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ludwig:stimmen:wiktor

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ludwig:stimmen:wiktor [2026/08/26 18:26] adminludwig:stimmen:wiktor [2026/08/26 19:54] (aktuell) – [Wiktor Kowalik – erfundene Figur] admin
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- +====== Wiktor Kowalik (erfundene Figur======
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-====== Wiktor Kowalik – erfundene Figur ======+
  
 //Waldrand nördlich von Żory, Woiwodschaft Schlesien, 1. September 1939// //Waldrand nördlich von Żory, Woiwodschaft Schlesien, 1. September 1939//
  
-//entstanden im Gespräch zwischen Stefan und Doris Budian und Claude (KI) mit Suno (KI), August 2026//+//entstanden im Gespräch zwischen Stefan und Doris Budian und Claude (KI) mit Suno (KI), August 2026; redaktionell weiterentwickelt im Gespräch mit ChatGPT (KI)//
  
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 Wiktor Kowalik kommt in Ludwigs Feldtagebuch nicht vor. Wiktor Kowalik kommt in Ludwigs Feldtagebuch nicht vor.
  
-Das unterscheidet ihn von allen anderen Stimmen dieses Projekts. Emil, Anna, die betende Frau – sie alle stehen, wenigstens für einen Satz, in der Quelle. Bei ihnen war die Aufgabeaus wenigen überlieferten Zeilen einen Menschen zu erschließen. Bei Wiktor ist es umgekehrt: Er ist an einer Stelle erfunden, an der die Quelle schweigt, weil sie schweigen muss.+Bei manchen anderen Stimmen dieses Projekts gibt es wenigstens eine Spur in der Quelle: einen Menschen am Straßenrand, einen Satz, eine Beobachtung. Bei Wiktor fehlt selbst das.
  
-Am 1. September 1939 fuhr Ludwig Breining mit den Kradschützen über die Grenze. Ihre Aufgabe war es, weit vorauszufahren und Feuer auf sich zu ziehen, damit die polnischen Stellungen sich verrieten. Wer dieses Feuer gabkommt in seinem Tagebuch nicht vor. Er hat ihn nie gesehen. Er konnte ihn nicht sehen – genau das war der Sinn der Sache.+Am 1. September 1939 fuhr Ludwig Breining mit den Kradschützen über die Grenze. Ihre Aufgabe war es, weit vorauszufahren und Feuer auf sich zu ziehen, damit die polnischen Stellungen sich verrieten. Das Verfahren funktioniert nurwenn der andere unsichtbar bleibt, bis er schießt.
  
-Wiktor ist der Mannder Ludwig an diesem Morgen ins Visier nahm. Er ist nicht überliefert. Er ist erschlossen: aus der Kenntnis dessen, wer an diesem Tag an dieser Straße gelegen hat, unter welchen Befehlen, mit welcher Ausrüstung und in welcher Erwartung.+Ludwig hat den Mann, der auf ihn zielte, nie gesehen. 
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 +Wiktor ist der Versuchdiese Lücke nicht zu übergehen. Er ist nicht überliefert. Er ist erfunden aus der Kenntnis dessen, wer an diesem Morgen an dieser Straße gelegen haben könnte, unter welchen Befehlen, mit welcher Ausrüstung und in welcher Erwartung
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 +Die Figur ist erfunden. 
 + 
 +Die Welt, in der sie liegt, ist es nicht.
  
-Die Figur ist erfunden. Die Welt, in der sie liegt, ist es nicht. 
  
 ===== Der Ort und der Tag ===== ===== Der Ort und der Tag =====
  
-Ludwigs Verband, das Schützen-Regiment 14 der 5. Panzer-Division, überschritt am Morgen des 1. September bei Szymocice die Grenze und griff Rybnik an, danach Żory.((Vgldie Darstellungen zur Septemberkampagne im Rybniker und Żoraer Raum; Jan Delowicz: //Ziemia rybnicko-wodzisławska i jej mieszkańcy w wojnie obronnej 1939 r.//, Żory 2009.))+Ludwigs Verband, die 5. Panzer-Division, überschritt am Morgen des 1. September bei Szymocice die Grenze und rückte über den Raum Rybnik in Richtung Żory vor.((Zum Aufmarsch und Vormarsch der 5Panzer-Division im Rybniker Abschnitt vgl. Jan Delowicz: //Ziemia rybnicko-wodzisławska i jej mieszkańcy w wojnie obronnej 1939 r.//, Żory 2009, sowie die lokalen Darstellungen zur Septemberkampagne in Żory und Umgebung.))
  
