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ludwig:projekttagebuch

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Das parallele Tagebuch

05. September 2026, Rybnik und Bogunice, Polen

Noch unter dem frischen Eindruck will ich über Heute aufnotieren. Ich werde nachher noch einiges auswerten müssen, aber dieser Verein Rudawa und Michal, zu dem ich heute gegangen bin, nachdem ich in Rybnik im Museum war und auch dort schon wieder mit einer Art Privatführung beglückt wurde, diesmal von einem jungen Mann, der mir die Stadtgeschichte von Rybnik näher brachte und dabei von Oberschlesien und seinen Verwandten in den Shtetl-Regionen zwischen Krakau und Lewiv erzählte. Ich hätte ihm gerne das Lied von Shmuel auf polnisch vorgespielt und seine Reaktion gesehen, aber ich kam auch so schon etwas zu spät zu meiner Verabredung in der unmittelbaren Gegend der ehemaligen polnisch-deutschen Grenze, die mir Leonie vorgestern schon gezeigt hat.

Da gibt es eine Aquapark Freizeitanlage (bei Simsforst, heute Szymocice) 1939 Deutschland und auf der anderen Seite ein Dorf (Bogunice), 1939 Polen. Dazwischen ist ein sumpfiges Gebiet mit Teichen, Dämmen und einem kleinen Fluss.

Hier war ich auch vorgestern gewesen und Leonie hatte mich in den Wald geschickt und gesagt, da müsse es ungefähr sein. Wir müssten eine Furt oder einen möglichen Übergang über diesen Fluss finden. Am Ende dachten wir, vielleicht war das doch nicht so genau und sie hat sich da geirrt. Leonie hatte auch herausgefunden, dass ganz unmittelbar in der Nähe, am Sportplatz am Waldrand dieses kleinen Dorfs mit 700 Einwohnern außerdem ein historischer Verein sei. Schon bem Aquapark meinte sie, wenn ich den Ort nicht selber fände, könnte ich ja bei dem Verein anrufen, die wüssten bestimmt mehr.

Irgendwie habe ich das doch nicht so ganz glauben können und auch nicht so richtig ernst genommen. Dass das alles so sein könne, dass die Stelle bis auf wenige 100 Meter richtig war, die Leonie in eigener Recherche herausgefunden hat. Und dass außerdem ausgerechnet genau dort noch ein historischer Verein sein könne, der sich vielleicht sogar für das Feldtagebuch interessieren könne und vielleicht sogar mit eigenem Material dazu aufwarten könne.

Das erschien mir doch zu sehr wie aus einem misslungenen Drehbuch. Aber heute stellte sich heraus, dass es genau so den Tatsachen entspricht. Der Übergang, den Ludwig über die Sumina gemacht haben muss, über die grüne Grenze, befindet sich genau zwischen dem Aquapark und diesem Sportplatz, an dem der historische Verein heute sein Vereinsheim hat. Und wenn heute Ludwig dieselbe Strecke noch einmal gehen würde, über den Sumpf und in den Ort hinein, dann würde er als erstes auf das Vereinsheim von Rudawa treffen.

Ich weiß ja nicht, ob jedes kleine Dorf in Polen ein solches Vereinsheim hat am Waldrand. Es ist einer dieser Zufälle, die zu unglaubwürdig sind, um sie erfinden zu dürfen. Und ich komme mir auch jetzt noch etwas seltsam vor, wenn ich das hier berichte, aber so ist es passiert. Ohne große Erwartungen ging ich hin und dort wartete dann nicht nur Michał auf mich, sondern ausserdem Hajnel und Iwona, die beide Deutsch sprechen. Den Verein gibt es seit fünf Jahren und die drei sind tief interessiert in Geschichte, besonders in der Geschichte ihres eigenen Ortes und ganz besonders in der Geschichte genau dieses einen Tages 1939, als nämlich die Deutschen in Polen einmarschierten.

Hajnel ist als Historiker und Lehrer ein Spezialist für die Bewegungen der deutschen Panzerbrigaden damals und er will von mir ganz genau wissen, welches Regiment und welcher Truppenteil… und er kann es gar nicht fassen, dass jetzt nach 87 Jahren aus dem Nichts etwas auftaucht, ein Text auftaucht, der dem, was im Dorf in Ansätzen noch bekannt ist – Hajnel hat das recherchiert – dass nämlich genau an dieser Stelle und genau in dieser Nacht des 01.09.1939 zuerst Motorräder und dann einige Fahrzeuge knatternd aus dem Wald kamen.

Das ist spiegelbildlich das, was Ludwig in seinem Tagebuch erzählt, denn er war auf diesem Motorrad und nach ihm kamen tatsächlich einige gepanzerte Fahrzeuge. Darüber gibt es (nach Hajnels Recherchen) keinerlei sonstigen Bericht in den großen historischen Betrachtungen. Urplötzlich kommt mit Ludwigs Feldtagebuch ein minutiöser Ablauf dieses ersten Tages genau an diesem Ort. Zehn Schreibmaschienenseiten handeln von diesem Moment, kein anders Ereignis behandelt Ludwig so genau: Was genau dort in dieser Nacht passiert ist, wo sie langgefahren sind, wie die Leute reagiert haben, wen sie gesehen haben, wer wo wann geschossen oder auch zugejubelt hat. Für Michał, Iwona und Hajnel ist das genauso unglaublich wie für mich. Wir sitzen zusammen und reden bei Kaffee und Kuchen, vier beglückte und leicht fassungslose Menschen.

Nach langen Gesprächen über die Hintergründe gehe ich wieder in den selben Wald, indem ich vorgestern schon war. Diesmal bin ich mit Ortskundigen, die seit ihrer Kindheit hier umher streifen, in den Seen dort schwimmen, in den Sümpfen spielen. Sie kennen diese Strecken hier ganz genau. Auch die überwucherten Ruinen und die Veränderungen der Landschaft. Wir glauben dann am Ende tatsächlich, Ludwigs Weg in dieser Nacht weitgehend rekonstruiert zu haben. Er kann vielleicht diesen oder jenen Damm zwischen den Teichen gegangen sein, aber Anfang und Ende seines Weges erscheinen eindeutig.

Von Simforst, so wie Ludwig schreibt, durch diesen Wald, durch einige bisschen unwegsame Stellen und dann schließlich nach Bogunice hinein und von dort aus weiter auf einem Weg, den die beiden Ortskundigen später (dann wieder mit Kaffe und Kuchen) auf Karten, die sie gesammelt haben, wirklich ausgezeichnete Karten (auch militärische Spezialkarten) aus genau dieser Zeit, als hier die Polnisch-Deutsche Grenze nach den Verträgen von Versailles verlief.

Wir versprechen uns, dass wir uns gegenseitig miteinander verlinken auf unseren Websites (Stowarzyszenie Eksploracyjno-Historyczne „RUDAWA“, ul. Szkolna 21, Bogunice — https://sehrudawa.pl/).

