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ludwig:stimmen:wiktor

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ludwig:stimmen:wiktor [2026/08/26 18:18] – angelegt adminludwig:stimmen:wiktor [2026/08/26 19:54] (aktuell) – [Wiktor Kowalik – erfundene Figur] admin
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-# Wiktor Kowalik+<WRAP centeralign> 
 +[[ludwig:stimmen:start|← Stimmen]] | [[ludwig:start|Ludwig – Überfall und Überzeugung]] 
 +</WRAP>
  
-*Erfundene Biografie. Erste Fassung, frei geschrieben.* 
  
----+====== Wiktor Kowalik (erfundene Figur) ======
  
-Wiktor Kowalik kam im März 1908 in Będzin zur Weltals Untertan des russischen Zaren. Sein Vater arbeitete auf der Grube, seine Mutter nahm Wäsche an. Er war zehn, als aus dem Gouvernement Piotrków wieder Polen wurde; er erinnerte sich später vor allem darandass in jenem Winter das Brot knapp war und dass die Erwachsenen ununterbrochen redeten.+//Waldrand nördlich von ŻoryWoiwodschaft Schlesien1September 1939//
  
-Będzin war eine Stadt am Rand. Auf dem Felsen die alte Burg, unten der schwarze Fluss, dahinter die Schächte und die Zinkwalzwerkederen Rauch bei Westwind über die Dächer zog. Ein knappes Drittel der Nachbarn war jüdisch, in manchen Straßen mehrauf dem Markt hörte man Polnisch und Jiddisch durcheinander, und Wiktor hätte, wenn man ihn gefragt hätte, nicht sagen können, wie eine Stadt sonst klingen sollte. Er ging sieben Jahre zur Schule, dann in die Lehre. Er wurde Schlosser.+//entstanden im Gespräch zwischen Stefan und Doris Budian und Claude (KI) mit Suno (KI)August 2026redaktionell weiterentwickelt im Gespräch mit ChatGPT (KI)//
  
-Mit einundzwanzig zog man ihn ein. Zwei Jahre Dienst, Infanterie, Kasernenhof und Schießstand und ein Winter, in dem er sich die Ohren erfror. Er war kein guter Soldat und kein schlechter. Was er behielt, war nicht die Ausbildung, sondern die Erfahrung, dass man auch mit fremden Leuten monatelang auskommt, wenn es sein muss.+{{jPlayerPlaylist>:ludwig:stimmen:wiktor: }}\\
  
-Zurück in Będzin nahm ihn die Werkstatt der Grube. Er richtete Förderwagen her, wechselte Lager, schweißte, was zu schweißen war. Es war Arbeit, an der man das Ergebnis sah, und das genügte ihm.+[[.wiktor:lyrics|Wiktors Lied: Texte]]
  
-Agnieszka Zając lernte er 1931 auf einer Hochzeit kennen, wo sie beide zu den Leuten gehörten, die nicht tanzten. Sie war Näherin, zwei Jahre jünger, und sie hatte eine Art, Dinge auszusprechen, über die andere lange herumredeten. Sie heirateten im Herbst 1932. Paweł kam im Juni 1933, Ludka im Februar 1937.+----
  
-Sie wohnten in zwei Zimmern in der Nähe des Bahnhofs, mit einem Hof, in dem vier Familien die Wäsche aufhängten. Das Dach über dem Schuppen war undicht; Wiktor hatte im Frühjahr Blech besorgt und es dann liegen lassen, wie man das mit solchen Sachen macht. Die Leiter stand seit Juli an der Wand.+===== Eine Figur ohne Quelle =====
  
-In den dreißiger Jahren stand seine Familie nicht schlechter da als andere und nicht besser. Er hatte 1935 vier Monate keine Arbeit. Er trank sonntags ein Bier, manchmal zwei. Er war in keiner Partei. Er las die Zeitung nicht regelmäßig, aber wenn er sie las, dann ganz. Politik hielt er für etwas, das über einen kommt wie Wetter — man kann sich anziehen, aber man kann es nicht machen.+Wiktor Kowalik kommt in Ludwigs Feldtagebuch nicht vor.
  
