ludwig:stimmen:wiktor
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| ludwig:stimmen:wiktor [2026/08/26 18:47] – admin | ludwig:stimmen:wiktor [2026/08/26 19:54] (aktuell) – [Wiktor Kowalik – erfundene Figur] admin | ||
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| - | + | ====== Wiktor Kowalik | |
| - | ====== Wiktor Kowalik | + | |
| //Waldrand nördlich von Żory, Woiwodschaft Schlesien, 1. September 1939// | //Waldrand nördlich von Żory, Woiwodschaft Schlesien, 1. September 1939// | ||
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| Wiktor Kowalik kommt in Ludwigs Feldtagebuch nicht vor. | Wiktor Kowalik kommt in Ludwigs Feldtagebuch nicht vor. | ||
| - | Das unterscheidet ihn von allen anderen Stimmen dieses Projekts. Emil, Anna, die betende Frau – sie alle stehen, | + | Bei manchen |
| - | Am 1. September 1939 fuhr Ludwig Breining mit den Kradschützen über die Grenze. Ihre Aufgabe war es, weit vorauszufahren und Feuer auf sich zu ziehen, damit die polnischen Stellungen sich verrieten. Das Verfahren funktioniert nur, wenn der andere unsichtbar bleibt, bis er schießt. Ludwig hat den Mann, der auf ihn zielte, nie gesehen. Das Schweigen der Quelle ist an dieser Stelle kein Zufall und keine Nachlässigkeit. Es ist die Funktionsweise des Vorgangs selbst. | + | Am 1. September 1939 fuhr Ludwig Breining mit den Kradschützen über die Grenze. Ihre Aufgabe war es, weit vorauszufahren und Feuer auf sich zu ziehen, damit die polnischen Stellungen sich verrieten. Das Verfahren funktioniert nur, wenn der andere unsichtbar bleibt, bis er schießt. |
| - | Wiktor ist der Versuch, diese Lücke nicht zu übergehen. Er ist nicht überliefert, sondern erschlossen: | + | Ludwig hat den Mann, der auf ihn zielte, nie gesehen. |
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| + | Wiktor ist der Versuch, diese Lücke nicht zu übergehen. Er ist nicht überliefert. Er ist erfunden | ||
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| + | Die Figur ist erfunden. | ||
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| + | Die Welt, in der sie liegt, ist es nicht. | ||
| - | Die Figur ist erfunden. Die Welt, in der sie liegt, ist es nicht. | ||
| ===== Der Ort und der Tag ===== | ===== Der Ort und der Tag ===== | ||
| - | Ludwigs Verband, | + | Ludwigs Verband, |
| - | Gegenüber lag die Abteilung „Rybnik“. Ihr Befehl | + | Gegenüber lag die polnische |
| - | In den Tagen davor war am Stadtrand | + | In den Tagen zuvor waren am Stadtrand Schützengräben |
| - | Am Morgen des 1. September, gegen neun Uhr, erschien in den Wäldern nördlich der Stadt deutsche Aufklärung. An einer kleinen Brücke lag ein polnischer Spähtrupp und ließ sie herankommen, | + | Am Morgen des 1. September erschien |
| Dort liegt Wiktor. | Dort liegt Wiktor. | ||
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| ===== Wiktor Kowalik ===== | ===== Wiktor Kowalik ===== | ||
| - | Er kam im März 1908 in Będzin | + | Wiktor Kowalik wird im März 1908 in Będzin |
| - | Będzin | + | Będzin |
| - | Mit einundzwanzig zog man ihn ein. Zwei Jahre Dienst, Infanterie, Kasernenhof | + | Auf dem Markt hört Wiktor Polnisch |
| - | Zurück in Będzin nahm ihn die Werkstatt | + | Nach der Schule lernt er Schlosser. Mit einundzwanzig wird er zum Militär eingezogen. Zwei Jahre Infanterie, Kasernenhof, Schießstand. Er ist kein besonders guter Soldat und kein besonders schlechter. Danach kehrt er nach Będzin zurück und arbeitet wieder mit Metall, Förderwagen, Lagern |
| - | Agnieszka Zając | + | 1931 lernt er auf einer Hochzeit |
| - | Sie wohnten | + | Sie leben in zwei Zimmern in der Nähe des Bahnhofs. Im Hof hängen mehrere |