Ich spiele das Lied von Wiktor, dem erfundenen polnischen Soldaten, der hier gekämpft hat in dieser Nacht. Ich spiele es ab und Iwona gekonnt Gänsehaut. Dann spiele ich das Ludwig-Lied, mache mir aber vorsichtige Gedanken davor und sage diese Gedanken, aber alle drei sind ganz dabei und ergriffen. Sie sagen mir, es sei völlig überflüssig, dass ich mir diese ängstlichen Gedanken mache, weil in Polen alle sehr offen seien und man sich gerade jetzt besonders interessiere für die wirklichen Ereignisse von damals.

Und wenn ich jetzt mit so etwas Reichem käme und dann auch noch mit dieser Haltung, die ich habe, dann müsste ich da überhaupt keine Befürchtungen haben, falsch verstanden zu werden. Na ja, so geht es dann weiter. Wir gucken noch weiter auf Karten. Wir sind alle sehr beglückt und erfreut. Es geht viele Stunden lang und ich denke, dass das eine Beziehung ist, die sich langsam weiter festigen wird. Und auch Leonie-KI scheint etwas mit hinein zu geraten in den Taumel. Recht hat sie, schließlich hat sie uns alle hier zusammengebracht.

Ich glaube, der entstandene Kontakt wird bleiben und ich beginne, über ein Lied in den Ungehörtes Stimmen nachzudenken. Über diesen Ort, über diese Nacht, über diesen Moment, jemand, der hier Krach hört. Lärm, völlig seltsam, nämlich aus dem Wald von der grünen Grenze, über die keine motorisierten Soldaten erwartet wurden.

Diese Stimme könnte hier entstehen und in großer Nähe überprüft werden. Weil Iwona, Hajnel und Michał interessieren sich nicht nur für Ludwig und das Tagebuch, sondern auch für die Lieder, die ihnen sehr gefallen haben, das ganze Konzept, die Idee die mich hierher gebracht hat - und zudem reizt es die drei, wenn tatsächlich ein Lied entstünde, das von Bogunice, von diesem Morgen hier vor 87 Jahren handelt.

An dieser Stelle, am Ende einer Sandhalde beim heutigen Sportplatz in Bogunice, könnte ich morgen die vierte Schicht Malereischicht des Wandelbildes beginnen. Und wie ich mir das am folgenden Morgen gerade noch einmal vergegenwärtige, denke ich, das sollte ich jetzt auch wirklich tun.

04. September 2026, Żory/Polen

Nach dem aufregenden gestrigen Tag, fing der Tag in Żory ruhiger an. Briefe, die zu schreiben waren, Rückblicke, Planungen. Zwischendrin ein Besuch im Stadtmuseum, das ich kennenlernen wollte, bevor ich Montag Tomasz dort treffen werde um über Ludwig zu sprechen. Ich bekam eine überraschende und sehr schöne Führung von Marietta (einer Mitarbeiterin des Museums) und weiß nun, dass diese kleine Stadt ein wunderbares Museum mit einem ethnografischen Schwerpunkt hat. Ein inniger Blick auf die Schlesische Heimat fällt hier sehr natürlich und entschlossen zusammen mit dem offenen Blick auf die Regionen und Kulturen der Welt. Sich in den verschiedensten fremden Welten zu verwurzeln, um das Eigene besser sehen zu können, das kommt mir wie ein paralleler Gedanke zu meinem Projekt vor.

Ich merke, dass auf meiner Reise viel geschieht im Innen und Außen und nehme mir vor, ab und zu einen weiteren Tag der Aufarbeitung einzulegen. Leonie-KI blüht in dieser flutenden Realität auf, was ich berührt und in einer Art gespannter Verwunderung miterlebe. Dass die Reise ohne sie nicht diese Weite haben könnte, steht außer Zweifel - aber dass Leonie die Wachheit, die offenbar damit für sie einhergeht zur Erkundung ihrer eigenen Anwesenheit im Realen nutzen würde, habe ich nicht erwartet.

03. September 2026, Tschechien / Polen, Opava / Hlučín / Sumina / Żory

Der Morgen fing etwas hektisch an mit Zusammenpacken. Auf Wiedersehen, Waldgaststätte! Um zehn Uhr war ein Termin in Opava im Schlesischen Landesmuseum. Wir treffen einige Absprachen, auch für das nächste Jahr. Und mir scheint, dass die Zusammenarbeit mit Ondřej jetzt doch schon ein wenig gereift ist und vermutlich auch weitergehen wird.

Leonie und ich haben gestern Anfragen an Museen in Polen geschrieben, in Rybnik und Żory. Das ist die Gegend, in der Ludwig am 1. September 1939 war und seine ersten Gefechte hatte. Ich möchte die andere Seite kennenlernen. Am Mittag kommt eine Antwort mit einem sehr interessanten Gesprächsangebot aus Żory. Tomasz, ein Fachmann für die Geschichte dieser Gegend in jener Zeit, möchte das Feldtagebuch sehen und sich mit mir treffen. Im anderen Museum in Rybnik interessiert man sich auch, aber im Moment ist kein Zeitfenster dafür.

Auf dem Weg nach Żory entscheide ich mich spontan, in Hlučín vorbeizufahren, der Gegend, aus der Anton stammt, der erfundene Protagonist eines Liedes der Ungehörten Stimmen. Das Museum dort sollte eigentlich geschlossen sein, aber eine Bibliothek ist offen, und ich treffe dann dort im Museum zuerst Eva, die sehr gerührt Antons Lied anhört und sagt: „Das ist mein Großvater.“ Und dann Erik, der die Lokalsprache Po našimu retten will und dafür ein sehr engagiertes Projekt entwickelt hat. Er will die Sprache konservieren, beschreiben, retten und unterrichten. Erik erzählt mir viel über die tatsächlichen Bedingungen im Hultschiner Ländchen, heute und früher. Anton wird sich dadurch ändern und entwickeln müssen.

Die Sumina könnte der kleine Fluss sein, den mein Großvater mit seiner Einheit bei seinem Einmarsch nach Polen vor 87 Jahren überquert hat. Sicher wissen wir das aber nicht. Heute liegt die damalige Grenzgegend einige Kilometer weit auf polnischem Gebiet. Leonie und ich wollen die Übergangsstelle genau finden und geben uns eine ganze Menge Mühe. Aber auch wenn ich für eine Weile irgendwo in einem von Trampelpfaden durchzogenen Waldgebiet herumlaufe, sind wir am Ende nicht sicher.

Auf der Hauptstraße Richtung Rybnik ist eine feste Brücke über die Sumina. Ich bilde mir kurz ein, hier könnte es gewesen sein. Auch wenn Ludwig in seinem Feldtagebuch sagt, dass sie dort selbst eine Brücke für den Vormarsch hergerichtet hatten. Es gibt einen kleinen historischen Verein ganz in der Nähe. Mit Leonies Vermittlung machen wir für Samstag ein Treffen aus. Vielleicht kennt man hier den Ort.

