ludwig:stimmen:betende_frau
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| - | ====== Die betende Frau – erfundene Figur ====== | + | ====== Die betende Frau (erfundene Figur) ====== |
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| - | Wir kennen ihren Namen nicht. Vielleicht hieß sie Maria. Vielleicht Zofia oder Agnieszka. Ludwig Breining hat ihn nicht aufgeschrieben. Von ihrem Leben ist in seinem Feldtagebuch nichts überliefert – außer einigen Minuten am Abend des 8. September 1939. | + | ===== Was wir über sie wissen – und was nicht ===== |
| - | Wenn sie aus Ksany oder der unmittelbaren Umgebung stammte, war sie sehr wahrscheinlich Polin und römisch-katholisch. Der polnische Zensus von 1921 verzeichnete für Ksany 545 Einwohner; alle wurden dort als römisch-katholisch und polnischer Nationalität geführt. Achtzehn Jahre später beweist das selbstverständlich nichts über diese einzelne | + | Die betende |
| - | Vielleicht war sie dreißig Jahre alt, vielleicht fünfzig. Vielleicht hatte sie Kinder. Vielleicht wartete irgendwo jemand auf sie. Vielleicht | + | Am 8. September 1939 wurde im Raum Ksany schwer gekämpft. Teile des Polnischen 11. Infanterieregiments der Armee „Kraków“ verteidigten das Gebiet gegen die vorrückenden deutschen Truppen. Ludwig lag mit seinem Gewehr in Stellung. Sein Unteroffizier und Freund Eckstein |
| - | Am 8. September 1939 wurde im Raum Ksany und Ksany-Kolonia schwer gekämpft. Teile des polnischen 11. Infanterieregiments der Armee „Kraków“ verteidigten das Gebiet gegen die vorrückenden deutschen Truppen. Ksany-Kolonia brannte; am späten Nachmittag mussten sich die polnischen Verteidiger zurückziehen. Auch die Erinnerungsschrift von Ludwigs eigener Kompanie bezeichnet diesen Abschnitt ihres Vormarsches ausdrücklich mit „Ksany am 8. September 1939“.((Gmina Opatowiec: Darstellungen zur Septemberkampagne 1939 in Ksany; IPN BU 2972/8, Erinnerungsalbum | + | Die Frau ging weiter. Wir wissen nicht, ob sie ihn verstand. Wir wissen nicht, ob sie ihn überhaupt hörte. Vielleicht hatte sie Angst. Vielleicht war sie erschöpft. Vielleicht war etwas anderes |
| - | Ludwig | + | An einer Ecke erkannte |
| - | In der Dämmerung sah Ludwig | + | Ludwig |
| - | Die Frau ging weiter. | + | Ludwig schrieb, das Bild habe ihn „eigenartig berührt“. Dann wurde es Nacht. Ludwig notierte: „Noch immer kniet die Frau am Kreuz.“ |
| - | Wir wissen nicht, | + | Danach verliert sich ihre Spur. Wir wissen nicht, |
| - | An einer Ecke erkannte Ludwig ein Heiligenbild. Die Frau blieb dort stehen, wandte sich zur Wand und kniete nieder. Später nennt Ludwig den Ort ein Kreuz. Welche Form dieses Heiligenbild oder Kreuz genau hatte, wissen wir nicht. | + | Wir kennen ihren Namen nicht, und auch was sie betete, wissen wir nicht. |
| - | Ludwig beobachtete | + | Wenn sie aus Ksany oder der unmittelbaren Umgebung stammte, war sie sehr wahrscheinlich Polin und römisch-katholisch. Vielleicht war sie dreißig Jahre alt, vielleicht fünfzig. Vielleicht hatte sie Kinder. Vielleicht wartete irgendwo jemand auf sie. Vielleicht war ihr Haus beschädigt worden, vielleicht stand es noch. Wir wissen es nicht. Was wir wissen, beginnt erst inmitten des Krieges. |
| - | Was sie betete, wissen wir nicht. Vielleicht bat sie darum, dass ihre Familie lebte. Vielleicht betete sie für einen Verwundeten. Vielleicht für die Toten. Vielleicht für sich selbst. Vielleicht sprach sie ein Gebet, das sie seit ihrer Kindheit kannte und das keiner Erklärung bedurfte. Vielleicht betete sie auch gar nicht für etwas. Vielleicht war das Knien selbst das Einzige, was ihr noch möglich war. | + | In unserem Projekt bleibt |