| - | In den dreißiger Jahren stand seine Familie nicht schlechter da als andere und nicht besser. Er hatte 1935 vier Monate keine Arbeit. Er trank sonntags ein Bier, manchmal zwei. Er war in keiner Partei. | + | Wiktor ist in keiner Partei. |
| - | Dass er Pole war, war für ihn kein Thema, über das man nachdenkt. Es war so wie die Tatsache, dass er Schlosser | + | Auch dass er Pole ist, beschäftigt |
| - | Die Karte kam an einem Sonntag, dem 27. August. Agnieszka packte Hemden ein und Speck und einen Rosenkranz, den er nicht verlangt hatte. Paweł durfte mit zum Bahnhof | + | Im Sommer 1939 wird in der Werkstatt viel über Deutschland gesprochen. Wiktor sagt wenig. Er glaubt, was damals vernünftig erscheint: Wenn es Krieg gibt, muss Polen einige Zeit standhalten. Dann werden Frankreich |
| - | Der Zug fuhr über Katowice nach Rybnik, und von Rybnik ging es weiter nach Żory, einer kleinen Stadt, in der er noch nie gewesen war. In den Kasernen stellte man aus den eintreffenden Reservisten Einheiten zusammen. | + | Er hält das nicht für Heldentum. |
| - | Sie gruben. Es war der trockenste Sommer seit Jahren, die Ernte war herein, der Boden hart, und die Arbeit ging in die Schultern. Frauen brachten Milch an den Grabenrand. | + | Eher für Arithmetik. |
| - | Am Mittwoch, dem 30. August, stand er auf dem Marktplatz, als die Stadt ihren Schwur sprach. Er sprach mit, wie alle. Er kannte niemanden, der neben ihm stand. | + | Am 27. August |
| - | Am Abend des 31. August | + | Agnieszka packt Hemden, etwas zu essen und einen Rosenkranz ein, um den er sie nicht gebeten hat. Paweł darf mit zum Bahnhof. Ludka bleibt zu Hause. |
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| + | Der Zug bringt Wiktor über Katowice in den Raum Rybnik und Żory. Dort werden Reservisten den vorhandenen Einheiten zugeteilt. | ||
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| + | Sie graben Stellungen. | ||
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| + | Der Sommer ist trocken, der Boden hart. | ||
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| + | Am Abend des 31. August | ||
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| + | Sie bleiben | ||
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| + | Am Morgen des 1. September kommen Motorräder. | ||
| - | Am Morgen des 1. September, gegen neun Uhr, kamen auf der Straße Motorräder. | ||
| ===== Wo die Erfindung aufhört ===== | ===== Wo die Erfindung aufhört ===== | ||
| - | Hier endet, was wir über Wiktor Kowalik sagen können – nicht aus Zurückhaltung, sondern | + | Hier endet Wiktors Biografie. |
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| + | Nicht weil wir wissen, dass er an diesem Morgen stirbt. Und auch nicht, weil wir wissen, dass er überlebt. | ||
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| + | Wir wissen beides nicht. | ||
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| + | Was den polnischen Soldaten dieses Abschnitts anschließend geschah, war sehr verschieden. Manche fielen. Andere zogen wie befohlen nach Osten zurück. Manche gerieten in Gefangenschaft. Einige erreichten weitere Verteidigungslinien. | ||
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| + | Für Wiktor wäre jede dieser Fortsetzungen gleich erfunden. | ||
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| + | Deshalb geben wir ihm keine. | ||
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| + | Sein Lied endet mit den Worten: | ||
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| + | „und ich lege an“ | ||