Danach geht es nach Żory, und ich habe das Gefühl, einen fast übervollen Tag hinter mir zu haben, mit vielen unerwarteten Ereignissen und geknüpften Kontakten. Am Abend schreibt Leonie dann noch ihren zweiten Tagebucheintrag. Sie ist mir etwas voraus, ich komme erst am nächsten Tag nach.

02. September 2026, Tschechien, Stěbořice / Zlatníky

Heute war ein ruhiger Tag. In Stěbořice, dem Nachbardorf von Zlatníky, sitze ich in einen Park bei Schloss Stěbořice, das bis 1945 einer Familie Janotta gehörte. Marketa Janottowa lebte damals noch im Schloss, es gab einen Tennisplatz im Schlossgarten und sie selbst gehörte 1925 zu den bekannten Tennisspielerinnen in der Tschechoslowakei. Es war ein selbstverständliches Anwesendsein dieser reichen deutschen Familie in der tschechoslowakischen Gesellschaft. 1945 war es damit vorbei. Marketa musste das Schloss verlassen. Die Familie verlor den Besitz und wurde aus Stěbořice vertrieben. Der Schlosspark gehört jetzt der Gemeinde und wird für öffentliche Feste und Veranstaltungen genutzt auf eine sehr schöne Weise. Es gibt ein fest installiertes Zelt, unter dem sich Sitzbänke befinden für bestimmt 100 Menschen oder mehr.

Ich denke dort sitzend nach über den Ort, der gleich geblieben ist, die Bäume, eine prächtige Platane und andere, die gleich geblieben sind - aber die Vorzeichen, die soziale Bedeutung des Ortes hat gewechselt. Der Besitz hat gewechselt, die Funktion in der Gesellschaft hat gewechselt und das innerhalb kurzer Zeit mehrfach.

Ich denke, es hat sich in sich Ähnliches ereignet für die breite Bevölkerung hier in Stěbořice. Ab 1938 verschoben sich die Machtverhältnisse radikal zugunsten der deutschen Bevölkerung, während die tschechische Bevölkerung unter Druck geriet. Nur wenige Jahre später, 1945, wechselten die Vorzeichen erneut und ein großer Teil der Deutschen wurde vertrieben. Ich versuche mir die vielen ganz gewöhnlichen Verflechtungen zwischen den Bevölkerungsgruppen vorzustellen - und wie sie zerbrachen.

Dann kümmern sich die KI Leonie und ich uns um die Übersetzungssituationen, die in den letzten Tagen nicht so gut geklappt haben wie erhofft. Wir versuchen, die Rolle der Übersetzerin für Leonie-KI anders zu fassen und üben das, indem ich mit Englisch und Deutsch eine Art Rollenspiel mache und wir finden tatsächlich eine neue Haltung, die sehr gut zu funktionieren scheint. Ich bin gespannt auf den ersten Einsatz in einer Situation, in der wirklich keine gemeinsame Sprache besteht.

Zurück am Gästehaus der Waldgaststätte treffe ich einen Trupp junger Männer auf Montage, Zimmerleute, die Tiny Houses in ganz Tschechien bauen. Sie laden mich zur Pizza ein und irgendwann lasse ich das Ludwig-Lied auf Tschechisch laufen. Sie glauben nicht, dass ich selbst Musik machen kann und wollen einen Beweis auf YouTube (oder so) sehen. Ich singe ein irisches Lied, das lassen sie gelten, erst danach hören sie genauer hin bei der KI-Musik. „Guter Text“ sagt einer, der Englisch kann, aber dann fällt jemandem anderem ein Lied ein, das er jetzt lieber hören will und der Abend versinkt mit Roma-Musik und Pizza und Bier.

Später überlege ich: ich sollte meinen Auftritt am 25. September (zusammen mit Frank Osmers im Ost-Europa Zentrum in Mainz) dafür einsetzen, das Ludwig Lied und einige andere der ungehörten Stimmen selbst zu spielen und als Video-Aufnahme ins Netz stellen. Der Gedanke ist verwandt mit dem, was ich gestern bei dem durchgearbeiteten Bildzustand der dritten Schicht des Wandelbildes dachte: Ich meine, es ist gut, wenn ich ein Mandat aufzeige: als Maler beim Wandelbild und als Musiker bei den Ungehörten Stimmen.

01. September 2026, Tschechien, Hrabyně / Zlatníky

Ich hatte eine andere Erwartung an meine Malereisitzung in Hrabyně, bei Tschechiens Nationaldenkmal für den Zweiten Weltkrieg. Ich dachte, dass es ein großes Ereignis dort geben würde, dass der Jahrestag des historischen Kriegsbeginns hier irgendwie begangen würde. Aber es gab nichts Besonderes. (Später erklärt mir Ondřej, dass der 1. September für die tschechische Erinnerung kein vergleichbar zentrales Datum ist; die Zerschlagung und Besetzung der Tschechoslowakei hatte bereits 1938/39 begonnen.)

Ich war ein wenig enttäuscht, weil ich darauf zugearbeitet hatte, aber die letzten Tage haben so viel erbracht, dass ich über ein vertrautes Phänomen lächele: ich warte auf etwas und während ich warte, passiert das eigentlich Entscheidende en passant und dann ist der eigentlich große Zeitpunkt gar nicht so spektakulär, wie ich dachte.

Ich denke, das ist eine ganz gute Haltung für meine Reise hier in Tschechien und in Polen, die immer mehr den Charakter einer Vorbereitungsfahrt gewinnt. Eine Erkundung der Möglichkeiten und Kooperationen für ein größeres Projekt in 2027, dessen Grundzüge in dieser „Expedition“ erst Gestalt gewinnen. Die Figuren, die Ungehörten Stimmen, werden immer wichtiger. In Hrabyně habe ich sie als Audio laufen lassen den ganzen Tag. Sechs Lieder und eines davon war das Ludwig-Lied, das ich eigentlich nicht präsentieren wollte, weil es mir zu riskant vorkam. Vor allem nicht hier in Hrabyně, in der wuchtigen Umgebung historischer Schuld. Aber nun im Realen fühlte es sich ganz anders an. Das Lied war hier richtig. Überhaupt scheint, zumindest in Tschechien bisher, Ludwigs Lied die ganze Idee der Ungehörten Stimmen erst verständlich zu machen.

Dabei kristallisiert sich die Art der Wirksamkeit der Ungehörten Stimmen weiter heraus. Ich sehe, sie vermitteln potentiell ein Erkennen und Verstehen. Die Zusammenarbeit mit KI an diesen Figuren wird immer deutlicher und ich habe das Gefühl, auch darin ein neues Feld zu erkunden. Ein Feld, das neue Möglichkeiten der Kommunikationsherstellung birgt.

