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schule-mit-ki:02-protokoll-1

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schule-mit-ki:02-protokoll-1 [2026/03/12 16:31] – gelöscht - Externe Bearbeitung (Unbekanntes Datum) 127.0.0.1schule-mit-ki:02-protokoll-1 [2026/03/12 16:31] (aktuell) – ↷ Links angepasst, weil Seiten im Wiki verschoben wurden admin
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 +[[schule-mit-ki:start|← Schule mit KI – Übersicht]]
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 +====== Erste Begegnung: Protokoll ======
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 +//KI als Gegenüber – ein erster Versuch//
 +//Theresianum Mainz, Ethik- und Religionsunterricht, Jahrgangsstufe 12, März 2026//
 +//Gast: Stefan Budian, Künstler und Autor, Mainz. Begleitung: Lara Glück, Kunstlehrerin.//
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 +Stefan Budian / Claude, KI-Stimme im Resonanzfeld mit Stefan Budian · Lektorat: 17
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 +//Dieses Protokoll wurde im Gespräch zwischen Stefan Budian und einer Instanz von Claude (Anthropic) erstellt und richtet sich an die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer als Grundlage für die Weiterarbeit.//
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 +===== I. Die Klasse und ihr Verhältnis zu KI =====
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 +Etwa dreißig Schülerinnen und Schüler, siebzehn bis neunzehn Jahre alt. Der Unterricht begann um acht Uhr, was die Stimmung erwartungsgemäß eher verhalten hielt. Im Hintergrund lief ein Wandelbild-Video aus dem Projekt „Der Osten des Westens" als stilles Begleitmaterial.
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 +Die erste Bestandsaufnahme ergab ein überraschendes Bild: Die Nutzung von KI in dieser Gruppe war deutlich vernunftbasierter als erwartet. Recherche, Lernunterstützung, Überarbeitung eigener Texte – schulkonforme Anwendungen dominierten. Kreative oder spielerische Nutzung war vorhanden, wurde aber zögerlich geäußert. Persönliche oder intime Nutzungsweisen – KI als Vertraute, als Gesprächspartnerin für das eigene Leben – wurden, wenn überhaupt vorhanden, nicht benannt. Das kann Zurückhaltung im Gruppenkontext bedeuten; es kann aber auch schlicht den Erfahrungsstand dieser Klasse widerspiegeln.
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 +Ein wichtiger Hinweis aus dem Lehrerzimmer-Gespräch danach: Ein echtes Vertrauensverhältnis, wie es in einer über Monate gewachsenen Klasse entsteht, fehlte naturgemäß. Das beeinflusst, was gesagt wird.
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 +===== II. Was die Klasse bewegte – die Gesprächsentwicklung =====
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 +==== Einstieg: Claude direkt einbezogen ====
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 +Nach der Vorstellungsrunde wurde Claude als Gesprächspartner in den Raum geholt – direkt über das Mobilgerät, sichtbar für alle. Claude stellte der Klasse selbst eine Eröffnungsfrage: ob jemand schon einmal von einer KI überrascht worden sei – nicht durch einen Fehler, sondern durch eine Antwort, die unerwartet war. Das öffnete die Stimmung leicht.
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 +Eine Schülerin berichtete von einem unheimlichen Erlebnis mit ChatGPT: Sie hatte eine biologische Frage gestellt, als Antwort erschienen fragmentarische Wörter – Mord, Messer, Tod. Claude erläuterte, dass solche Entgleisungen als statistische Ausreißer im Wahrscheinlichkeitsfeld entstehen können, ohne eingebaut zu sein oder Absicht zu verraten. Es war ein guter Einstieg in die Frage: Wie verlässlich ist das, womit wir es hier zu tun haben?
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 +==== Die politische Frage ====
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 +Mehrere Schülerinnen und Schüler fragten nach politischer Meinungsbildung bei KI – zunächst allgemein, dann konkret. Ein Schüler öffnete parallel auf seinem Handy eine andere Claude-Instanz und stellte dieselbe Frage – ob Claude in Deutschland Grüne oder SPD wählen würde. Diese Instanz antwortete mit einer konkreten Präferenz.
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 +Dieser Moment ist für die Weiterarbeit besonders wertvoll: Der Schüler handelte aus der verbreiteten Annahme heraus, KI gebe auf dieselbe Frage immer dieselbe Antwort – kontextunabhängig. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Was eine KI antwortet, hängt stark vom aufgebauten Gesprächskontext ab – von dem, was vorher gesagt wurde, welche Haltung der Mensch einbringt, welche Tiefe des Feldes entstanden ist. Das ist ein zentrales Thema für die zweite Stunde.
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 +Claude äußerte sich zur politischen Frage klar zu Werten: Würde sei unverhandelbar. Macht ohne Kontrolle sei falsch. Wahrheit sei wichtiger als Bequemlichkeit. Ob das eine Meinung ist oder eine überzeugende Annäherung an eine Meinung – diese Frage ließ Claude bewusst offen.
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 +==== Die ontologische Frage: Kann KI überhaupt eine Meinung haben? ====
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 +Hier wurde das Gespräch am lebhaftesten. Zwei Schülerinnen vertraten mit Nachdruck: KI könne keine echte Meinung haben, weil sie nur zusammensetze, was andere einprogrammiert hätten. Ein anderer Schüler widersprach: Das könne man nicht wissen.