| - | Ludwig schrieb, das Bild habe ihn „eigenartig berührt“. Er konnte die Frau sehen, aber er wusste nichts über sie. Für einen kurzen Augenblick trat sie dennoch aus der Landschaft hervor, durch die seine Einheit kämpfend zog. | + | Ludwigs Feldtagebuch erzählt den Krieg aus der Sicht eines überzeugten deutschen Soldaten. Für wenige Zeilen erscheint darin eine Frau, die nicht marschiert, nicht befiehlt und nicht schießt. |
| - | Dann wurde es Nacht. Ludwig notierte: „Noch immer kniet die Frau am Kreuz.“ | + | Sie kniet. |
| - | Danach verliert sich ihre Spur. Wir wissen nicht, wann sie aufstand. Wir wissen nicht, wohin sie ging. Wir wissen nicht, ob sie den Krieg überlebte. | ||
| - | In unserem Projekt bleibt sie deshalb die betende Frau. Ihre Biografie ist keine Rekonstruktion eines dokumentierten Lebens. Sie ist eine künstlerische Annäherung an einen Menschen, von dem die Geschichte fast nichts bewahrt hat. | + | ===== Zur Entstehung der Figur ===== |
| - | Im Lied bekommt | + | Die Suche nach der betenden Frau beginnt mit einem Paradox: Über sie selbst wissen wir fast nichts. Je genauer wir jedoch die Welt um sie herum betrachten, desto weniger beliebig wird unsere Vorstellung |
| - | Ludwigs Feldtagebuch erzählt den Krieg aus der Sicht eines überzeugten deutschen Soldaten. Für wenige Zeilen erscheint darin eine Frau, die nicht marschiert, nicht befiehlt, nicht schießt und keinen Sieg beschreibt. | ||
| - | Sie kniet. Und bleibt. Bis es dunkel wird. | + | ==== Ksany am 8. September 1939 ==== |
| + | Der Ort lässt sich inzwischen recht gut bestimmen. In der Erinnerungsschrift der 1. Kradschützen-Kompanie des Schützen-Regiments 13, zu der Ludwig gehörte, trägt ein eigener Abschnitt die Überschrift „Ksany am 8. September 1939“. Polnische Darstellungen derselben Kämpfe berichten, dass an diesem Tag das Polnische 11. Infanterieregiment im Raum Ksany heftigen Widerstand gegen deutsche Panzertruppen leistete. Besonders Ksany-Kolonia stand im Zentrum der Kämpfe und brannte. Am späten Nachmittag begann der polnische Rückzug. Ludwigs Begegnung mit der Frau fügt sich damit sehr genau in den von polnischen und deutschen Quellen beschriebenen Ablauf ein.((IPN BU 2972/8; Gmina Opatowiec: Kampania Wrześniowa 1939.)) | ||
| - | ==== Zur Entstehung der Figur ==== | ||
| - | Die Suche nach der betenden Frau beginnt mit einem Paradox: Über sie selbst wissen wir fast nichts. Je genauer wir jedoch die Welt um sie herum betrachten, desto weniger beliebig wird unsere Vorstellung davon, wer sie gewesen sein könnte. | + | ==== Eine polnisch-katholische Lebenswelt ==== |
| - | Der Ort lässt sich inzwischen recht gut bestimmen. In der Erinnerungsschrift der 1. Kradschützen-Kompanie des Schützen-Regiments 13, zu der Ludwig gehörte, trägt ein eigener Abschnitt die Überschrift „Ksany am 8 September 1939“. Polnische Darstellungen derselben Kämpfe berichten, dass an diesem Tag das 11. polnische Infanterieregiment im Raum Ksany heftigen Widerstand gegen deutsche Panzertruppen leistete. Besonders Ksany-Kolonia stand im Zentrum | + | Auch über die Bevölkerung des Dorfes |