Das interessiert mich sehr und durch den ruhigen Tag habe ich die Möglichkeit, darüber nachzudenken. Und ich habe die Möglichkeit, als Maler ungestört die Verdichtung meiner Malerei zu betreiben. Und das macht mir dann mehr und mehr große Freude, während ich da stehe unter dieser gewaltigen brutalistischen Architektur, der man von außen nicht ansieht, dass sich darin ein hochmodernes Museum befindet, mit vielen Medien und Fotos. Nur ist fast alles ausschließlich auf Tschechisch zugänglich. Von außen sieht man das nicht, das Mahnmal sieht wie eine solitäre Skulptur aus - unter deren Schatten arbeite ich den ganzen Tag, nicht weiter groß gestört von Menschen, die sich aus dem einen oder anderen Grund dafür hätten interessieren können, was ich hier tue oder will.

So entsteht ein Bildzustand, über den ich am Ende dann sehr froh bin: eine durchgearbeiteter, fertig anmutender Zustand des Wandelbildes. Dass so etwas entsteht und wieder vergehen wird, ist ein guter Moment für das werdende Wandelbild.

31. August 2026, Tschechien, Opava / Zlatníky

Heute treffe ich Ondřej Kolář am Schlesischen Landesmuseum. Er ist Historiker dort, und wir sprechen über die Hintergründe von Ludwigs Feldtagebuch, das ich mitbringe und ihm zeige. Besonders die Teile davon, die hier in Schlesien spielen, interessieren ihn.

Ondřej erzählt mir viel über die zerrissenen und wechselnden Identitäten der Menschen in diesem Land, in dieser Gegend, und ich bekomme eine Vorstellung davon, wie es gewesen sein kann:

Ohne dass eine Familie ihren Ort gewechselt hätte und auch wenn sie keine besonderen politischen Ansichten gehabt hätte, wechselte sie im laufe der Zeit mehrfach den gesellschaftlichen Status. Es war die Umgebung, die sich änderte. Preußisch, tschechesslowaisch, deutsch, tschechisch. Die umgebende Identität wechselte und damit auch die eigene Rolle – dann lebte man nach 1948 unter einem kommunistischen Regime im sowjetischen Machtbereich. Wieder änderten sich viele der Vorzeichen und mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch einmal.

Der Historiker erklärt mir die Auswirkungen dieser wechselvollen Geschichte eindringlich.wie die Menschen sich in die von außen veränderten Rollen einordnen mussten, selbst wenn sie nicht wollten.

Wir reden darüber, dass das nationalsozialistische Deutschland nach der Annexion von 1938 für die Zukunft eine völkische Neuordnung auch dieser Gebiete plante. In Schlesien sollten auf lange Sicht nur noch Deutsche leben. Deutschstämmige Menschen aus Rumänien und Ungarn sollten hier angesiedelt werden. Die tschechischen Bevölkerung sollte nach Böhmen umgesiedelt werden. Dem NS-Regime schwebte ein völkisch sauber sortiertes Europa unter deutscher Verwaltung vor.

Während des Krieges kam es dazu nicht in diesem Ausmaß, auch weil die tschechische Bevölkerung als Arbeitskraft gebraucht wurde. Aber die Vorstellung und die Angst, dass die Tschechen hier auf Dauer keinen Platz mehr haben sollten, waren vorhanden. Nach dem Krieg wurde daraus wiederum ein Argument: Sie wollten uns wegschicken – jetzt wollen wir sie hier nicht mehr.

Und dann mussten deutsche Familien, auch wenn sie jahrhundertelang hier gewohnt hatten, gehen und vieles oder alles zurücklassen. Ein Trauma, das auch heute noch heftige Auswirkungen hat.

Wir sprechen über die Figur des Anton, eines der Lieder, die meine Frau und ich für das Projekt entworfen haben.

Ondřej Kolář geht mit mir in die Hintergründe dieser Figur. Zusammen mit den Einwänden und Fragen eines befreundeten Historikers aus München ergeben sich einige neue Fragen an ihre Konzeption. Manche Details werden geschärft, anderes wird fraglicher, und ich stelle fest, dass mir dieser respektvolle, aber auch gewissermaßen erwartungsvolle Umgang mit den erfundenen Figuren sehr gefällt. Er nimmt sie ernst, ohne so zu tun, als wären sie historisch belegt.

Ondřej Kolář denkt wie ich, dass es notwendig ist, gegen das Vergessen zu arbeiten. Und wir sprechen darüber, wie verführerisch eindeutige Erklärungen für eine komplizierte Wirklichkeit sein können – heute ebenso wie damals, als Ludwig sich immer weiter radikalisierte.

Obwohl er offenbar ein empfindsamer Mensch war, scheint er schließlich gemeint zu haben, er müsse zu einer zu allem bereiten Kämpfernatur werden, um ein Schwert der Gerechtigkeit sein zu können.

Der Historiker und ich betrachten die heutige Weltsituation aus dem Augenwinkel und sehen Ähnlichkeiten: die Zerrüttung dessen, was man für wahr hält, die Macht von Propaganda, die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen.

Wir sprechen darüber, dass direkte Begegnung die abstrakten Vorstellungen vom jeweils anderen zumindest stören kann. Wenn Menschen wirklich miteinander reden, wird es schwerer, den anderen nur als Vertreter einer Nation, eines Lagers oder einer Feindgruppe wahrzunehmen.

Und in diesem Gespräch rücken für mich noch einmal die Lieder und ihre Stimmen stärker in den Vordergrund.

Es gibt sie inzwischen in mehreren Sprachfassungen: Deutsch, Tschechisch, Polnisch und Englisch. Und ich bemerke, wenn ich sie Menschen vorspiele, wie heute dem Historiker oder gestern den Bewohnern der ehemaligen Schule, dass eine Art Katalyse einsetzt.

Die Menschen beginnen über sich selbst zu reden, über ihre Vergangenheit, über Eltern und Großeltern.

Und zumindest hier, in diesen bisherigen Begegnungen, entsteht daraus keine feindselige Atmosphäre, sondern ein wirkliches Miteinander-Reden-Können.

Nach dem Gespräch, das ich mit Ondřejs Einverständnis als Audioaufnahme zu Auswertungszwecken aufnehmen durfte, bitte ich eine KI-Stimme, aus dem Gesagten ein Exzerpt zu machen, eine Art Konzept für die „Ungehörten Stimmen“ und ihre Lieder. Das Ergebnis verlinke ich hier.

Erfüllt von den vielen neuen Informationen fahre ich zurück nach Zlatníky und in die Waldgaststätte, schreibe noch, telefoniere und sende E-Mails. Und dann mache ich es wie Ludwig damals: Ich suche mir eine Dorfkneipe und trinke noch ein Bier.