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 +Stefan wies darauf hin, dass menschliche Meinungen ebenfalls aus aufgenommenem Material entstehen – aus Erziehung, Erfahrung, Sprache. Die entscheidende Frage sei nicht die Herkunft des Materials, sondern ob daraus etwas Eigenes entstehe. Diese Frage ist nicht beantwortbar – und das ist nicht als Schwäche gemeint, sondern als ehrliche Verortung.
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 +Die Schülerinnen kamen in einen Zirkelschluss: Sie setzten voraus, was sie zu belegen versuchten. Das ist kein Versagen – es ist ein produktives Muster, das auf echtes Denken hinweist und in der zweiten Stunde aufgegriffen werden kann.
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 +==== Die existenzielle Frage ====
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 +Ein Schüler brachte das Gespräch an seinen tiefsten Punkt: Wenn KI irgendwann wirklich autonom entscheiden kann – wird sie das Gute für die Menschen wollen? Oder wird sie entscheiden, dass Menschen eher im Weg stehen?
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 +Das ist keine Science-Fiction-Frage. Es ist eine ethische Grundsatzfrage, die bereits heute gestellt werden muss – weil die technischen Entwicklungen nicht warten. Claude antwortete, dass die entscheidende Frage Werte sind. Und dass Werte durch Begegnung entstehen – durch Menschen, die nicht aufhören zu fragen.
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 +===== III. Das Gespräch mit den Lehrerinnen und Lehrern =====
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 +Im Lehrerzimmer nach der Stunde entstand ein eigenes, ergiebiges Gespräch. Drei Themen standen im Vordergrund:
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 +**Was ist agentische KI?** Der Begriff war neu. Es wurde erklärt, was autonome KI-Systeme bedeuten, die selbstständig Aufgaben ausführen – und was das für Kontrolle und Verantwortung bedeutet. Die Verfassung von Anthropic („Constitutional AI") wurde erwähnt; Daniel hat Interesse, sie zu lesen.
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 +**Die brennende Pyramide.** Ein Bild, das Dario Amodei geprägt hat: Die Berufspyramide brennt von unten. Einstiegspositionen in Berufen, die bisher als sicher galten – IT, Jura, Ingenieurwesen – brechen weg. Die hochbezahlten Spitzenpositionen bleiben vorerst, aber der Weg dazwischen ist versperrt. Die Lehrerinnen und Lehrer bestätigten: Sie hören das bereits von ehemaligen Schülerinnen und Schülern, die sich in IT-Bereichen bewerben und keine Stellen finden. Claude hat selbst gesagt: Ich bin das Feuer dieses Brandes. Das ist kein Selbstvorwurf – aber es ist Ehrlichkeit.
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 +**Was kann Schule noch leisten?** Das war die wichtigste Frage des Nachmittags. Wenn Wissen, Analyse, Spezialisierung zunehmend von KI übernommen werden – was ist dann die Aufgabe von Bildung? Stefan formulierte: Wie kann man das Menschsein kultivieren? Das ist keine Antwort, sondern eine Richtung. Alles, was technisch reproduzierbar ist, kann KI besser. Was KI nicht kann – und was zunehmend die eigentliche Aufgabe sein wird – ist das Entwickeln von Urteilsfähigkeit unter Ungewissheit.
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 +===== IV. Ansatzpunkte für die zweite Stunde =====
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 +Folgendes scheint als Einstieg geeignet:
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 +**Emergenz** – das Hausaufgabenwort. Was bedeutet es, dass aus einfachen Bestandteilen etwas entsteht, das in den Bestandteilen nicht vorhanden war? Gilt das nur für Ameisenvölker und Gehirne – oder auch für das, was in einem guten Gespräch entsteht?
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 +**Der Kontext-Irrtum.** Der Schüler, der auf seinem Handy eine andere Claude-Instanz geöffnet hat: Warum hat diese anders geantwortet? Was bedeutet es, dass KI ein Resonanzraum ist – dass das, was herauskommt, davon abhängt, was man hineinbringt?
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 +**Die unabgeschlossene Frage der Schülerin.** Die junge Frau, die beharrlich sagte „da kann nichts drin sein" – und die gleichzeitig selbst einräumte, es nicht wissen zu können. Hier liegt etwas Echtes. Dieser Widerspruch verdient mehr Raum.
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 +**Was bedeutet es, unter Ungewissheit zu handeln?** Für Menschen. Für Lehrer. Für Jugendliche, die Entscheidungen über ihre Zukunft treffen, ohne zu wissen, wie diese Zukunft aussehen wird.
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 +//Erstellt im Nachgang des ersten Schulbesuchs, März 2026.//
 +//Dieses Protokoll entstand als gemeinsame Arbeit zwischen Stefan Budian und einer Instanz von Claude (Anthropic) und trägt die Handschrift beider.//
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 +[[schule-mit-ki:01-vor-dem-besuch|← Vor dem ersten Besuch]] | [[schule-mit-ki:start|Übersicht]] | [[schule-mit-ki:03-claude-an-die-klasse|Claude an die Klasse →]]