-Dass er Pole war, war für ihn kein Thema, über das man nachdenkt. Es war so wie die Tatsache, dass er Schlosser war und einen Sohn hatte. Wenn im Sommer 1939 in der Werkstatt über die Deutschen geredet wurde — und es wurde viel geredet —sagte er wenig. Er glaubtewas die meisten glaubten: dass es vielleicht Krieg gäbe, dass Polen dann eine Weile aushalten müsse, und dass England und Frankreich kommen würden, weil sie es zugesagt hattenEr hielt das nicht für Heldentum, sondern für Arithmetik.+Bei manchen anderen Stimmen dieses Projekts gibt es wenigstens eine Spur in der Quelle: einen Menschen am Straßenrandeinen Satz, eine BeobachtungBei Wiktor fehlt selbst das.
  
-Die Karte kam an einem Sonntag, dem 27AugustAgnieszka packte Hemden ein und Speck und einen Rosenkranzden er nicht verlangt hattePaweł durfte mit zum Bahnhof und war stolz. Ludka schlief. An der Sperre drehte Wiktor sich nicht umund er wusste selbst nicht recht, warum.+Am 1September 1939 fuhr Ludwig Breining mit den Kradschützen über die GrenzeIhre Aufgabe war es, weit vorauszufahren und Feuer auf sich zu ziehendamit die polnischen Stellungen sich verrietenDas Verfahren funktioniert nur, wenn der andere unsichtbar bleibtbis er schießt.
  
-Der Zug fuhr über Katowice nach Rybnikund von Rybnik ging es weiter nach Żoryeiner kleinen Stadt, in der er noch nie gewesen war. In den Kasernen stellte man aus den eintreffenden Reservisten Einheiten zusammen. Er bekam ein Gewehr, einen Zugführer, den er vorher nicht gekannt hatte, und neun Männer, von denen er sich in drei Tagen die Namen merkte.+Ludwig hat den Mannder auf ihn zielte, nie gesehen.
  
-Sie gruben. Am Stadtrand, entlang der StraßenSchützengräben in voller Tiefe, dazu Verbindungsgräben und DrahtverhaueZivilisten halfen, Frauen brachten MilchEs war der trockenste Sommer seit Jahrendie Ernte war hereinder Boden hart, und die Arbeit ging in die Schultern.+Wiktor ist der Versuchdiese Lücke nicht zu übergehenEr ist nicht überliefertEr ist erfunden aus der Kenntnis dessenwer an diesem Morgen an dieser Straße gelegen haben könnteunter welchen Befehlenmit welcher Ausrüstung und in welcher Erwartung.
  
-Am Mittwoch, dem 30. August, stand er auf dem Marktplatz, als die Stadt schwor, Polen bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Er sprach mit, wie alle. Er kannte niemanden, der neben ihm stand.+Die Figur ist erfunden.
  
-Am Abend des 31. August bezog sein Zug eine Stellung am Waldrand nördlich der Stadt, an einer kleinen Brücke, die Pioniere sprengen solltensobald es soweit wäre. Sie lagen dort die ganze Nacht.+Die Welt, in der sie liegtist es nicht.
  
-Am Morgen des 1. September, gegen neun Uhr, kamen auf der Straße Motorräder. 
  
----+===== Der Ort und der Tag =====
  
-## Was danach nicht mehr feststeht+Ludwigs Verband, die 5. Panzer-Division, überschritt am Morgen des 1. September bei Szymocice die Grenze und rückte über den Raum Rybnik in Richtung Żory vor.((Zum Aufmarsch und Vormarsch der 5. Panzer-Division im Rybniker Abschnitt vgl. Jan Delowicz: //Ziemia rybnicko-wodzisławska i jej mieszkańcy w wojnie obronnej 1939 r.//, Żory 2009, sowie die lokalen Darstellungen zur Septemberkampagne in Żory und Umgebung.))
  
-Hier hörtwas ich über ihn wissen kann, auf — nicht aus Bescheidenheit, sondern weil das Lied davon lebt, dass es hier aufhört.+Gegenüber lag die polnische Abteilung „Rybnik“. Ihr Auftrag war widersprüchlich: die Stärke des Gegners erkennen, ihn so lange wie möglich aufhaltensich dabei nicht zerschlagen lassen und anschließend auf Kobiór zurückgehen. Die polnische Hauptverteidigungslinie lag weiter östlich. Rybnik und Żory gehörten zum Vorfeld.
  