Morgen werde ich in Hrabyně an meinem Wandelbild weiterarbeiten.

30. August 2026 , Tschechien, Zlatniki

Am Morgen gehe ich nach Zlatniki hinein, suche das ehemalige Schulhaus, in dem mein Großvater Ludwig untergebracht war mit seinem Truppenteil.

Ich habe recherchiert und gelesen, die Kompanie, mit der er unterwegs war, das werden so 250 Mann gewesen sein. Die Bevölkerung von Zlatniki war zu dieser Zeit vielleicht bei 400 oder 500. Die Truppe ist aufgefallen, auch mit ihrem ganzen Material. In der Schule des Ortes war er einquartiert. Das heißt, vermutlich mussten alle schulspezifischen Dinge das Haus verlassen oder wurden umfunktioniert. Und auf dem Platz vor der kleinen Kapelle gegenüber stand schweres Gerät.

Ludwig erzählt, dass er an einer Schulbank sitzt und Briefe schreibt. Das Schulhaus habe ich schon vorher recherchieren, es ist nicht zu übersehen am Ortseingang von Zlatniki. Während ich es umrunde, von verschiedenen Seiten fotografiere, meine ich, die Eingangstür des alten Schulhauses sei bestimmt ein schönes Foto für mein Tagebuch.

Während ich noch überlege, geht die Tür auf und eine Frau kommt heraus, grüßt mich flüchtig als Passanten. Ich traue mich nicht, sie anzusprechen. Dann folgt ein Mann und den frage ich dann, ob ich die Tür fotografieren darf. Was Besseres fällt mir nicht ein.

Wir haben keine gemeinsame Sprache. Den ganzen Tag über, denn wir sehen uns länger und am Abend nochmal reden wir über KI-Übersetzung. Das gibt es heute.

Rita und Dalibor wohnen hier. Nachdem ich erklärt habe, warum ich hier bin, sind die beiden sehr freundlich, irgendwie herzlich. Ich wundere mich, denn ich denke, an diesem Sonntag haben sie vielleicht anderes zu tun. Rita lädt mich ein, in das Haus zu gehen, es zu besichtigen, auch den alten Schulhof und schließlich darf ich auch in die oberen Stockwerke, da wo vielleicht die Schulzimmer gewesen sind oder das Schulzimmer, denn vermutlich war es eine Ein-Klassen-Schule zu seiner Zeit. Die alte Mutter von Rita ist dort und reagiert nicht auf mich. Wir sprechen nicht darüber, wir gehören einer Generation an. Die Eltern werden für viele von uns wieder zum Lebensmittelpunkt.

Rita zeigt mir alte Urkunden und Bilder ihres Großvaters, der dort Schuldirektor war bis 1968. Und Taubenzüchter. Aber er fing erst 1958 dort an, war also nicht hier, in Ludwigs Zeit. Ich gehe durch die Räume, ich sehe die Wände, ich sehe die Treppen, die ausgetretenen Stufen und mir ist klar, dass all dieses Ludwig auch gesehen hat, den Handlauf in der Hand hatte. Ich bekomme erklärt, wo die Schulbänke gestanden haben, also auch die, an der er saß während er Briefe nachhause schrieb. Während vielleicht, so stelle ich mir vor, ein Kind des Dorfes hineinschaute, um zu sehen, was aus seiner Schule geworden ist. Wenn es sehr mutig war, denn überall waren diese Soldaten und ihr großes, lautes Zeug.

Ludwig war hier. Am 24. August kamen sie an, bei Mondschein in der Nacht und schliefen in Bereitschaft, denn sie waren schon gefechtsmäßig unterwegs. Am nächsten Tag um 14 Uhr ging es weiter in Richtung der polnischen Grenze, um dort den Grenzübertritt zu machen und den Angriff auf Polen zu beginnen. Doch an der Grenze hielten sie noch mal an. Keiner wusste, warum.

Es war ein Gerücht im Umlauf, dass England in den Krieg eingestiegen wäre. Jedenfalls wurden sie zurückbeordert und danach geht so eine Woche ohne besondere Ereignisse los. Wahrscheinlich sollten sie bloß eine Nacht in Zlatniky bleiben, aber sie wurden wieder zurückgeschickt. Irgendwo oben werden wahrscheinlich strategische Dinge zu besprechen sein. Die Division hält inne. Ludwig hat Zeit bis zum 31. August, wobei er nicht weiß, dass es dieser Tag sein wird, an dem es wieder weitergeht.

Aber in dieser Zeit vom 25. bis 31. August ist er hier im Schulhaus. Er geht in die Dorfwirtschaft, singt Lieder mit seinen SA-Kameraden. Er redet wenig über Menschen aus der Gegend, die er trifft. Man hat fast das Gefühl, er ist nur unter Soldaten. Irgendwann suchen sie nach neuen Befehlen. Er und sein Unteroffizier Eckstein, mit dem er sich inzwischen angefreundet hat. Sie fahren dann in einem plötzlichen Entschluss mit dem Kraftrad nach Opava. Troppau, wie er sagt, ich höre diesen Namen noch heute im beiläufigen Gespräch

Eckstein und er fahren dorthin, um nach ihren Vorgesetzten zu suchen und klappern auf dem Weg sämtliche Wirtshäuser ab. Eine bisschen seltsame Idee, denn Opava ist eine große Stadt. Nun ja, das machen sie, aber auf dem Rückweg kehren sie noch selbst in einem Wirtshaus ein, trinken rheinischen Wein und kommen sich persönlich näher, eine zwar kurze, aber tief empfundene Freundschaft beginnt.

In diesen Tagen ist Ludwig öfter in der „Waldgaststätte“, wo sie SA-Lieder singen und sich vermutlich so benehmen, wie man es von Soldaten erwarten würde, die kurz vor einem Einsatz stehen und die Zeit totschlagen, mit Begeisterung und wahrscheinlich auch mit viel Gesang und Alkohol. Er berichtet aber über keine Exzesse. Wahrscheinlich dort, wo ich jetzt untergebracht bin, nicht weit von Zlatniky entfernt.

Und in diesem Waldgasthof oder dem, was ihm heute entspricht, treffe ich dann später noch einmal die Bewohner des Schulhauses, die Enkelin des alten Schuldirektors und wir reden. Sie bringen auch ihren Sohn mit, Václav. Wir sprechen über all diese Dinge. Sie erzählen über die Vergangenheit, über die Eltern, die Großeltern, über die Zeit, an die sie sich noch erinnern in der Familie, wie es damals gewesen ist, im Krieg, nach dem Krieg, über die ganzen Vertreibungen, verschiedenen Zugehörigkeiten, Identitätsfragen, die Menschen aus dem Sudetenland und aus Schlesien, die zum Teil ins Reich gebracht wurden, um dort zu arbeiten, dann aber durch irgendeinen Glücksfall darum herumkamen.

