ludwig:stimmen:wiktor
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| - | # Wiktor Kowalik | + | <WRAP centeralign> |
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| - | *Erfundene Biografie. Erste Fassung, frei geschrieben.* | ||
| - | --- | + | ====== Wiktor Kowalik (erfundene Figur) ====== |
| - | Wiktor Kowalik kam im März 1908 in Będzin zur Welt, als Untertan des russischen Zaren. Sein Vater arbeitete auf der Grube, seine Mutter nahm Wäsche an. Er war zehn, als aus dem Gouvernement Piotrków wieder Polen wurde; er erinnerte sich später vor allem daran, dass in jenem Winter das Brot knapp war und dass die Erwachsenen ununterbrochen redeten. | + | //Waldrand nördlich von Żory, Woiwodschaft Schlesien, 1. September 1939// |
| - | Będzin war eine Stadt am Rand. Auf dem Felsen die alte Burg, unten der schwarze Fluss, dahinter die Schächte | + | // |
| - | Mit einundzwanzig zog man ihn ein. Zwei Jahre Dienst, Infanterie, Kasernenhof und Schießstand und ein Winter, in dem er sich die Ohren erfror. Er war kein guter Soldat und kein schlechter. Was er behielt, war nicht die Ausbildung, sondern die Erfahrung, dass man auch mit fremden Leuten monatelang auskommt, wenn es sein muss. | + | {{jPlayerPlaylist>: |
| - | Zurück in Będzin nahm ihn die Werkstatt der Grube. Er richtete Förderwagen her, wechselte Lager, schweißte, was zu schweißen war. Es war Arbeit, an der man das Ergebnis sah, und das genügte ihm. | + | [[.wiktor: |
| - | Agnieszka Zając lernte er 1931 auf einer Hochzeit kennen, wo sie beide zu den Leuten gehörten, die nicht tanzten. Sie war Näherin, zwei Jahre jünger, und sie hatte eine Art, Dinge auszusprechen, | + | ---- |
| - | Sie wohnten in zwei Zimmern in der Nähe des Bahnhofs, mit einem Hof, in dem vier Familien die Wäsche aufhängten. Das Dach über dem Schuppen war undicht; Wiktor hatte im Frühjahr Blech besorgt und es dann liegen lassen, wie man das mit solchen Sachen macht. Die Leiter stand seit Juli an der Wand. | + | ===== Eine Figur ohne Quelle ===== |
| - | In den dreißiger Jahren stand seine Familie nicht schlechter da als andere und nicht besser. Er hatte 1935 vier Monate keine Arbeit. Er trank sonntags ein Bier, manchmal zwei. Er war in keiner Partei. Er las die Zeitung nicht regelmäßig, | + | Wiktor Kowalik kommt in Ludwigs Feldtagebuch |
| - | Dass er Pole war, war für ihn kein Thema, über das man nachdenkt. Es war so wie die Tatsache, dass er Schlosser war und einen Sohn hatte. Wenn im Sommer 1939 in der Werkstatt über die Deutschen geredet wurde — und es wurde viel geredet —, sagte er wenig. Er glaubte, was die meisten glaubten: dass es vielleicht Krieg gäbe, dass Polen dann eine Weile aushalten müsse, und dass England und Frankreich kommen würden, weil sie es zugesagt hatten. Er hielt das nicht für Heldentum, sondern für Arithmetik. | + | Bei manchen anderen Stimmen dieses Projekts gibt es wenigstens eine Spur in der Quelle: einen Menschen am Straßenrand, einen Satz, eine Beobachtung. Bei Wiktor fehlt selbst |
| - | Die Karte kam an einem Sonntag, dem 27. August. Agnieszka packte Hemden ein und Speck und einen Rosenkranz, den er nicht verlangt hatte. Paweł durfte mit zum Bahnhof und war stolz. Ludka schlief. An der Sperre drehte Wiktor sich nicht um, und er wusste selbst nicht recht, warum. | + | Am 1. September 1939 fuhr Ludwig Breining mit den Kradschützen über die Grenze. Ihre Aufgabe war es, weit vorauszufahren |
| - | Der Zug fuhr über Katowice nach Rybnik, und von Rybnik ging es weiter nach Żory, einer kleinen Stadt, in der er noch nie gewesen war. In den Kasernen stellte man aus den eintreffenden Reservisten Einheiten zusammen. Er bekam ein Gewehr, einen Zugführer, den er vorher nicht gekannt hatte, und neun Männer, von denen er sich in drei Tagen die Namen merkte. | + | Ludwig hat den Mann, der auf ihn zielte, nie gesehen. |
| - | Sie gruben. Am Stadtrand, entlang | + | Wiktor ist der Versuch, diese Lücke nicht zu übergehen. Er ist nicht überliefert. Er ist erfunden aus der Kenntnis dessen, wer an diesem Morgen an dieser Straße gelegen haben könnte, unter welchen Befehlen, mit welcher Ausrüstung |