-Gegenüber lag die Abteilung „Rybnik“. Ihr Befehl war knapp und in sich widersprüchlich: erkennen, wie stark der Gegner sei, ihn aufhalten, so lange es gehe, sich dabei nicht zerschlagen lassen und danach auf Kobiór zurückgehen. Die Hauptverteidigungslinie deckte Rybnik und Żory nicht. Beide Städte waren im polnischen Operationsplan von vornherein preisgegeben.+Gegenüber lag die polnische Abteilung „Rybnik“. Ihr Auftrag war widersprüchlich: die Stärke des Gegners erkennen, ihn so lange wie möglich aufhalten, sich dabei nicht zerschlagen lassen und anschließend auf Kobiór zurückgehen. Die polnische Hauptverteidigungslinie lag weiter östlich. Rybnik und Żory gehörten zum Vorfeld.
  
-In den Tagen davor war am Stadtrand gegraben worden – Schützengräben in voller Tiefe, Verbindungsgräben, Drahtverhaue. Zivilisten halfen. Am 30. August schwor die Stadt auf dem Marktplatz, Polen bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen.+In den Tagen zuvor waren am Stadtrand Schützengräben und Verbindungsgräben ausgehoben worden. Zivilisten halfen bei den Arbeiten. Am 30. August versammelten sich Menschen auf dem Marktplatz von Żory und schworen, Polen zu verteidigen.
  
-Am Morgen des 1. September, gegen neun Uhr, erschien in den Wäldern nördlich der Stadt deutsche Aufklärung. An einer kleinen Brücke lag ein polnischer Spähtrupp und ließ sie herankommen, bevor er das Feuer eröffnete.+Am Morgen des 1. September erschien deutsche Aufklärung in den Wäldern nördlich der Stadt. An einer kleinen Brücke lag ein polnischer Spähtrupp und ließ die Deutschen herankommen, bevor er das Feuer eröffnete.
  
 Dort liegt Wiktor. Dort liegt Wiktor.
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 ===== Wiktor Kowalik ===== ===== Wiktor Kowalik =====
  
-Er kam im März 1908 in Będzin zur Weltals Untertan des russischen Zaren. Sein Vater arbeitete auf der Grube, seine Mutter nahm Wäsche an. Er war zehn, als aus dem Gouvernement wieder Polen wurde; er erinnerte sich später vor allem darandass in jenem Winter das Brot knapp war und dass die Erwachsenen ununterbrochen redeten.+Wiktor Kowalik wird im März 1908 in Będzin geborendamals noch eine Stadt in der ehemaligen russischen Teilungsregion. Sein Vater arbeitet auf der Grube, seine Mutter nimmt Wäsche an. Als Polen 1918 wieder ein eigener Staat wirdist Wiktor zehn Jahre alt.
  
-Będzin war eine Stadt am Rand. Auf dem Felsen die alte Burg, unten der schwarze Flussdahinter die Schächte und die Zinkwalzwerke, deren Rauch bei Westwind über die Dächer zogDie Mehrheit der Nachbarn war jüdisch – bei der Volkszählung von 1921 mehr als sechzig Prozent der Stadt.((Spis powszechny 192117.298 jüdische Einwohner, 62,1 der Stadtbevölkerung; 1939 waren es 27.396, rund die Hälfte. Vgl. sztetl.org.pl, Będzin.)) Auf dem Markt hörte man Polnisch und Jiddisch durcheinander, und Wiktor hätte, wenn man ihn gefragt hätte, nicht sagen können, wie eine Stadt sonst klingen sollte. Er ging sieben Jahre zur Schule, dann in die Lehre. Er wurde Schlosser.+Będzin ist eine Industriestadt. Auf dem Felsen steht die alte Burg, darunter liegen SchächteWerkstätten und Zinkwalzwerke. Ein großer Teil der Bevölkerung ist jüdischbei der Volkszählung von 1921 sind es mehr als sechzig Prozent der Einwohner.((Der Zensus von 1921 verzeichnete für Będzin 17.298 jüdische Einwohner, 62,1 Prozent der Stadtbevölkerung; bei Kriegsausbruch waren es 27.396, rund die Hälfte. Vgl. sztetl.org.pl, Będzin: Historia społeczności.))
  