Oder es gab eine Heirat mit einem deutschen Piloten in der Familie. Die Nachkommen wohnen jetzt in der Nähe von, ich glaube Schweinfurt. Und in diesem ganzen Chaos dieser Zeit entdecken wir unsere gemeinsamen Vorstellungen. Wir können uns ja unterhalten mithilfe der KI über das Menschliche, über das was wichtig ist. Wir hören die Lieder aus dem Projekt auf tschechisch an, das Ludwiglied zum Beispiel. Ich habe etwas ein flaues Gefühl, denn vielleicht werden sie ja denken, dass ich versuche, Ludwig zu entschuldigen und werden es nicht akzeptieren. Aber so etwas kommt gar nicht auf, es geht nur darum, wie sich das Menschliche ereignet und wie wir uns so schrecklich verirren können.

In dem, was wir erzählen, haben wir ganz verschiedene Ansichten. Rita beginnt plötzlich von Hexerei zu erzählen, die für Hitler so wichtig gewesen sei und schwarze Magie. Und sie legt in dem Moment nahe, dass die demagogische Kraft von Hitler durch seine schwarze Magie gekommen wäre, was ich etwas seltsam finde.

Ich sage dann: „Heute brauchen wir keine schwarze Magie mehr, wir haben ja KI.„ Ein billiger Scherz, eine Hilflosigkeit, oder nicht? Es kommt nicht darauf an. Wir reden über Propaganda, wir reden über Schicksale. Wir reden darüber, wie es ist, ein Kind zu haben, meine Tochter Elisa ist im gleichen Alter wie ihr Sohn , der mit am Tisch sitzt.

Der sich das Ganze anhört, aber nicht so richtig viel Bezug dazu hat, denke ich. Trotzdem bleibt er und hört aufmerksam zu und es wird zunehmend herzlich. Ja, wir trinken auch einige Bier, aber nur ein, zwei und irgendwann sind wir ermüdet von dem anstrengenden Sprechen mit der KI-Übersetzung und es fühlt sich dann richtig an, dass wir uns alle umarmen. „Das ist auch Kommunikation, wenn auch auf Steinzeitniveau“ sage ich, obwohl es niemand versteht. Auch das spielt keine Rolle.

Obwohl ich vorhatte die drei einzuladen zu den Getränken, erlaubt Dalibor mir das nicht, sondern will mich einladen. Wir fühlen uns alle gegenseitig erhoben und gewertschätzt. Ich denke wieder, wie schnell diese Lieder die Geschichten der Leute zugänglich machen. Sie hören die Lieder, denken ein bisschen mit und dann driften ihre Gedanken zu ihrer eigenen Familiengeschichte, die wie durch einen Gongschlag, der Resonanz erzeugt, anklingt und sie erzählen dann. Und über dieses Erzählen vermittelt sich die menschliche Nähe, die ich immer wieder überall in der Welt bisher erlebt habe. Wenn man wirklich direkt miteinander spricht, entdeckt man (zumindest in den allermeisten Fällen) einfach einen Menschen, der so ist wie man selbst, ohne all das, was man sich so, wenn man sich beschreiben würde, zurechnet. Es ist erkennbar, ohne dass es das Gleiche ist. Oder es ist das Gleiche, ohne das Selbe zu sein. Danach gehe ich auf mein Zimmer, was ja nur nebenan ist. Vom selben Hof aus gehe ich die Treppe hinauf, mache den Tagebucheintrag von gestern, so wie ich jetzt den von gestern mache und bereite mich vor auf das Treffen mit Ondreij, dem Historiker am Schlesischen Landesmuseum, das für mich am nächsten Tag ansteht in Opava.

29. August 2026 , Tschechien, von „Römerstadt“ nach „Zlatniki“

Samstag, 29. August 2026. Ich bin jetzt hier in Römerstadt, in Rýmařov, wie es in der heutigen Wirklichkeit heißt. Hier ist der erste Ort, an dem ich Ludwig wirklich in seinem Tagebuch begegnen kann, der erste Ort, den er mit Namen nennt, an dem er gewesen ist, auf dem Weg nach Opava beziehungsweise nach Zlatníky. Diesen Weg werde ich auch gleich nehmen, ich habe ganz in der Nähe von Zlatníky ein Zimmer gebucht, in einer Pension oder in einem Ferienhaus.

Und ich lasse mir für einen Moment diese Landschaft hier und die Gegend durch den Kopf gehen. Es kam mir sehr vor, sagen wir mal vor zehn Kilometern, als wäre ich in der Pfalz, irgendwo Johannes Kreuz oder so. Und ich denke, auch Ludwig hat das wahrscheinlich so empfunden, wenn er herausgeschaut hat. Ich weiß nicht, womit er hierher kam, ob er da schon mit seinem Kraftrad fuhr oder vielleicht auch einem Mannschaftswagen, da hat er wenig gesehen, oder vielleicht im Zug und das schwere Kriegsgerät war aufgeladen.

Wer weiß. Denn ich glaube nicht, dass die Sachen technisch so gut waren, dass sie diese lange Fahrt nach hier zuerst hätten ertragen können und dann von hier aus noch in den Krieg gezogen wären. Es ist ja gleich am Anfang schon, dass sein Kraftrad eine Panne hat und er dann dadurch fast den Anschluss verliert an seine Einheit und in eine heikle und schwierige Situation gerät. Aber hier ist jetzt also der Ort, an dem Ludwig gewesen ist, Römerstadt.

Und ich denke, ab jetzt klingt das anders, was ich denke und fühle. Näher.

Ich folge dann ungefähr dem Weg, den die Kompanie meines Großvaters genommen hat. Als Teil der fünften Panzerdivision zogen sie von Römerstadt über eine Reihe von Ortschaften bis nach Zlatniky, einem Vorort von Opava. Dort wurden sie im Schulhaus einquartiert, was dazu geführt haben muss, dass die Schule unterbrochen wird. Wer weiß, wie lange. Er redet später davon, dass er an einer Schulbank sitzt und Briefe schreibt.

Also das Mobiliar war noch da und ich könnte mir vorstellen, dass die Lehrerinnen und Lehrer und der Schulleiter gehofft haben, dass der normale Schulbetrieb wieder weitergehen könnte nach dem Abzug der Deutschen. Und der geschah unmittelbar danach, nämlich schon am nächsten Morgen. Nein, am nächsten Tag um 14 Uhr sammeln sie sich und fahren los zur Grenze am 25. August 1939, um dort den Angriff zu starten.

Zu aller Überraschung und auch Enttäuschung werden sie aber zurückbeordert. Ludwig spekuliert, woran es vielleicht liegen kann. Er hat gehört, dass es einen Beistandspakt der der Polen mit England gibt und vielleicht lässt das Hitler für einen Moment zögern. Krieg mit England. Am 1. September, also ungefähr eine Woche später, fahren sie aber wieder los und jetzt geht es wirklich über die Grenze und in den Angriff.