| - | Am Mittwoch, dem 30. August, stand er auf dem Marktplatz, als die Stadt schwor, Polen bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Er sprach mit, wie alle. Er kannte niemanden, der neben ihm stand. | + | Die Figur ist erfunden. |
| - | Am Abend des 31. August bezog sein Zug eine Stellung am Waldrand nördlich | + | Die Welt, in der sie liegt, ist es nicht. |
| - | Am Morgen des 1. September, gegen neun Uhr, kamen auf der Straße Motorräder. | ||
| - | --- | + | ===== Der Ort und der Tag ===== |
| - | ## Was danach nicht mehr feststeht | + | Ludwigs Verband, die 5. Panzer-Division, |
| - | Hier hört, was ich über ihn wissen kann, auf — nicht aus Bescheidenheit, | + | Gegenüber lag die polnische Abteilung „Rybnik“. Ihr Auftrag war widersprüchlich: |
| - | Was den Männern in diesem Abschnitt an diesem Tag geschah, ist bekannt: Die einen blieben | + | In den Tagen zuvor waren am Stadtrand Schützengräben und Verbindungsgräben ausgehoben worden. Zivilisten halfen |
| - | Für Wiktor Kowalik ist keine dieser Fortsetzungen wahrer als die andere. Er ist erfunden; ich könnte ihn nach Belieben sterben oder heimkommen lassen, | + | Am Morgen des 1. September erschien deutsche Aufklärung in den Wäldern nördlich der Stadt. An einer kleinen Brücke lag ein polnischer Spähtrupp |
| - | Ich möchte trotzdem eine Sache festhalten, die keine Erfindung ist. Będzin, wohin er zurückwollte, | + | Dort liegt Wiktor. |
| - | Er wusste davon nichts. Er lag am Waldrand und hoffte, an Weihnachten wieder am Tisch zu sitzen. Das ist die Form, die dieses Leben hat: ein vollständig vernünftiger Mensch, dessen sämtliche vernünftige Erwartungen an einem einzigen Vormittag ungültig wurden, ohne dass er es merkte. | ||
| - | --- | + | ===== Wiktor Kowalik ===== |
| - | Zwei Dinge, die ihr entscheiden müsst: ob Wiktor | + | Wiktor |
| - | Jetzt zeig mir gern die betende Frau. | + | Będzin ist eine Industriestadt. Auf dem Felsen steht die alte Burg, darunter liegen Schächte, Werkstätten und Zinkwalzwerke. Ein großer Teil der Bevölkerung ist jüdisch; bei der Volkszählung von 1921 sind es mehr als sechzig Prozent der Einwohner.((Der Zensus von 1921 verzeichnete für Będzin 17.298 jüdische Einwohner, 62,1 Prozent der Stadtbevölkerung; |
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| + | Auf dem Markt hört Wiktor Polnisch und Jiddisch nebeneinander. Für ihn ist das nichts Besonderes. Es ist einfach der Klang seiner Stadt. | ||
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| + | Nach der Schule lernt er Schlosser. Mit einundzwanzig wird er zum Militär eingezogen. Zwei Jahre Infanterie, Kasernenhof, | ||
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| + | 1931 lernt er auf einer Hochzeit Agnieszka Zając kennen. Sie ist Näherin und zwei Jahre jünger als er. Im Herbst 1932 heiraten sie. Paweł wird 1933 geboren, Ludka 1937. | ||
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| + | Sie leben in zwei Zimmern in der Nähe des Bahnhofs. Im Hof hängen mehrere Familien ihre Wäsche auf. Am Schuppen ist das Dach undicht. Wiktor hat Blech besorgt, um es zu reparieren, aber die Arbeit immer wieder aufgeschoben. Seit Wochen steht die Leiter an der Wand. | ||
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| + | Wiktor ist in keiner Partei. Politik interessiert ihn, aber sie ist nicht das Zentrum seines Lebens. Er hält sie eher für etwas, das über einen kommt wie Wetter: Man kann sich darauf einstellen, aber man macht es nicht selbst. | ||
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| + | Auch dass er Pole ist, beschäftigt ihn nicht besonders. Es ist für ihn so selbstverständlich wie die Tatsache, dass er Schlosser ist, mit Agnieszka verheiratet ist und zwei Kinder hat. | ||
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| + | Im Sommer 1939 wird in der Werkstatt viel über Deutschland gesprochen. Wiktor sagt wenig. Er glaubt, was damals vernünftig erscheint: Wenn es Krieg gibt, muss Polen einige Zeit standhalten. Dann werden Frankreich und Großbritannien eingreifen. | ||
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| + | Er hält das nicht für Heldentum. | ||
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| + | Eher für Arithmetik. | ||