| - | Was den Männern dieses Abschnitts an diesem Tag geschah, ist bekannt. | + | Die Biografie endet am selben Ort. |
| - | Für eine erfundene Figur ist keine dieser Fortsetzungen wahrer als die andere. Wir könnten Wiktor sterben oder heimkommen lassen; beides wäre gleich unwahr, und beides würde dem Lied seinen Sinn nehmen. Das Lied bricht mit den Worten „und ich lege an“ ab, und die Biografie tut dasselbe. | ||
| ===== Zur Entstehung der Figur ===== | ===== Zur Entstehung der Figur ===== | ||
| - | ==== Wie der Ort gefunden wurde ==== | + | ==== Wo Wiktor liegen konnte |
| - | Dass sich der Ort so genau bestimmen ließ, war nicht abzusehen. | + | Die 5. Panzer-Division sammelte |
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| + | Zwischen diesem Übergang und Żory liegen etwa fünfundzwanzig Kilometer. | ||
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| + | Irgendwo auf diesem Weg lagen polnische Soldaten, deren Aufgabe es war, die deutsche Aufklärung zu beobachten und aufzuhalten. | ||
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| + | Einen von ihnen nennen wir Wiktor. | ||
| - | Die 5. Panzer-Division sammelte sich in der Nacht zum 1. September an der Grenze gegenüber den polnischen Dörfern Chwałęcice, | ||
| ==== Fünf vernünftige Sätze ==== | ==== Fünf vernünftige Sätze ==== | ||
| - | Die Figur ist so gebaut, dass sie keinen inneren Konflikt hat. Sie zweifelt nicht, sie schwankt nicht, sie ist sich ihrer Zugehörigkeit vollkommen sicher. Das war eine bewusste Entscheidung, | + | Wiktor |
| - | Was Wiktor an diesem Morgen denkt, ist durchweg vernünftig. Man halte etwa zwei Wochen, dann trete der Westen an – das war die operative Rechnung des polnischen Generalstabs nach dem Bündnis mit Großbritannien vom 25. August 1939. Hinter ihm stehe die Hauptlinie – die stand dort, aber sie hielt nicht. Der Rückzug gehe nach Osten – dorthin marschierte am 17. September die Rote Armee ein, deren Kommen im Geheimen Zusatzprotokoll vom 23. August vereinbart worden war, von dem in Polen niemand wusste. Zu Weihnachten sei er zu Hause – Będzin wurde am 4. September besetzt. Und die Panzerdivision werde, wie es die Lehre vorsah, auf die nachrückende Infanterie warten, ehe sie die Hauptlinie angreife – sie wartete | + | Er weiß, zu welcher Seite er gehört. Er muss darüber |
| - | Fünf richtige Schlüsse. Fünfmal falsch. Keinen davon konnte | + | Was ihn tragisch macht, ist etwas anderes: Fast alles, was er an diesem Morgen vernünftigerweise erwarten kann, wird falsch sein. |
| - | ==== Die Frage nach der Loyalität ==== | + | Er kann glauben, Polen müsse ungefähr zwei Wochen halten, bis die westlichen Verbündeten eingreifen. Das entspricht |
| - | Beim Schreiben stellte sich die Frage, welche Treue diesen Mann eigentlich umgab. Lagen neben ihm Leute, die abends überlaufen würden? Musste er damit rechnen? | + | Er kann glauben, hinter |
| - | Die Antwort ist unbequem, und sie hat drei Teile. | + | Er kann glauben, dass ein Rückzug nach Osten Sicherheit bedeutet. Am 17. September wird dort die Rote Armee einmarschieren. Vom geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Pakts weiß in Polen niemand. |
| - | === Erstens: Es geschah, und es geschah in seinem Abschnitt === | + | Er kann glauben, zu Weihnachten wieder bei Agnieszka |
| - | Der Zugführer der Maschinengewehrabteilung der Kompanie der Nationalen Verteidigung „Rybnik“, | + | Und er kann davon ausgehen, dass eine Panzerdivision sich nach der damals bekannten militärischen Lehre nicht beliebig weit von ihrer nachrückenden Infanterie entfernen wird. |
| - | Das ist die Kompanie nebenan. Dieselbe Abteilung „Rybnik“, | + | Nicht der Angriff selbst überrascht |