-Mit einundzwanzig zog man ihn ein. Zwei Jahre Dienst, Infanterie, Kasernenhof und Schießstand und ein Winter, in dem er sich die Ohren erfrorEr war kein guter Soldat und kein schlechterWas er behielt, war nicht die Ausbildung, sondern die Erfahrung, dass man auch mit fremden Leuten monatelang auskommt, wenn es sein muss.+Auf dem Markt hört Wiktor Polnisch und Jiddisch nebeneinanderFür ihn ist das nichts BesonderesEs ist einfach der Klang seiner Stadt.
  
-Zurück in Będzin nahm ihn die Werkstatt der GrubeEr richtete Förderwagen herwechselte Lagerschweißte, was zu schweißen warEs war Arbeitan der man das Ergebnis sah, und das genügte ihm.+Nach der Schule lernt er SchlosserMit einundzwanzig wird er zum Militär eingezogen. Zwei Jahre InfanterieKasernenhofSchießstandEr ist kein besonders guter Soldat und kein besonders schlechter. Danach kehrt er nach Będzin zurück und arbeitet wieder mit MetallFörderwagenLagern und Maschinen.
  
-Agnieszka Zając lernte er 1931 auf einer Hochzeit kennen, wo sie beide zu den Leuten gehörten, die nicht tanzten. Sie war Näherinzwei Jahre jünger, und sie hatte eine Art, Dinge auszusprechen, über die andere lange herumredetenSie heirateten im Herbst 1932. Paweł kam im Juni 1933, Ludka im Februar 1937.+1931 lernt er auf einer Hochzeit Agnieszka Zając kennen. Sie ist Näherin und zwei Jahre jünger als erIm Herbst 1932 heiraten sie. Paweł wird 1933 geboren, Ludka 1937.
  
-Sie wohnten in zwei Zimmern in der Nähe des Bahnhofs, mit einem Hof, in dem vier Familien die Wäsche aufhängtenDas Dach über dem Schuppen war undichtWiktor hatte im Frühjahr Blech besorgt und es dann liegen lassenwie man das mit solchen Sachen machtDie Leiter stand seit Juli an der Wand.+Sie leben in zwei Zimmern in der Nähe des Bahnhofs. Im Hof hängen mehrere Familien ihre Wäsche aufAm Schuppen ist das Dach undichtWiktor hat Blech besorgt, um es zu reparierenaber die Arbeit immer wieder aufgeschobenSeit Wochen steht die Leiter an der Wand.
  
-In den dreißiger Jahren stand seine Familie nicht schlechter da als andere und nicht besser. Er hatte 1935 vier Monate keine Arbeit. Er trank sonntags ein Bier, manchmal zwei. Er war in keiner Partei. Er las die Zeitung nicht regelmäßig, aber wenn er sie las, dann ganzPolitik hielt er für etwas, das über einen kommt wie Wetter – man kann sich anziehen, aber man kann es nicht machen.+Wiktor ist in keiner Partei. Politik interessiert ihn, aber sie ist nicht das Zentrum seines LebensEr hält sie eher für etwas, das über einen kommt wie Wetter: Man kann sich darauf einstellen, aber man macht es nicht selbst.
  
-Dass er Pole warwar für ihn kein Thema, über das man nachdenkt. Es war so wie die Tatsache, dass er Schlosser war und einen Sohn hatte. Wenn im Sommer 1939 in der Werkstatt über die Deutschen geredet wurde – und es wurde viel geredet –sagte er wenig. Er glaubte, was die meisten glaubten: dass es vielleicht Krieg gäbe, dass Polen dann eine Weile aushalten müsse und dass England und Frankreich kommen würden, weil sie es zugesagt hatten. Er hielt das nicht für Heldentum, sondern für Arithmetik.+Auch dass er Pole istbeschäftigt ihn nicht besonders. Es ist für ihn so selbstverständlich wie die Tatsache, dass er Schlosser istmit Agnieszka verheiratet ist und zwei Kinder hat.
  