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| + | Am 27. August kommt seine Einberufung. | ||
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| + | Agnieszka packt Hemden, etwas zu essen und einen Rosenkranz ein, um den er sie nicht gebeten hat. Paweł darf mit zum Bahnhof. Ludka bleibt zu Hause. | ||
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| + | Der Zug bringt Wiktor über Katowice in den Raum Rybnik und Żory. Dort werden Reservisten den vorhandenen Einheiten zugeteilt. | ||
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| + | Sie graben Stellungen. | ||
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| + | Der Sommer ist trocken, der Boden hart. | ||
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| + | Am Abend des 31. August liegt Wiktor mit anderen Männern am Waldrand nördlich von Żory. | ||
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| + | Sie bleiben die ganze Nacht dort. | ||
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| + | Am Morgen des 1. September kommen Motorräder. | ||
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| + | ===== Wo die Erfindung aufhört ===== | ||
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| + | Hier endet Wiktors Biografie. | ||
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| + | Nicht weil wir wissen, dass er an diesem Morgen stirbt. Und auch nicht, weil wir wissen, dass er überlebt. | ||
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| + | Wir wissen beides nicht. | ||
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| + | Was den polnischen Soldaten dieses Abschnitts anschließend geschah, war sehr verschieden. Manche fielen. Andere zogen wie befohlen nach Osten zurück. Manche gerieten in Gefangenschaft. Einige erreichten weitere Verteidigungslinien. | ||
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| + | Für Wiktor wäre jede dieser Fortsetzungen gleich erfunden. | ||
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| + | Deshalb geben wir ihm keine. | ||
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| + | Sein Lied endet mit den Worten: | ||
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| + | „und ich lege an“ | ||
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| + | Die Biografie endet am selben Ort. | ||
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| + | ===== Zur Entstehung der Figur ===== | ||
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| + | ==== Wo Wiktor liegen konnte ==== | ||
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| + | Die 5. Panzer-Division sammelte sich in der Nacht zum 1. September im Grenzraum gegenüber Chwałęcice, | ||
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| + | Zwischen diesem Übergang und Żory liegen etwa fünfundzwanzig Kilometer. | ||
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| + | Irgendwo auf diesem Weg lagen polnische Soldaten, deren Aufgabe es war, die deutsche Aufklärung zu beobachten und aufzuhalten. | ||
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| + | Einen von ihnen nennen wir Wiktor. | ||
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| + | ==== Fünf vernünftige Sätze ==== | ||
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| + | Wiktor ist nicht als Zweifler gebaut. | ||
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| + | Er weiß, zu welcher Seite er gehört. Er muss darüber nicht nachdenken. | ||
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| + | Was ihn tragisch macht, ist etwas anderes: Fast alles, was er an diesem Morgen vernünftigerweise erwarten kann, wird falsch sein. | ||
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| + | Er kann glauben, Polen müsse ungefähr zwei Wochen halten, bis die westlichen Verbündeten eingreifen. Das entspricht der politischen und militärischen Erwartung, auf die Polen seine Bündnisse gegründet hatte. | ||
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| + | Er kann glauben, hinter ihm liege eine Hauptverteidigungslinie, | ||