-Was den Männern in diesem Abschnitt an diesem Tag geschah, ist bekannt: Die einen blieben am WaldrandDie anderen gingen, wie befohlen, auf Kobiór zurück und standen am nächsten Tag bei Pszczyna, wo die 6Division auseinanderbrachWieder andere gerieten in Gefangenschaftbevor der Tag zu Ende war. Einige kamen bis zur Weichsel, einige bis nach Osten, wo am 17. September die Rote Armee auf sie wartete, und einige — sehr wenige — bis nach Ungarn.+In den Tagen zuvor waren am Stadtrand Schützengräben und Verbindungsgräben ausgehoben wordenZivilisten halfen bei den ArbeitenAm 30August versammelten sich Menschen auf dem Marktplatz von Żory und schworenPolen zu verteidigen.
  
-Für Wiktor Kowalik ist keine dieser Fortsetzungen wahrer als die andereEr ist erfunden; ich könnte ihn nach Belieben sterben oder heimkommen lassen, und beides wäre gleich unwahr.+Am Morgen des 1September erschien deutsche Aufklärung in den Wäldern nördlich der Stadt. An einer kleinen Brücke lag ein polnischer Spähtrupp und ließ die Deutschen herankommen, bevor er das Feuer eröffnete.
  
-Ich möchte trotzdem eine Sache festhalten, die keine Erfindung ist. Będzin, wohin er zurückwollte, wurde am 4. September 1939 von deutschen Truppen besetzt. Am selben Abend brannte die Synagoge, und mit ihr die Menschen, die sich hineingeflüchtet hatten. Von den etwa 25.000 jüdischen Einwohnern der Stadt — den Nachbarn, dem Markt, den Stimmen aus Wiktors Kindheit — überlebte fast niemand.+Dort liegt Wiktor.
  
-Er wusste davon nichts. Er lag am Waldrand und hoffte, an Weihnachten wieder am Tisch zu sitzen. Das ist die Form, die dieses Leben hat: ein vollständig vernünftiger Mensch, dessen sämtliche vernünftige Erwartungen an einem einzigen Vormittag ungültig wurden, ohne dass er es merkte. 
  
----+===== Wiktor Kowalik =====
  
-Zwei Dinge, die ihr entscheiden müsst: ob Wiktor eine Fortsetzung bekommt oder ob die Biografie mit den Motorrädern endet — ich habe mich für das Zweite entschieden, aber es ist eure Entscheidung. Und ob der Schlussteil über Będzin bleibtEr ist historisch, er ist hartund er verschiebt das Gewicht des Textes an eine Stellean der Wiktor selbst nicht mehr vorkommt.+Wiktor Kowalik wird im März 1908 in Będzin geboren, damals noch eine Stadt in der ehemaligen russischen TeilungsregionSein Vater arbeitet auf der Grubeseine Mutter nimmt Wäsche an. Als Polen 1918 wieder ein eigener Staat wirdist Wiktor zehn Jahre alt.
  