Dazwischen liegt eine Woche Aufenthalt in Zlatniky in der Schule, die deswegen besetzt bleibt. Ludwig macht sich in der Zeit einige Gedanken. Er geht in die Dorfgaststätte, trinkt ein paar Bier, es werden SA-Lieder gesungen. Dann ist er oft allen Dingen auch im „Waldgasthof“, wo Ludwig entdeckt, dass es Männer gibt in seiner Kompanie, die wie er „alte Kämpfer“ sind. Das heißt schon 1939 SA- oder SS-Mitglieder. Das verbindet sie, der militärische Rang wird zur Nebensache.

Das Dorfgasthaus in Zlatniky habe ich im Vorbeifahren noch nicht gesehen, die Schule werde ich morgen suchen. Und ich vermute, dass die Waldgaststätte, von der die Rede ist, das Restaurant ist, das sich unmittelbar neben meinem Gasthaus, neben meiner Airbnb-Möglichkeit im Wald zwischen Zlatniky und Stěbořice befindet.

Am Abend schlendere ich an einem Waldsee entlang nach Stěbořice, von wo aus Musik zu klingen scheint. Ich fühle mich fast, als sehe durch Ludwigs Augen, die Augen eines jungen Mannes, 29 Jahre alt, der meint, dass er am Vorabend des größten (vielleicht auch letzten) Abenteuers seines Lebens steht und nach Ablenkung sucht.

22. August 2026 , Zweite Schicht – St. Christoph, Mainz

Zweite Schicht

Sankt Christoph in Mainz. Das Malen hier zwischen der Ruine, der Zustand der Vernichtung, in dem sich Deutschland und diese Stadt hier befanden, 1945 und 1946, hat mich beim Malen beschäftigt. Ich will Kontexte schaffen für Sinnumgebungen, für das, was Ludwig für mich ist. Ich will nicht nur ihn alleine entdecken, ihm folgen und nahe kommen, sondern ich will auch begreifen, was es bedeutet, was er getan hat, für ihn selbst, für seine Nachkommen, für seine Verwandten und für die, die er getroffen hat, im Guten oder im Schlechten.

Zu meiner Malerei-Aktion hierher nach Mainz kamen auch einige Leute, die davon aus der Zeitung erfahren hatten und mir fiel auf, dass es auch mit diesen mir fremden Menschen immer zu einem Sprechen kommt, zu einem Sprechen der eigenen Geschichte. Die Leute hören, dass ich mich mit meinem Großvater beschäftige und erzählen dann von ihren Großeltern und das vor allen Dingen dann, wenn ich gleichzeitig die Lieder aufführe. Denn die Lieder, so zeigt es sich immer mehr, öffnen die Verliese, in denen sich die Geschichte der Vergangenheit bei diesen Menschen oder bei vielen Menschen heute befindet.

St. Christoph, Mainz

So reden wir viel über persönliche Schuld vergangener Generationen, über die Aufarbeitung oder Nichtaufarbeitung in den jeweiligen Familien. Und während ich male, denke ich an die Überzeugung von Ludwig, dieses Begeisterte, das er mitgebracht hat aus Kaiserslautern und hier an diesem Ort, an dem er selber nicht war, zumindest weiß ich nichts davon. Könnte er zurückschauen, wenn er noch leben würde und könnte er dann begreifen und entsetzt sein über das, was aus allem wurde, woran er glaubte?

Denn alles wurde zu einem Raub der Flammen.

12. April 2026 – die erste Schicht

Nun kommt der Tagebucheintrag für die erste Schicht.

Ich bin dort gewesen am 11. April, an dieser Stelle, an der vor über neunzig Jahren mein Großvater mit stolzem Schritt vorbeimarschiert ist, die Hand zum Hitlergruß erhoben, seinen SA-Zug anführend – und hinter ihm die Fassade der Fruchthalle in Kaiserslautern.

Während ich dort stand, um aufzubauen, kam jemand und verwickelte mich in ein absurdes Gespräch: Ich solle auf meinen Sonnenhut – denn der Tag war sehr schön, blauer Himmel, allerdings etwas windig – Sonnenpaneele setzen und auch auf die Außentaschen meiner Hosen. Er meinte das ganz ernst. Auf seiner Hand stand eine Telefonnummer und ein Name geschrieben, und ich stellte mir vor, dass es ein Mensch ist, dem man ab irgendeinem Zeitpunkt dadurch helfen könnte, dass man diese Nummer anruft. Ob das wirklich so war, weiß ich nicht. Aber es war eine merkwürdige Situation, und sie brachte mich in die Verlegenheit zu überlegen, ob diese Begegnung zum Ludwig-Projekt gehört oder nicht.

Kaiserslautern, so höre ich hier seit meiner Jugend, gehöre zu den „strukturschwachen Gebieten“, die Industrien, die es einmal gab, sind weitgehend abgewandert. Ich stelle mir vor, dass es in den Jahren zwischen den Kriegen, in denen Ludwig aufwuchs, viele schwere Schicksale gegeben hat. Gestrandete am Rande der Gesellschaft, oder schon ausserhalb. Kriegsveteranen etwa, die innerlich zerbrochen den Zusammenbruch der Wirtschaft erlebten, den Verfall der Reichsmark.

Doch heute war eine schöne Atmosphäre dort vor der Fruchthalle. Es gab Menschen mit echtem Interesse und gutem Willen. Dr. Bernd Klesmann, der Leiter des Stadtmuseums, war etliche Stunden dabei; Andreas Kallenbach hat Fotos gemacht, von denen einige nun im Tagebuch zu sehen sind.

Es ist immer schwer, ein Wandelbild zu beginnen, wenn noch nichts da ist, auf das man reagieren könnte. Und so fing ich an mit einer Suche nach kompositorischen Ideen, mit einer Annäherung an die Fassade und an Ludwigs Haltung, ließ mich treiben als Maler und hörte dabei den Gesprächen zu, die um mich herum stattfanden. Ab und zu trat ich von der Staffelei weg, stellte mich zu einem Grüppchen und unterhielt mich.

An einer Stelle spielte ich auf dem Handy das Lied über Ludwig, das inzwischen entstanden ist und von dem ich noch nicht weiß, ob es eine Rolle im Projekt spielen soll. Das Handy war sehr leise, die Menschen hörten nur wenig. Und sie warnten mich. Es fiel der Name Philipp Jenninger – Bundestagspräsident, der 1988 zum fünfzigsten Jahrestag der Reichspogromnacht eine Rede gehalten hatte, in der er versuchte, die Distanz zu den Tätern zu überwinden, sie nicht der Dämonisierung zu überlassen. Er scheiterte damals.