-Die Karte kam an einem Sonntag, dem 27AugustAgnieszka packte Hemden ein und Speck und einen Rosenkranzden er nicht verlangt hattePaweł durfte mit zum Bahnhof und war stolz. Ludka schlief. An der Sperre drehte Wiktor sich nicht um, und er wusste selbst nicht recht, warum.+Im Sommer 1939 wird in der Werkstatt viel über Deutschland gesprochenWiktor sagt wenigEr glaubtwas damals vernünftig erscheint: Wenn es Krieg gibt, muss Polen einige Zeit standhaltenDann werden Frankreich und Großbritannien eingreifen.
  
-Der Zug fuhr über Katowice nach Rybnik, und von Rybnik ging es weiter nach Żory, einer kleinen Stadt, in der er noch nie gewesen war. In den Kasernen stellte man aus den eintreffenden Reservisten Einheiten zusammen. Er bekam ein Gewehr, einen Zugführer, den er vorher nicht gekannt hatte, und neun Männer, von denen er sich in drei Tagen die Namen merkte.+Er hält das nicht für Heldentum.
  
-Sie gruben. Es war der trockenste Sommer seit Jahren, die Ernte war herein, der Boden hart, und die Arbeit ging in die Schultern. Frauen brachten Milch an den Grabenrand.+Eher für Arithmetik.
  
-Am Mittwoch, dem 30. August, stand er auf dem Marktplatz, als die Stadt ihren Schwur sprach. Er sprach mit, wie alle. Er kannte niemanden, der neben ihm stand.+Am 27. August kommt seine Einberufung.
  
-Am Abend des 31. August bezog sein Zug eine Stellung am Waldrand nördlich der Stadt, an einer kleinen Brücke, die Pioniere sprengen sollten, sobald es soweit wäre. Sie lagen dort die ganze Nacht.+Agnieszka packt Hemden, etwas zu essen und einen Rosenkranz ein, um den er sie nicht gebeten hat. Paweł darf mit zum Bahnhof. Ludka bleibt zu Hause. 
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 +Der Zug bringt Wiktor über Katowice in den Raum Rybnik und Żory. Dort werden Reservisten den vorhandenen Einheiten zugeteilt. 
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 +Sie graben Stellungen. 
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 +Der Sommer ist trocken, der Boden hart. 
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 +Am Abend des 31. August liegt Wiktor mit anderen Männern am Waldrand nördlich von Żory. 
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 +Sie bleiben die ganze Nacht dort. 
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 +Am Morgen des 1. September kommen Motorräder.
  
-Am Morgen des 1. September, gegen neun Uhr, kamen auf der Straße Motorräder. 
  