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| + | Er kann glauben, dass ein Rückzug nach Osten Sicherheit bedeutet. Am 17. September wird dort die Rote Armee einmarschieren. Vom geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Pakts weiß in Polen niemand. | ||
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| + | Er kann glauben, zu Weihnachten wieder bei Agnieszka und den Kindern zu sein. | ||
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| + | Und er kann davon ausgehen, dass eine Panzerdivision sich nach der damals bekannten militärischen Lehre nicht beliebig weit von ihrer nachrückenden Infanterie entfernen wird. | ||
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| + | Nicht der Angriff selbst überrascht die polnische Führung vollständig. | ||
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| + | Sein Tempo tut es. | ||
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| + | Fünf vernünftige Erwartungen. | ||
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| + | Fünfmal falsch. | ||
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| + | Wiktor kann keine davon überprüfen. | ||
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| + | ==== Eine Landschaft komplizierter Loyalitäten ==== | ||
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| + | Die Gegend, in der Wiktor liegt, ist keine einfache nationale Landschaft. | ||
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| + | In Einheiten der Abteilung „Rybnik“ kam es tatsächlich zu Überläufen auf die deutsche Seite. Angehörige der deutschen Minderheit unterstützten an manchen Orten den deutschen Vormarsch, und in Żory schossen örtliche Deutsche auf zurückgehende polnische Soldaten.((Vgl. Grzegorz Bębnik (IPN Katowice): //Niemiecka dywersja na Górnym Śląsku poniosła klęskę//, dzieje.pl, 1. September 2013; ferner Bębnik: //Wrzesień 1939 r. w Katowicach//, | ||
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| + | Aber auch das ist nur ein Teil der Geschichte. | ||
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| + | Die deutschen Versuche, die Loyalität oberschlesischer Soldaten systematisch zu untergraben, | ||
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| + | Und selbst Fahnenflucht bedeutete nicht automatisch deutsche nationale Überzeugung. Als sich die polnischen Verbände aus Oberschlesien zurückzogen, | ||
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| + | Das ist etwas anderes als Verrat. | ||
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| + | Und es ist auch etwas anderes als Treue. | ||
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| + | Manchmal war die stärkste Zugehörigkeit nicht die zu Deutschland oder Polen, sondern zu dem Ort, an dem die eigene Familie lebte. | ||
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| + | Gerade deshalb kommt Wiktor nicht aus Oberschlesien. | ||
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| + | ==== Warum Wiktor aus Będzin kommt ==== | ||
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| + | Eine frühere Vorstellung der Figur war ein oberschlesischer Mann, dessen Familie durch Grenzen, Plebiszit und Aufstände geteilt worden war. | ||
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| + | Aber diesen Riss gibt es in unserem Projekt bereits. | ||
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| + | Er heißt Anton Špaček. | ||
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| + | Wiktor soll etwas anderes sichtbar machen. | ||
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| + | Będzin liegt nur etwa sechzig Kilometer entfernt, gehört aber zu einer anderen historischen Landschaft: ehemalige russische Teilungsregion, | ||
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| + | Zugleich ist seine Anwesenheit im Raum Żory historisch plausibel. Dort lagen auch Soldaten und Einheiten mit Verbindungen nach Będzin; außerdem wurden kurz vor Kriegsbeginn Reservisten in die vorhandenen Verbände eingegliedert.((B. Cimała / J. Delowicz / P. Porwoł: //Żory. Zarys dziejów. Wypisy//, Żory 1994; Delowicz, a.a.O.)) | ||
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| + | Wiktor gehört damit zu denen, für die die Frage „Bin ich Pole oder Deutscher? | ||