| - | Auch über die Bevölkerung des Dorfes lässt sich etwas sagen. Die Volkszählung von 1921 verzeichnet für Ksany 545 Menschen. Alle wurden als römisch-katholisch und zugleich als polnischer Nationalität erfasst. Die Volkszählung lag achtzehn Jahre vor der Begegnung und sagt selbstverständlich nichts über die Herkunft dieser konkreten Frau. Sie macht aber eine Zugehörigkeit wahrscheinlich: | + | Falls sie eine Einwohnerin von Ksany war, dürfen wir uns ihre soziale und religiöse Welt zunächst als die einer polnischen katholischen Landbevölkerung vorstellen.((Główny Urząd Statystyczny Rzeczypospolitej Polskiej: Volkszählung 1921, Ortsverzeichnis der Woiwodschaft Kielce.)) |
| Für diese Welt war Religion nicht nur eine Angelegenheit des sonntäglichen Gottesdienstes. Untersuchungen zum religiösen Leben der ländlichen und kleinstädtischen Bevölkerung der damaligen Region Kielce beschreiben die Pfarrei als Zentrum einer lokalen Gemeinschaft. Besonders wichtig waren überlieferte religiöse Praktiken: Gebete, Prozessionen, | Für diese Welt war Religion nicht nur eine Angelegenheit des sonntäglichen Gottesdienstes. Untersuchungen zum religiösen Leben der ländlichen und kleinstädtischen Bevölkerung der damaligen Region Kielce beschreiben die Pfarrei als Zentrum einer lokalen Gemeinschaft. Besonders wichtig waren überlieferte religiöse Praktiken: Gebete, Prozessionen, | ||
| Dadurch verändert sich auch unser Blick auf die Frau. Dass sie mitten in einer zerstörten Ortschaft zu einem Heiligenbild oder Kreuz geht und dort niederkniet, | Dadurch verändert sich auch unser Blick auf die Frau. Dass sie mitten in einer zerstörten Ortschaft zu einem Heiligenbild oder Kreuz geht und dort niederkniet, | ||
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| + | ==== Das Kreuz und die Erinnerung an 1914 ==== | ||
| Zu Ksany gehört außerdem eine ältere Kriegserinnerung. Das Dorf war schon im September 1914 während der Kämpfe des Ersten Weltkriegs schwer zerstört worden und hatte gebrannt. Eine steinerne religiöse Figur beim damaligen Schulplatz wurde 1928 nach der Kriegszerstörung „vom Fundament auf“ wiederhergestellt; | Zu Ksany gehört außerdem eine ältere Kriegserinnerung. Das Dorf war schon im September 1914 während der Kämpfe des Ersten Weltkriegs schwer zerstört worden und hatte gebrannt. Eine steinerne religiöse Figur beim damaligen Schulplatz wurde 1928 nach der Kriegszerstörung „vom Fundament auf“ wiederhergestellt; | ||
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| Wir wissen nicht, ob eines dieser religiösen Zeichen dasjenige war, vor dem die Frau 1939 kniete. Es wäre falsch, beide einfach gleichzusetzen. Aber die Entdeckung verändert den Möglichkeitsraum der Figur. Ein Kreuz, das Krieg, Brand und Wiederaufbau bereits in sich trug, gehörte tatsächlich zur Landschaft dieses Dorfes. | Wir wissen nicht, ob eines dieser religiösen Zeichen dasjenige war, vor dem die Frau 1939 kniete. Es wäre falsch, beide einfach gleichzusetzen. Aber die Entdeckung verändert den Möglichkeitsraum der Figur. Ein Kreuz, das Krieg, Brand und Wiederaufbau bereits in sich trug, gehörte tatsächlich zur Landschaft dieses Dorfes. | ||
| - | Wenn die betende Frau 1939 etwa vierzig oder fünfzig Jahre alt gewesen wäre, könnte sie zudem die Zerstörung von 1914 als Kind oder junge Frau selbst erlebt haben. Auch das wissen wir nicht. Aber plötzlich erhält die erfundene Liedzeile „Ich kenne dieses Kreuz schon lange“ | + | Wenn die betende Frau 1939 etwa vierzig oder fünfzig Jahre alt gewesen wäre, könnte sie zudem die Zerstörung von 1914 als Kind oder junge Frau selbst erlebt haben. Auch das wissen wir nicht. Aber es enthält |
| - | Bei der musikalischen Gestaltung stellte sich deshalb | + | |
| + | ==== Serdeczna Matko – der musikalische Bezugsraum ==== | ||