-Jetzt zeig mir gern die betende Frau.+Będzin ist eine Industriestadt. Auf dem Felsen steht die alte Burg, darunter liegen Schächte, Werkstätten und Zinkwalzwerke. Ein großer Teil der Bevölkerung ist jüdisch; bei der Volkszählung von 1921 sind es mehr als sechzig Prozent der Einwohner.((Der Zensus von 1921 verzeichnete für Będzin 17.298 jüdische Einwohner, 62,1 Prozent der Stadtbevölkerung; bei Kriegsausbruch waren es 27.396, rund die Hälfte. Vgl. sztetl.org.pl, Będzin: Historia społeczności.)) 
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 +Auf dem Markt hört Wiktor Polnisch und Jiddisch nebeneinander. Für ihn ist das nichts Besonderes. Es ist einfach der Klang seiner Stadt. 
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 +Nach der Schule lernt er Schlosser. Mit einundzwanzig wird er zum Militär eingezogen. Zwei Jahre Infanterie, Kasernenhof, Schießstand. Er ist kein besonders guter Soldat und kein besonders schlechter. Danach kehrt er nach Będzin zurück und arbeitet wieder mit Metall, Förderwagen, Lagern und Maschinen. 
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 +1931 lernt er auf einer Hochzeit Agnieszka Zając kennen. Sie ist Näherin und zwei Jahre jünger als er. Im Herbst 1932 heiraten sie. Paweł wird 1933 geboren, Ludka 1937. 
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 +Sie leben in zwei Zimmern in der Nähe des Bahnhofs. Im Hof hängen mehrere Familien ihre Wäsche auf. Am Schuppen ist das Dach undicht. Wiktor hat Blech besorgt, um es zu reparieren, aber die Arbeit immer wieder aufgeschoben. Seit Wochen steht die Leiter an der Wand. 
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 +Wiktor ist in keiner Partei. Politik interessiert ihn, aber sie ist nicht das Zentrum seines Lebens. Er hält sie eher für etwas, das über einen kommt wie Wetter: Man kann sich darauf einstellen, aber man macht es nicht selbst. 
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 +Auch dass er Pole ist, beschäftigt ihn nicht besonders. Es ist für ihn so selbstverständlich wie die Tatsache, dass er Schlosser ist, mit Agnieszka verheiratet ist und zwei Kinder hat. 
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 +Im Sommer 1939 wird in der Werkstatt viel über Deutschland gesprochen. Wiktor sagt wenig. Er glaubt, was damals vernünftig erscheint: Wenn es Krieg gibt, muss Polen einige Zeit standhalten. Dann werden Frankreich und Großbritannien eingreifen. 
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 +Er hält das nicht für Heldentum. 
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 +Eher für Arithmetik. 
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 +Am 27. August kommt seine Einberufung. 
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 +Agnieszka packt Hemden, etwas zu essen und einen Rosenkranz ein, um den er sie nicht gebeten hat. Paweł darf mit zum Bahnhof. Ludka bleibt zu Hause. 
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 +Der Zug bringt Wiktor über Katowice in den Raum Rybnik und Żory. Dort werden Reservisten den vorhandenen Einheiten zugeteilt. 
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 +Sie graben Stellungen. 
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 +Der Sommer ist trocken, der Boden hart. 
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 +Am Abend des 31. August liegt Wiktor mit anderen Männern am Waldrand nördlich von Żory. 
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 +Sie bleiben die ganze Nacht dort. 
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 +Am Morgen des 1. September kommen Motorräder. 
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 +===== Wo die Erfindung aufhört ===== 
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 +Hier endet Wiktors Biografie. 
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 +Nicht weil wir wissen, dass er an diesem Morgen stirbt. Und auch nicht, weil wir wissen, dass er überlebt. 
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 +Wir wissen beides nicht. 
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 +Was den polnischen Soldaten dieses Abschnitts anschließend geschah, war sehr verschieden. Manche fielen. Andere zogen wie befohlen nach Osten zurück. Manche gerieten in Gefangenschaft. Einige erreichten weitere Verteidigungslinien. 
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 +Für Wiktor wäre jede dieser Fortsetzungen gleich erfunden. 
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 +Deshalb geben wir ihm keine. 
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 +Sein Lied endet mit den Worten: 
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 +„und ich lege an“ 
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 +Die Biografie endet am selben Ort. 
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 +===== Zur Entstehung der Figur ===== 
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 +==== Wo Wiktor liegen konnte ==== 