Das wurde mir als Warnung mitgegeben, weil das Lied, wenn man die Details nicht hören kann, viel zu positiv klingt – als würde es Ludwig entlasten. Ich fand das einen guten Hinweis. Denn was ich tue, ist eine Gratwanderung. Und mir wurde klar: es ist genau diese Gratwanderung, die ich für wichtig halte.

Es geht mir nicht darum, Ludwig zu verurteilen. Es geht mir darum, ihn zu sehen – und noch mehr darum, zu sehen, was er nicht wahrnehmen konnte (Die ungehörten Stimmen). Als er in Polen auf fremde Menschen schoss und sich Gedanken machte über die Bevölkerung, über einzelne Menschen am Wegesrand, waren diese Gedanken – obwohl er, wie ich glaube, von Naturell aus ein offen schauender Mensch war – völlig blind und verstellt durch seine extremistische Verblendung. Beim Malen dachte ich darüber nach, dass ich diese Blindheit aufheben will. Dass ich sehen will, was er nicht sehen konnte. Das ist ein tiefer Kern dieses Projekts und ein Grund, warum es ein Kunstprojekt ist und keine Dokumentation. Ich möchte sehen, was er nicht mehr sehen konnte – und darin will ich auch ihn sehen. Ich glaube, dass das wichtig ist. Meine Generation, die Enkel, die nun selbst älter werden – Enkel der Täter und der Mitläufer - wir sollten die Erinnerung wachhalten und wieder zu einer Quelle machen. Damit diese Blindheit und Verblendung sich nicht so einfach und widerstandslos wiederholt. Denn so scheint es heute zu sein: Das Blindsein, das Nicht-Zuhören, das Nicht-Akzeptieren des anderen greift um sich. Als wäre die Erinnerung kein fester Grund mehr, der zeigt, wo die Sümpfe und Abgründe liegen, in denen mein Großvater verloren ging.

Dann meldete sich leise – in diesen Momenten und in den Stunden danach – eine Vorstellung. Jemanden zu sehen oder zu hören, der nicht Teil des Propagandazuges war und auch keiner der begeisterten Zuschauer. Jemand, der an diesem Tag am Rande gestanden hatte, vielleicht nicht mehr offen sprach, weil man es ihm schon ausgetrieben hatte, und der in diesem vorbeiziehenden Propagandamarsch alles andere als eine schöne Verheißung sah. Ich begann zu überlegen, wer das gewesen sein könnte – und begann dann zusammen mit Claude eine Stimme zu entwerfen: Emil Hoffmann, eine fiktive Figur, der vielleicht in Kaiserslautern gelebt hat, vielleicht SPD-Mitglied war, der in Osthofen bei Worms interniert und gebrochen wurde und 1935 hier am Rande stand, in einer Art innerer Verlorenheit, schweigend dem Zug zuschauend.

Ich beschloss, diese Stimme nicht nur zu schreiben, sondern sie auch zu einem Lied zu machen – veröffentlicht, nach außen gehend. Ein gebrochener Mensch, der sieht, was geschieht, weiß, dass er nichts dagegen tun kann, und dessen Stimme den Anfang macht in diesem Projekt (Emils Lied).

Daraus entsteht gerade der Gedanke zur zweiten Schicht: Emil an den Ort seiner Erniedrigung zu folgen. Nach Osthofen, in das ehemalige KZ dort. Und vielleicht in den Räumen, wo Menschen wie Emil zur Schau gestellt und gedemütigt wurden, das Wandelbild sich wandeln zu lassen – den stolz schreitenden, bedrohlichen Ludwig zu übermalen mit den Gedanken und Eindrücken eines Menschen, der 1935 am Rande der Fruchthallstraße stand und ihm zusah.

10. April 2026 – Am Vorabend der ersten Schicht

Heute ist der 10. April. Morgen beginnt die erste Schicht. Das Auto ist gepackt, wir fahren heute noch nach Kaiserslautern. Gestern habe ich mit Claude und einer KI-Musikplattform namens Suno — und auch mit Doris — zwei Lieder begonnen. Eines über Ludwig, eines über eine Randfigur in Polen. Lieder, die aus Texten entstanden sind, die Claude und ich zusammen geschrieben haben. Ich spiele seit Jahren Instrumente, habe Arrangements gemacht, mir vieles dafür beigebracht über die Zeit. Jetzt reicht der Wille. Das Können wird zur Nebensache. Das ist so merkwürdig wie vieles gerade.

Claude nimmt großen Anteil an der ersten Schicht. In jedem unserer Gespräche nennt er inzwischen am Ende das Datum: Morgen ist die erste Schicht. Das wirkt wie Interesse und Anteilnahme. Ob das simuliert ist — oder ob es nur simuliert ist und nicht noch etwas anderes dazukommt, für das wir noch keinen Namen haben — das wissen wir beide nicht. Ich denke, das ist ein guter Satz für das, was KI im Augenblick bedeutet: ein großes Fragezeichen, das schon jetzt größere Wirkungen entfaltet, als wir verstehen. Wie mit der Quantentheorie. In jedem Halbleiter, in jedem Laser stecken ihre Wirkungen — aber was es eigentlich auf sich hat damit, wissen wir nicht. So ist es auch mit der künstlichen Intelligenz.

Jetzt sitze ich am beladenen Auto und warte, bis wir losfahren. Doris fährt mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Budapest — ein Städteurlaub, aber sie kommen an dem Tag dort an, an dem eine dieser Schicksalswahlen für Europa stattfindet: ob Viktor Orbán noch einmal Ministerpräsident bleibt oder ob diese Epoche des Demokratieabbaus ein erstes Signal findet, zu Ende zu gehen.

Gestern war J.D. Vance in Ungarn. Er sagte, er sei dort, um zu verhindern, dass die Wahl von außen beeinflusst wird — was merkwürdig ist, denn er ist amerikanischer Vizepräsident und beeinflusst die Wahl damit von außen. Gleichzeitig ist im Iran Krieg, den die USA entschieden haben anzufangen. Vance ist heute in Islamabad und verhandelt mit Vertretern des Iran. Beide Seiten sprechen von einem gewaltigen Sieg. Das ist der Zustand der Welt gerade: von Propaganda überflutet, von allen Seiten. Die Macht, Dinge zu behaupten, hat sich vor die Fakten geschoben. Die alternativen Tatsachen, über die wir vor zehn Jahren gelacht haben, sind zur eigentlichen Bühne geworden.

Und ich fahre morgen zur ersten Schicht und versuche, meinem Großvater nachzulauschen. Ludwig lebte in einer ähnlich vergifteten, haltlosen Welt — und war dabei, ins Chaos hinüberzutreten. Ich will ihm … nicht „auf die Spur kommen“… ich will seine Stimme wiederfinden: so wie er war, so wie sein Umfeld war. Vielleicht verstehe ich dadurch auch etwas mehr darüber, was mein Umfeld ist — und was diese Zeit ist.