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| + | Während sie rings um ihn für andere Menschen das ganze Leben zerreißen kann. | ||
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| + | ==== Was danach kam ==== | ||
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| + | Wiktor weiß am Morgen des 1. September nicht, wie schnell die Welt hinter ihm verschwinden wird. | ||
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| + | Będzin wird am 4. September von deutschen Truppen besetzt. | ||
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| + | Noch am selben Abend brennt die Synagoge. Menschen, die dort Schutz gesucht haben, sterben im Feuer. Die große jüdische Bevölkerung Będzins – Nachbarn, Händler, Handwerker, Stimmen, die für Wiktor seit seiner Kindheit zum Klang der Stadt gehören – wird in den folgenden Jahren fast vollständig vernichtet. | ||
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| + | Auch die politische Landkarte verändert sich. Große Teile des westlichen Polen werden dem Deutschen Reich einverleibt. Mit der Deutschen Volksliste beginnt später eine Politik, die Menschen kategorisiert, | ||
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| + | Ein Teil der Männer, die am 1. September auf deutsche Soldaten zielten, wird wenige Jahre später selbst deutsche Uniform tragen. | ||
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| + | Für Będzin und das Zagłębie verlief diese Entwicklung anders als im eigentlichen Oberschlesien. Doch auch Wiktors Heimat wird Teil einer deutschen Besatzungs- und Vernichtungspolitik. | ||
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| + | Davon weiß er nichts. | ||
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| + | Er liegt am Waldrand und hofft, an Weihnachten wieder am Tisch zu sitzen. | ||
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| + | Das ist die Form, die wir diesem erfundenen Leben geben: | ||
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| + | ein vernünftiger Mensch, dessen vernünftige Erwartungen innerhalb weniger Tage und Wochen zusammenbrechen, | ||
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| + | ohne dass er es in diesem Augenblick wissen kann. | ||
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| + | ==== Was erfunden ist – und was nicht ==== | ||
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| + | Wiktor Kowalik hat nicht gelebt. | ||
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| + | Sein Name ist erfunden. Ebenso seine Herkunft im Einzelnen, sein Beruf, Agnieszka, Paweł und Ludka, seine Wohnung und die Leiter am Schuppen. | ||
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| + | Nicht erfunden sind der deutsche Vormarsch über die Grenze, die Kämpfe im Raum Rybnik und Żory, die polnischen Stellungen, die Mobilmachung, | ||
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| + | Wir behaupten nicht, Wiktors Gedanken zu kennen. | ||
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| + | Wir behaupten etwas Kleineres: | ||
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| + | Ein Mann wie er konnte dort liegen. | ||
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| + | Die Umstände, unter denen er lag, sind historisch. | ||
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| + | Und der Krieg, den Ludwigs Feldtagebuch von einer Seite erzählt, hatte auf der anderen Seite ebenfalls einen Menschen. | ||
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| + | Ludwig hat ihn nicht gesehen. | ||
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| + | Wir haben ihn erfunden, damit man ihn sieht. | ||
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| + | ==== Vor Ort weiterfragen ==== | ||
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| + | Diese Seite und das Lied sind aus deutschen und polnischen Quellen entstanden. Auf der Reise nach Rybnik und Żory soll ihre historische Einordnung weiter überprüft werden. | ||
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| + | Was Menschen vor Ort ergänzen, anders erinnern oder korrigieren, | ||
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