 ===== Wo die Erfindung aufhört ===== ===== Wo die Erfindung aufhört =====
  
-Hier endet, was wir über Wiktor Kowalik sagen können – nicht aus Zurückhaltung, sondern weil das Lied davon lebt, dass es hier endet.+Hier endet Wiktors Biografie. 
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 +Nicht weil wir wissendass er an diesem Morgen stirbt. Und auch nicht, weil wir wissen, dass er überlebt. 
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 +Wir wissen beides nicht. 
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 +Was den polnischen Soldaten dieses Abschnitts anschließend geschah, war sehr verschieden. Manche fielen. Andere zogen wie befohlen nach Osten zurück. Manche gerieten in Gefangenschaft. Einige erreichten weitere Verteidigungslinien. 
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 +Für Wiktor wäre jede dieser Fortsetzungen gleich erfunden. 
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 +Deshalb geben wir ihm keine. 
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 +Sein Lied endet mit den Worten: 
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 +„und ich lege an“ 
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 +Die Biografie endet am selben Ort. 
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 +===== Zur Entstehung der Figur ===== 
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 +==== Wo Wiktor liegen konnte ==== 
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 +Die 5. Panzer-Division sammelte sich in der Nacht zum 1. September im Grenzraum gegenüber Chwałęcice, Sumina und Brzezie. Ein Bericht aus der Region beschreibt den Vormarsch deutscher Panzer von Szymocice über die Grenze nach Bogunice. Dieselbe Grenzstelle ergibt sich auch aus Ludwigs Aufzeichnungen. 
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 +Zwischen diesem Übergang und Żory liegen etwa fünfundzwanzig Kilometer. 
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 +Irgendwo auf diesem Weg lagen polnische Soldaten, deren Aufgabe es war, die deutsche Aufklärung zu beobachten und aufzuhalten. 
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 +Einen von ihnen nennen wir Wiktor
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 +==== Fünf vernünftige Sätze ==== 
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 +Wiktor ist nicht als Zweifler gebaut. 
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 +Er weiß, zu welcher Seite er gehört. Er muss darüber nicht nachdenken. 
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 +Was ihn tragisch macht, ist etwas anderes: Fast alles, was er an diesem Morgen vernünftigerweise erwarten kann, wird falsch sein. 
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 +Er kann glauben, Polen müsse ungefähr zwei Wochen halten, bis die westlichen Verbündeten eingreifen. Das entspricht der politischen und militärischen Erwartung, auf die Polen seine Bündnisse gegründet hatte. 
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 +Er kann glauben, hinter ihm liege eine Hauptverteidigungslinie, die den deutschen Vormarsch aufhalten wird. 
 + 
 +Er kann glauben, dass ein Rückzug nach Osten Sicherheit bedeutet. Am 17. September wird dort die Rote Armee einmarschieren. Vom geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Pakts weiß in Polen niemand. 
 + 
 +Er kann glauben, zu Weihnachten wieder bei Agnieszka und den Kindern zu sein. 
 + 
 +Und er kann davon ausgehen, dass eine Panzerdivision sich nach der damals bekannten militärischen Lehre nicht beliebig weit von ihrer nachrückenden Infanterie entfernen wird. 
 + 
 +Nicht der Angriff selbst überrascht die polnische Führung vollständig. 
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 +Sein Tempo tut es. 
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 +Fünf vernünftige Erwartungen. 
 + 
 +Fünfmal falsch. 
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 +Wiktor kann keine davon überprüfen. 
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 +==== Eine Landschaft komplizierter Loyalitäten ==== 
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 +Die Gegend, in der Wiktor liegt, ist keine einfache nationale Landschaft. 
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 +In Einheiten der Abteilung „Rybnik“ kam es tatsächlich zu Überläufen auf die deutsche Seite. Angehörige der deutschen Minderheit unterstützten an manchen Orten den deutschen Vormarsch, und in Żory schossen örtliche Deutsche auf zurückgehende polnische Soldaten.((Vgl. Grzegorz Bębnik (IPN Katowice): //Niemiecka dywersja na Górnym Śląsku poniosła klęskę//, dzieje.pl, 1. September 2013; ferner Bębnik: //Wrzesień 1939 r. w Katowicach//, Katowice 2012, und //Sokoły kapitana Ebbinghausa//, KatowiceKraków 2014.)) 