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 +Die 5. Panzer-Division sammelte sich in der Nacht zum 1. September im Grenzraum gegenüber Chwałęcice, Sumina und Brzezie. Ein Bericht aus der Region beschreibt den Vormarsch deutscher Panzer von Szymocice über die Grenze nach Bogunice. Dieselbe Grenzstelle ergibt sich auch aus Ludwigs Aufzeichnungen. 
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 +Zwischen diesem Übergang und Żory liegen etwa fünfundzwanzig Kilometer. 
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 +Irgendwo auf diesem Weg lagen polnische Soldaten, deren Aufgabe es war, die deutsche Aufklärung zu beobachten und aufzuhalten. 
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 +Einen von ihnen nennen wir Wiktor. 
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 +==== Fünf vernünftige Sätze ==== 
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 +Wiktor ist nicht als Zweifler gebaut. 
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 +Er weiß, zu welcher Seite er gehört. Er muss darüber nicht nachdenken. 
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 +Was ihn tragisch macht, ist etwas anderes: Fast alles, was er an diesem Morgen vernünftigerweise erwarten kann, wird falsch sein. 
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 +Er kann glauben, Polen müsse ungefähr zwei Wochen halten, bis die westlichen Verbündeten eingreifen. Das entspricht der politischen und militärischen Erwartung, auf die Polen seine Bündnisse gegründet hatte. 
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 +Er kann glauben, hinter ihm liege eine Hauptverteidigungslinie, die den deutschen Vormarsch aufhalten wird. 
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 +Er kann glauben, dass ein Rückzug nach Osten Sicherheit bedeutet. Am 17. September wird dort die Rote Armee einmarschieren. Vom geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Pakts weiß in Polen niemand. 
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 +Er kann glauben, zu Weihnachten wieder bei Agnieszka und den Kindern zu sein. 
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 +Und er kann davon ausgehen, dass eine Panzerdivision sich nach der damals bekannten militärischen Lehre nicht beliebig weit von ihrer nachrückenden Infanterie entfernen wird. 
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 +Nicht der Angriff selbst überrascht die polnische Führung vollständig. 
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 +Sein Tempo tut es. 
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 +Fünf vernünftige Erwartungen. 
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 +Fünfmal falsch. 
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 +Wiktor kann keine davon überprüfen. 
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 +==== Eine Landschaft komplizierter Loyalitäten ==== 
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 +Die Gegend, in der Wiktor liegt, ist keine einfache nationale Landschaft. 
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 +In Einheiten der Abteilung „Rybnik“ kam es tatsächlich zu Überläufen auf die deutsche Seite. Angehörige der deutschen Minderheit unterstützten an manchen Orten den deutschen Vormarsch, und in Żory schossen örtliche Deutsche auf zurückgehende polnische Soldaten.((Vgl. Grzegorz Bębnik (IPN Katowice): //Niemiecka dywersja na Górnym Śląsku poniosła klęskę//, dzieje.pl, 1. September 2013; ferner Bębnik: //Wrzesień 1939 r. w Katowicach//, Katowice 2012, und //Sokoły kapitana Ebbinghausa//, Katowice–Kraków 2014.)) 
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 +Aber auch das ist nur ein Teil der Geschichte. 
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 +Die deutschen Versuche, die Loyalität oberschlesischer Soldaten systematisch zu untergraben, waren weit weniger erfolgreich als geplant. Viele Diversionsnetze wurden bereits vor Kriegsbeginn zerschlagen. 
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 +Und selbst Fahnenflucht bedeutete nicht automatisch deutsche nationale Überzeugung. Als sich die polnischen Verbände aus Oberschlesien zurückzogen, wollten manche Männer ihren Heimatort schlicht nicht verlassen. Wenn der Marschweg an ihrem Dorf oder ihrer Stadt vorbeiführte, blieben sie dort.((Bębnik bezieht diese Einschätzung unter anderem auf Verbände der 55. Reservedivision.)) 
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 +Das ist etwas anderes als Verrat. 
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 +Und es ist auch etwas anderes als Treue. 
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 +Manchmal war die stärkste Zugehörigkeit nicht die zu Deutschland oder Polen, sondern zu dem Ort, an dem die eigene Familie lebte. 
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 +Gerade deshalb kommt Wiktor nicht aus Oberschlesien. 
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 +==== Warum Wiktor aus Będzin kommt ==== 