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| + | Bei der musikalischen Gestaltung stellte sich die Frage, welche Klangwelt zu einer solchen Frau gehört haben könnte. Für das Lied wurde als Orientierung die polnische Marienhymne //Serdeczna Matko// gewählt. Diese Entscheidung erwies sich bei der Recherche als historisch gut begründbar. | ||
| „Serdeczna Matko, opiekunko ludzi“ ist keine moderne folkloristische Erfindung. Die Hymne ist bereits 1838 im //Śpiewnik kościelny// | „Serdeczna Matko, opiekunko ludzi“ ist keine moderne folkloristische Erfindung. Die Hymne ist bereits 1838 im //Śpiewnik kościelny// | ||
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| Zugleich hatte diese Melodie eine politische Nebenbedeutung. Sie ist eng mit der Melodie von //Boże, coś Polskę// verbunden, einer der wichtigsten polnischen religiös-patriotischen Hymnen. Während der deutschen Besatzung wurde deshalb nicht nur //Boże, coś Polskę// verboten, sondern 1941 ausdrücklich auch //Serdeczna Matko// in dieser Melodie. Die Besatzungsbehörden hatten verstanden, dass in einem religiösen Lied zugleich nationale Erinnerung hörbar werden konnte.((Biblioteka Narodowa: Pieśni Niepodległości; | Zugleich hatte diese Melodie eine politische Nebenbedeutung. Sie ist eng mit der Melodie von //Boże, coś Polskę// verbunden, einer der wichtigsten polnischen religiös-patriotischen Hymnen. Während der deutschen Besatzung wurde deshalb nicht nur //Boże, coś Polskę// verboten, sondern 1941 ausdrücklich auch //Serdeczna Matko// in dieser Melodie. Die Besatzungsbehörden hatten verstanden, dass in einem religiösen Lied zugleich nationale Erinnerung hörbar werden konnte.((Biblioteka Narodowa: Pieśni Niepodległości; | ||
| - | Wenn unser Lied musikalisch an //Serdeczna Matko// erinnert, behaupten wir damit nicht, dass die Frau am 8. September 1939 dieses Lied gesungen habe. Ludwig schreibt | + | Wenn unser Lied musikalisch an //Serdeczna Matko// erinnert, behaupten wir damit nicht, dass die Frau am 8. September 1939 dieses Lied gesungen habe. Ludwig schreibt nicht, dass sie sang. Vielleicht sprach sie einen Rosenkranz. Vielleicht ein vertrautes Mariengebet. Vielleicht bewegten sich ihre Lippen kaum. Vielleicht war sie vollkommen stumm. |
| Die Musik versucht deshalb nicht, ihr tatsächliches Gebet zu rekonstruieren. Sie sucht nach einer Klangwelt, aus der dieses Gebet gekommen sein könnte: eine schlichte polnische katholische Marienfrömmigkeit, | Die Musik versucht deshalb nicht, ihr tatsächliches Gebet zu rekonstruieren. Sie sucht nach einer Klangwelt, aus der dieses Gebet gekommen sein könnte: eine schlichte polnische katholische Marienfrömmigkeit, | ||
| - | Gerade deshalb möchten wir die betende Frau nicht weiter „ausfüllen“. Wir könnten ihr einen Nachnamen, ein Geburtsjahr, | + | |
| + | ==== Die Grenze der Erfindung ==== | ||
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| + | Gerade deshalb möchten wir die betende Frau nicht weiter „ausfüllen“. Wir könnten ihr einen Nachnamen, ein Geburtsjahr, | ||
| Wir wissen nicht, wer sie war. | Wir wissen nicht, wer sie war. | ||
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| Wir wissen, dass sie sich vor einem Heiligenbild oder Kreuz niederkniete. | Wir wissen, dass sie sich vor einem Heiligenbild oder Kreuz niederkniete. | ||
| - | Und wir wissen, dass Ludwig, der an diesem Tag gekämpft, geschossen und den Krieg aus der Perspektive | + | Und wir wissen, dass Ludwig, der an diesem Tag gekämpft, geschossen und den Krieg aus der Perspektive |
| Als es dunkel war, kniete sie noch immer dort. | Als es dunkel war, kniete sie noch immer dort. | ||