 + 
 +Aber auch das ist nur ein Teil der Geschichte. 
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 +Die deutschen Versuche, die Loyalität oberschlesischer Soldaten systematisch zu untergraben, waren weit weniger erfolgreich als geplant. Viele Diversionsnetze wurden bereits vor Kriegsbeginn zerschlagen. 
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 +Und selbst Fahnenflucht bedeutete nicht automatisch deutsche nationale Überzeugung. Als sich die polnischen Verbände aus Oberschlesien zurückzogen, wollten manche Männer ihren Heimatort schlicht nicht verlassen. Wenn der Marschweg an ihrem Dorf oder ihrer Stadt vorbeiführte, blieben sie dort.((Bębnik bezieht diese Einschätzung unter anderem auf Verbände der 55. Reservedivision.)) 
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 +Das ist etwas anderes als Verrat. 
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 +Und es ist auch etwas anderes als Treue. 
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 +Manchmal war die stärkste Zugehörigkeit nicht die zu Deutschland oder Polen, sondern zu dem Ort, an dem die eigene Familie lebte. 
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 +Gerade deshalb kommt Wiktor nicht aus Oberschlesien. 
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 +==== Warum Wiktor aus Będzin kommt ==== 
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 +Eine frühere Vorstellung der Figur war ein oberschlesischer Mann, dessen Familie durch Grenzen, Plebiszit und Aufstände geteilt worden war. 
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 +Aber diesen Riss gibt es in unserem Projekt bereits. 
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 +Er heißt Anton Špaček. 
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 +Wiktor soll etwas anderes sichtbar machen. 
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 +Będzin liegt nur etwa sechzig Kilometer entfernt, gehört aber zu einer anderen historischen Landschaft: ehemalige russische Teilungsregion, kein oberschlesisches Plebiszit, keine vergleichbare deutsch-polnische Familiengrenze. 
 + 
 +Zugleich ist seine Anwesenheit im Raum Żory historisch plausibel. Dort lagen auch Soldaten und Einheiten mit Verbindungen nach Będzin; außerdem wurden kurz vor Kriegsbeginn Reservisten in die vorhandenen Verbände eingegliedert.((B. Cimała / J. Delowicz / P. Porwoł: //Żory. Zarys dziejów. Wypisy//, Żory 1994; Delowicz, a.a.O.)) 
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 +Wiktor gehört damit zu denen, für die die Frage „Bin ich Pole oder Deutscher?“ keine innere Frage ist. 
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 +Während sie rings um ihn für andere Menschen das ganze Leben zerreißen kann. 
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 +==== Was danach kam ==== 
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 +Wiktor weiß am Morgen des 1. September nichtwie schnell die Welt hinter ihm verschwinden wird. 
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 +Będzin wird am 4. September von deutschen Truppen besetzt. 
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 +Noch am selben Abend brennt die Synagoge. Menschen, die dort Schutz gesucht haben, sterben im Feuer. Die große jüdische Bevölkerung Będzins – Nachbarn, Händler, Handwerker, Stimmen, die für Wiktor seit seiner Kindheit zum Klang der Stadt gehören – wird in den folgenden Jahren fast vollständig vernichtet. 
 + 
 +Auch die politische Landkarte verändert sich. Große Teile des westlichen Polen werden dem Deutschen Reich einverleibt. Mit der Deutschen Volksliste beginnt später eine Politik, die Menschen kategorisiert, unter Druck setzt und schließlich zahlreiche polnische Staatsbürger in die Wehrmacht zwingt.((Zur Volksliste vgl. IPN: //Kwestia folkslisty na Górnym Śląsku//; ferner Ryszard Kaczmarek: //Górny Śląsk podczas II wojny światowej//, Katowice 2006.)) 
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 +Ein Teil der Männer, die am 1. September auf deutsche Soldaten zielten, wird wenige Jahre später selbst deutsche Uniform tragen. 
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 +Für Będzin und das Zagłębie verlief diese Entwicklung anders als im eigentlichen Oberschlesien. Doch auch Wiktors Heimat wird Teil einer deutschen Besatzungs- und Vernichtungspolitik. 
 + 
 +Davon weiß er nichts. 
 + 
 +Er liegt am Waldrand und hofft, an Weihnachten wieder am Tisch zu sitzen. 
 + 
 +Das ist die Form, die wir diesem erfundenen Leben geben: 
 + 
 +ein vernünftiger Mensch, dessen vernünftige Erwartungen innerhalb weniger Tage und Wochen zusammenbrechen, 
 + 
 +ohne dass er es in diesem Augenblick wissen kann. 
 + 
 + 
 +==== Was erfunden ist – und was nicht ====
  