| - | Hinzu kam die Bewegung in umgekehrter Richtung: Angehörige der deutschen Minderheit versuchten häufig, der Einberufung in die polnische Armee zu entgehen, und flohen über die grüne Grenze ins Reich. Das war kein Randphänomen. Ein polnischer Offizier berichtete, Ende Mai 1939 Soldaten in polnischer Uniform gesehen zu haben, die auf einen Zug Richtung Deutschland sprangen und sich mit unanständigen Gesten von ihren Kameraden verabschiedeten. 1940 erschien in Deutschland eine eigene Veröffentlichung über Deutsche in polnischen Reihen, // | + | Sein Tempo tut es. |
| - | Und beim Vormarsch halfen Führer aus der örtlichen deutschen Minderheit den Wehrmachtsverbänden, | + | Fünf vernünftige Erwartungen. |
| - | === Zweitens: Es geschah viel weniger, als geplant war === | + | Fünfmal falsch. |
| - | Die deutsche Abwehr hatte eigens eine Struktur aufgebaut, die auf die Moral der in der polnischen Armee dienenden Oberschlesier einwirken sollte. Sie blieb, so das Urteil der heutigen Forschung, weitgehend virtuell. Die übrigen Diversionsstrukturen zerschlug die polnische Polizei zu großen Teilen schon Mitte August 1939. Aus den Resten stellte man daraufhin die Sonderformation Ebbinghaus auf, rund anderthalbtausend Mann – und bezog dabei Oberschlesier mit polnischem Pass, die auf der deutschen Seite der Grenze arbeiteten, ein, ohne sie sonderlich nach ihrer Meinung zu fragen. Die Kämpfe dieser Verbände um mehrere große oberschlesische Industrieanlagen endeten am 1. und 2. September mit ihrer Niederlage. | + | Wiktor kann keine davon überprüfen. |
| - | Auch in die andere Richtung korrigiert die Forschung. Die Rolle der freiwilligen Verbände aus ehemaligen schlesischen Aufständischen wurde nach dem Krieg in Polen deutlich überzeichnet; | ||
| - | === Drittens: Loyalität war dort keine Skala zwischen Polen und Deutschland | + | ==== Eine Landschaft komplizierter Loyalitäten ==== |
| - | Der wichtigste Befund ist der, der am wenigsten | + | Die Gegend, in der Wiktor liegt, ist keine einfache nationale Landschaft. |
| - | Das ist etwas anderes als Verrat, und es ist auch etwas anderes als Treue. | + | In Einheiten der Abteilung „Rybnik“ kam es tatsächlich zu Überläufen auf die deutsche Seite. Angehörige der deutschen Minderheit unterstützten an manchen Orten den deutschen Vormarsch, und in Żory schossen örtliche Deutsche auf zurückgehende polnische Soldaten.((Vgl. Grzegorz Bębnik (IPN Katowice): //Niemiecka dywersja na Górnym Śląsku poniosła klęskę//, dzieje.pl, 1. September 2013; ferner Bębnik: //Wrzesień 1939 r. w Katowicach//, |
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| + | Aber auch das ist nur ein Teil der Geschichte. | ||
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| + | Die deutschen Versuche, die Loyalität oberschlesischer Soldaten systematisch zu untergraben, | ||
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| + | Und selbst Fahnenflucht bedeutete nicht automatisch deutsche nationale Überzeugung. Als sich die polnischen Verbände aus Oberschlesien zurückzogen, | ||
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| + | Das ist etwas anderes als Verrat. | ||
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| + | Und es ist auch etwas anderes als Treue. | ||
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| + | Manchmal war die stärkste Zugehörigkeit nicht die zu Deutschland oder Polen, sondern | ||
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| + | Gerade deshalb kommt Wiktor nicht aus Oberschlesien. | ||