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 +Eine frühere Vorstellung der Figur war ein oberschlesischer Mann, dessen Familie durch Grenzen, Plebiszit und Aufstände geteilt worden war. 
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 +Aber diesen Riss gibt es in unserem Projekt bereits. 
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 +Er heißt Anton Špaček. 
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 +Wiktor soll etwas anderes sichtbar machen. 
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 +Będzin liegt nur etwa sechzig Kilometer entfernt, gehört aber zu einer anderen historischen Landschaft: ehemalige russische Teilungsregion, kein oberschlesisches Plebiszit, keine vergleichbare deutsch-polnische Familiengrenze. 
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 +Zugleich ist seine Anwesenheit im Raum Żory historisch plausibel. Dort lagen auch Soldaten und Einheiten mit Verbindungen nach Będzin; außerdem wurden kurz vor Kriegsbeginn Reservisten in die vorhandenen Verbände eingegliedert.((B. Cimała / J. Delowicz / P. Porwoł: //Żory. Zarys dziejów. Wypisy//, Żory 1994; Delowicz, a.a.O.)) 
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 +Wiktor gehört damit zu denen, für die die Frage „Bin ich Pole oder Deutscher?“ keine innere Frage ist. 
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 +Während sie rings um ihn für andere Menschen das ganze Leben zerreißen kann. 
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 +==== Was danach kam ==== 
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 +Wiktor weiß am Morgen des 1. September nicht, wie schnell die Welt hinter ihm verschwinden wird. 
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 +Będzin wird am 4. September von deutschen Truppen besetzt. 
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 +Noch am selben Abend brennt die Synagoge. Menschen, die dort Schutz gesucht haben, sterben im Feuer. Die große jüdische Bevölkerung Będzins – Nachbarn, Händler, Handwerker, Stimmen, die für Wiktor seit seiner Kindheit zum Klang der Stadt gehören – wird in den folgenden Jahren fast vollständig vernichtet. 
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 +Auch die politische Landkarte verändert sich. Große Teile des westlichen Polen werden dem Deutschen Reich einverleibt. Mit der Deutschen Volksliste beginnt später eine Politik, die Menschen kategorisiert, unter Druck setzt und schließlich zahlreiche polnische Staatsbürger in die Wehrmacht zwingt.((Zur Volksliste vgl. IPN: //Kwestia folkslisty na Górnym Śląsku//; ferner Ryszard Kaczmarek: //Górny Śląsk podczas II wojny światowej//, Katowice 2006.)) 
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 +Ein Teil der Männer, die am 1. September auf deutsche Soldaten zielten, wird wenige Jahre später selbst deutsche Uniform tragen. 
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 +Für Będzin und das Zagłębie verlief diese Entwicklung anders als im eigentlichen Oberschlesien. Doch auch Wiktors Heimat wird Teil einer deutschen Besatzungs- und Vernichtungspolitik. 
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 +Davon weiß er nichts. 
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 +Er liegt am Waldrand und hofft, an Weihnachten wieder am Tisch zu sitzen. 
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 +Das ist die Form, die wir diesem erfundenen Leben geben: 
 + 
 +ein vernünftiger Mensch, dessen vernünftige Erwartungen innerhalb weniger Tage und Wochen zusammenbrechen, 
 + 
 +ohne dass er es in diesem Augenblick wissen kann. 
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 +==== Was erfunden ist – und was nicht ==== 
 + 
 +Wiktor Kowalik hat nicht gelebt. 
 + 
 +Sein Name ist erfunden. Ebenso seine Herkunft im Einzelnen, sein Beruf, Agnieszka, Paweł und Ludka, seine Wohnung und die Leiter am Schuppen. 
 + 
 +Nicht erfunden sind der deutsche Vormarsch über die Grenze, die Kämpfe im Raum Rybnik und Żory, die polnischen Stellungen, die Mobilmachung, die militärischen Befehle und die Erwartungen, mit denen polnische Soldaten diesem Krieg entgegengingen. 
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 +Wir behaupten nicht, Wiktors Gedanken zu kennen. 
 + 
 +Wir behaupten etwas Kleineres: 
 + 
 +Ein Mann wie er konnte dort liegen. 
 + 
 +Die Umstände, unter denen er lag, sind historisch. 
 + 
 +Und der Krieg, den Ludwigs Feldtagebuch von einer Seite erzählt, hatte auf der anderen Seite ebenfalls einen Menschen. 
 + 
 +Ludwig hat ihn nicht gesehen. 
 + 
 +Wir haben ihn erfunden, damit man ihn sieht. 
 + 
 + 
 +==== Vor Ort weiterfragen ==== 
 + 
 +Diese Seite und das Lied sind aus deutschen und polnischen Quellen entstanden. Auf der Reise nach Rybnik und Żory soll ihre historische Einordnung weiter überprüft werden. 
 + 
 +Was Menschen vor Ort ergänzen, anders erinnern oder korrigieren, soll in die weitere Arbeit einfließen. 
 + 
 + 
 +<WRAP centeralign> 
 +[[ludwig:stimmen:start|← Stimmen]] | [[ludwig:start|Ludwig – Überfall und Überzeugung]] 
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