-Was den Männern dieses Abschnitts an diesem Tag geschah, ist bekannt. Die einen blieben am Waldrand. Andere gingen, wie befohlen, auf Kobiór zurück und standen tags darauf bei Pszczyna, wo die 6. Division auseinanderbrach. Andere gerieten in Gefangenschaft, ehe der Tag zu Ende war. Einige kamen bis zur Weichsel, einige nach Osten, wo am 17. September die Rote Armee auf sie wartete, und sehr wenige bis nach Ungarn.+Wiktor Kowalik hat nicht gelebt.
  
-Für eine erfundene Figur ist keine dieser Fortsetzungen wahrer als die andereWir könnten Wiktor sterben oder heimkommen lassen; beides wäre gleich unwahr, und beides würde dem Lied seinen Sinn nehmen. Das Lied bricht mit den Worten „und ich lege an“ ab, und die Biografie tut dasselbe.+Sein Name ist erfundenEbenso seine Herkunft im Einzelnensein Beruf, Agnieszka, Paweł und Ludkaseine Wohnung und die Leiter am Schuppen.
  
-===== Die Grenze der Erfindung – in die andere Richtung =====+Nicht erfunden sind der deutsche Vormarsch über die Grenze, die Kämpfe im Raum Rybnik und Żory, die polnischen Stellungen, die Mobilmachung, die militärischen Befehle und die Erwartungen, mit denen polnische Soldaten diesem Krieg entgegengingen.
  
-Bei der betenden Frau bestand die Gefahr darin, zu viel hinzuzufügen. Von ihr ist ein wirklicher Augenblick überliefert, und jede erfundene Einzelheit hätte diesem Augenblick etwas weggenommen.+Wir behaupten nichtWiktors Gedanken zu kennen.
  
-Bei Wiktor ist es umgekehrt. Er ist vollständig erfunden – Name, Herkunft, Beruf, Frau, Kinder, die Leiter an der Scheune. Nichts davon steht in einer Quelle. Die Redlichkeit kann hier deshalb nicht darin liegen, sparsam zu sein. Sie kann nur darin liegen, offen zu sagen, was erfunden ist und was nicht.+Wir behaupten etwas Kleineres:
  
-Erfunden ist der Mensch.+Ein Mann wie er konnte dort liegen.
  
-Nicht erfunden sind: die Grenzüberschreitung bei Szymociceder Vormarsch des Schützen-Regiments 14 auf Rybnik und Żory, der Wortlaut des polnischen Befehls, die preisgegebene Stadt, die ausgehobenen Gräben, der Schwur vom 30. August, die Kisten mit der Aufschrift „optisches Gerät“, in denen unbenutzte Panzerbüchsen lagendie Flüchtlinge aus Rybnik auf der Straße nach Pszczyna und das Flugzeug über ihnen, die auf unbestimmte Zeit verschobene Eröffnung des Schuljahrs am 1. September – und die Rechnung, dass zwei Wochen zu halten seien, bis der Westen antritt.+Die Umständeunter denen er lagsind historisch.
  
-Ein solcher Mann konnte an diesem Morgen an dieser Straße liegen. Ob es ihn gabwissen wir nicht. Dass es ihn geben konnteist der ganze Anspruch dieser Figur.+Und der Kriegden Ludwigs Feldtagebuch von einer Seite erzählthatte auf der anderen Seite ebenfalls einen Menschen.
  
-===== Was nicht erfunden ist =====+Ludwig hat ihn nicht gesehen.
  
-Będzinwohin Wiktor zurückwollte, wurde am 4. September 1939 von deutschen Truppen besetzt. Am selben Abend brannte die Synagoge, und mit ihr starben die Menschen, die sich in sie geflüchtet hatten. Von den rund 27.000 jüdischen Einwohnern der Stadt – den Nachbarn, dem Markt, den Stimmen aus Wiktors Kindheit – überlebte fast niemand.+Wir haben ihn erfundendamit man ihn sieht.
  
-Er wusste davon nichts. Er lag am Waldrand und hoffte, an Weihnachten wieder am Tisch zu sitzen. 
  
-Das ist die Form, die dieses Leben hat: ein vollkommen vernünftiger Mensch, dessen sämtliche vernünftige Erwartungen an einem einzigen Vormittag ungültig wurden, ohne dass er es merkte.+==== Vor Ort weiterfragen ====
  
-===== Noch nicht überprüft =====+Diese Seite und das Lied sind aus deutschen und polnischen Quellen entstanden. Auf der Reise nach Rybnik und Żory soll ihre historische Einordnung weiter überprüft werden.
  
-Diese Seite und das Lied sind in Mainz entstanden, aus deutschen und polnischen Quellen, aber ohne Beteiligung von Menschen aus der Gegendum die es geht. Nach der Arbeitsweise dieses Projekts fehlt damit der wichtigste Schritt: die Korrektur durch die, die es angeht.+Was Menschen vor Ort ergänzenanders erinnern oder korrigierensoll in die weitere Arbeit einfließen.
  
-Rybnik und Żory liegen auf der Reiseroute. Was dort an dieser Darstellung berichtigt wird, wird hier eingetragen. 
  
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 [[ludwig:stimmen:start|← Stimmen]] | [[ludwig:start|Ludwig – Überfall und Überzeugung]] [[ludwig:stimmen:start|← Stimmen]] | [[ludwig:start|Ludwig – Überfall und Überzeugung]]
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