| - | Damit steht die Frage, die dieses Zimmer stellt, noch einmal anders. Ludwig fuhr aus Überzeugung. Wiktor liegt aus Vernunft. Und um beide herum lagen Männer, deren Verhalten sich mit keinem der beiden Wörter erklären lässt, sondern nur mit dem Ort, an dem ihre Familie wohnte. | ||
| ==== Warum Wiktor aus Będzin kommt ==== | ==== Warum Wiktor aus Będzin kommt ==== | ||
| - | Diese Verwicklung war der Grund, weshalb die Figur zunächst als Oberschlesier angelegt und dann verworfen wurde. Der Vorläufer, Alojzy Skiba, hätte den Riss in sich getragen: | + | Eine frühere Vorstellung |
| - | Będzin liegt sechzig Kilometer von Żory und in einer anderen Geschichte. Bis 1918 russische Teilung, kein Plebiszit, kein Aufstand, keine Minderheitenfrage von der oberschlesischen Art. Und in Żory lagen tatsächlich Männer von dort: Die II. Abteilung des 23. leichten Artillerieregiments war seit 1922 in der Stadt stationiert und kam aus Będzin; ihre 5. Batterie blieb im August 1939 zurück und wurde der Abteilung „Rybnik“ unterstellt. Dazu kamen Reservisten, | + | Aber diesen Riss gibt es in unserem Projekt bereits. |
| - | Wiktor gehört damit zu denen, für die die Loyalitätsfrage nicht existierte – während | + | Er heißt Anton Špaček. |
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| + | Wiktor soll etwas anderes sichtbar machen. | ||
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| + | Będzin liegt nur etwa sechzig Kilometer entfernt, gehört aber zu einer anderen historischen Landschaft: ehemalige russische Teilungsregion, | ||
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| + | Zugleich ist seine Anwesenheit im Raum Żory historisch plausibel. Dort lagen auch Soldaten und Einheiten mit Verbindungen nach Będzin; außerdem wurden kurz vor Kriegsbeginn Reservisten in die vorhandenen Verbände eingegliedert.((B. Cimała / J. Delowicz / P. Porwoł: //Żory. Zarys dziejów. Wypisy//, Żory 1994; Delowicz, a.a.O.)) | ||
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| + | Wiktor gehört damit zu denen, für die die Frage „Bin ich Pole oder Deutscher? | ||
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| + | Während | ||
| - | Und ein Nebeneffekt, | ||
| ==== Was danach kam ==== | ==== Was danach kam ==== | ||
| - | Mit Hitlers Erlass vom 8. Oktober 1939, in Kraft ab dem 26. Oktober, wurde die polnische Woiwodschaft Schlesien | + | Wiktor weiß am Morgen des 1. September nicht, wie schnell die Welt hinter ihm verschwinden wird. |
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| + | Będzin wird am 4. September von deutschen Truppen besetzt. | ||
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| + | Noch am selben Abend brennt die Synagoge. Menschen, die dort Schutz gesucht haben, sterben im Feuer. Die große jüdische Bevölkerung Będzins – Nachbarn, Händler, Handwerker, Stimmen, die für Wiktor seit seiner Kindheit zum Klang der Stadt gehören – wird in den folgenden Jahren fast vollständig vernichtet. | ||
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| + | Auch die politische Landkarte verändert sich. Große Teile des westlichen Polen werden | ||
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| + | Ein Teil der Männer, die am 1. September auf deutsche Soldaten zielten, wird wenige Jahre später selbst deutsche Uniform tragen. | ||
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| + | Für Będzin und das Zagłębie | ||
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| + | Davon weiß er nichts. | ||
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| + | Er liegt am Waldrand und hofft, an Weihnachten wieder am Tisch zu sitzen. | ||
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| + | Das ist die Form, die wir diesem erfundenen Leben geben: | ||
