliche ökologische Lage geraten ist. \\ | ||
| + | Im Flugzeug gestern, in der Dreiergruppe, | ||
| + | Die beiden sagten, sie vermeiden es, Nachrichten zu hören. Jedenfalls für den Moment. Aber dennoch genossen wir es, glaube ich, alle drei, dieses Gefühl der Möglichkeit und das Sich-Ereignen einer freundlichen, | ||
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| + | ==== Tag 2/02 ==== | ||
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| + | Ich bin jetzt im Zug nach Narva und bald werde ich erfahren, ob die fiktiven Interviews aus der Zusammenarbeit mit den der KI Stimme (link) etwas mit der Realität zu tun haben. Ob sie vielleicht sogar interessant sind. Die ganze Zeit hatte ich mich mehr oder weniger darauf verlassen, jetzt ist das Gefühl anders, schon hier im Zug. Ich höre nur Russisch, mir gegenüber sitzt eine junge Mutter, ihr Baby friedlich schlafend im Arm. | ||
| + | Ich stelle mir ihr Leben vor in Narva - und kann es natürlich nicht. Der Versuch schon fühlt sich vermessen an. | ||
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| + | In Narva angekommen, setze mich einen Augenblick in die Bahnhofshalle. Ich weiß noch nicht, wo ich jetzt bleiben werde. Eine Empfehlung habe ich, das Kunsthaus NART und wenn die mich dort unterbringen können, ist das gut. Wenn nicht, werde ich mein Apartment suchen oder ein Hotel. Aber ich wollte nicht vorher buchen, sondern Gelegenheit lassen für Spontaneität und Zufälle. Also weiß ich noch gar nicht, was jetzt passieren wird Im Augenblick freue ich mich einfach, eingetroffen zu sein an dem Ort, an den ich jetzt schon so viel gedacht habe. | ||
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| + | Bald wird dieser Ort sich füllen mit tatsächlichen Ereignissen, | ||
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| + | Nachdem ich am Bahnhof war, suchte ich mir ein Hotel und hatte dann das Glück, dass ich im Kunsthaus NART, über Vermittlung von Jörn, einem Professor der EKA (Eesti Kunstiakadeemia) | ||
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| + | ==== Tag 3/01 ==== | ||
| + | //22. Januar 2026, Mainz//\\ | ||
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| + | Am nächsten Morgen kommt Denis, der Stadtführer, | ||
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| + | Denis sagt: „durch natürliche Auslese starben diese Phänomene aus in der Stadt“, mit einer schalkhaften Selbstironie, | ||
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| + | Ich begegne der Geschichte. Früher war Narva eine wunderschöne Stadt, eine Perle des Barocks. Schweden hatte sie bis ins späte 17. Jahrhundert dazu ausgebaut, mit einer riesigen Festungsanlage, | ||
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| + | Ein Gebäude, das wieder aufgebaut wurde, ist das Rathaus. Dort sitze ich mit Denis und wir lesen die elf simulierten Stimmen aus Narva, die die KI Noyan und ich geschrieben haben in der russischen Version. Ich bin sehr gespannt und dann erleichtert und froh, das Denis die Texte aufnimmt, nicht wie eine Überformung oder unbescheidene Behauptung, sondern er kommt ins Erzählen, ins Weiterspinnen. Die Geschichten der elf Stimmen bringen Themen auf, als könnte es die Leute, die in ihnen sprechen geben und sie erinnern an die Geschichten anderer Leute aus Narva. An Denis Schwester, an ihn selbst.\\ | ||
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| + | Zweitausendsieben gab es einen Streit zwischen dem jungen Estland und Russland. Putin war schon damals in Russland an der Macht und verlangte, dass Estland anerkennen solle, dass die sowjetische Zeit eine Befreiung für Estland war. Estland hingegen, bestand auf der Interpretation, | ||
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| + | Die Interpretationsweisen dieser Ereignisse trennen seitdem die europäische Welt, zu der ja auch Russland gehört, scharf. Auf der Brücke in Narva ist der Austausch nach und nach fast völlig zum Erliegen gekommen. Alexei, ein Journalist aus Narva sagt: Früher war Narva eine langweilige Stadt mit zwei interessanten Vorstädten. St. Petersburg und Tallinn. Vielleicht kann es einmal wieder so werden? Vielleicht kann die Welt wieder aufhören, so verrückt zu spielen? Vielleicht können Europa und die EU sich wieder darauf besinnen, dass sie Pluralismus sind und nicht Lagerdenken? | ||
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