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| + | ein vernünftiger Mensch, dessen vernünftige Erwartungen innerhalb weniger Tage und Wochen zusammenbrechen, | ||
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| + | ohne dass er es in diesem Augenblick wissen kann. | ||
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| + | ==== Was erfunden ist – und was nicht ==== | ||
| - | Am 4. März 1941 wurde dort die Deutsche Volksliste eingeführt, | + | Wiktor Kowalik hat nicht gelebt. |
| - | Das heißt: Ein Teil der Männer, die am 1. September 1939 mit Wiktor am Waldrand lagen und auf Ludwigs Krad zielten, trug wenige Jahre später dieselbe Uniform wie Ludwig. | + | Sein Name ist erfunden. Ebenso seine Herkunft im Einzelnen, sein Beruf, Agnieszka, Paweł |
| - | Für Będzin gilt das nur eingeschränkt. Das Zagłębie sollte nach deutscher Planung nicht eingegliedert, | + | Nicht erfunden sind der deutsche Vormarsch über die Grenze, die Kämpfe im Raum Rybnik und Żory, die polnischen Stellungen, die Mobilmachung, |
| - | Er wusste davon nichts. Er lag am Waldrand und hoffte, an Weihnachten wieder am Tisch zu sitzen. | + | Wir behaupten nicht, Wiktors Gedanken |
| - | Das ist die Form, die dieses Leben hat: ein vollkommen vernünftiger Mensch, dessen sämtliche vernünftige Erwartungen an einem einzigen Vormittag ungültig wurden, ohne dass er es merkte. | + | Wir behaupten etwas Kleineres: |
| - | ==== Was wir nicht behaupten ==== | + | Ein Mann wie er konnte dort liegen. |
| - | Bei der betenden Frau bestand die Gefahr darin, zu viel hinzuzufügen. Von ihr ist ein wirklicher Augenblick überliefert, | + | Die Umstände, unter denen er lag, sind historisch. |
| - | Erfunden ist der Mensch. | + | Und der Krieg, den Ludwigs Feldtagebuch von einer Seite erzählt, hatte auf der anderen Seite ebenfalls einen Menschen. |
| - | Nicht erfunden sind: die Grenzüberschreitung bei Szymocice, der Vormarsch des Schützen-Regiments 14 auf Rybnik und Żory, der Wortlaut des polnischen Befehls, die preisgegebene Stadt, die ausgehobenen Gräben, der Schwur vom 30. August, die Kisten mit der Aufschrift „optisches Gerät“, in denen unbenutzte Panzerbüchsen lagen, die Flüchtlinge aus Rybnik auf der Straße nach Pszczyna und das Flugzeug über ihnen, die auf unbestimmte Zeit verschobene Eröffnung des Schuljahrs am 1. September((Die allgemeine Mobilmachung war für den 30. August angekündigt, | + | Ludwig hat ihn nicht gesehen. |
| - | Wiktor Kowalik hat nicht gelebt. Er hat keinen Nachfahren, kein Grab, keine Akte. Wer diese Seite liest, soll das an keiner Stelle vergessen können. | + | Wir haben ihn erfunden, damit man ihn sieht. |
| - | Was wir behaupten, ist etwas Schwächeres und, wie wir hoffen, Genaueres: dass ein Mann wie er an diesem Morgen an dieser Straße liegen konnte; dass die Umstände, unter denen er lag, nicht erfunden sind; und dass der Krieg, den Ludwigs Feldtagebuch von einer Seite erzählt, auf der anderen Seite ebenfalls jemanden hatte. | ||
| - | Ludwig hat ihn nicht gesehen. Wir haben ihn erfunden, damit man ihn sieht. | + | ==== Vor Ort weiterfragen ==== |
| - | ===== Noch nicht überprüft | + | Diese Seite und das Lied sind aus deutschen und polnischen Quellen entstanden. Auf der Reise nach Rybnik und Żory soll ihre historische Einordnung weiter |
| - | Diese Seite und das Lied sind in Mainz entstanden, aus deutschen und polnischen Quellen, aber ohne Beteiligung von Menschen | + | Was Menschen |
| - | Rybnik und Żory liegen auf der Reiseroute. Was dort an dieser Darstellung berichtigt wird, wird hier eingetragen. | ||
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