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Ludwig - Überfall und Überzeugung

Ein Kunst- und Erinnerungsprojekt von Stefan Budian

„Was ich mit meinem Projekt will, kann ich als Künstler nicht einfach in ein Konzept schreiben oder eindeutig formulieren. Ich kann mich dem nur annähern. Ich bin kein Ethnograf. Worum es mir geht, hat mehr mit Europa zu tun – mit der zunehmenden Gegnerschaft unterschiedlicher Arten, die Welt zu verstehen und sich in ihr zu verorten. Ich spüre, dass diese Gegnerschaft in Europa wieder stärker wird. Wozu sie schon einmal geführt hat, führt mir das Feldtagebuch meines Großvaters schmerzhaft und familiär nahe vor Augen. Ich wünschte, Ludwig hätte damals die Pluralität und die Würde der unterschiedlichen Perspektiven wahrnehmen können, die ihm begegneten und für die er blind blieb. Ich finde, wir sollten sie heute wahrnehmen. Ich wünsche mir ein starkes Europa. Aber ich wünsche es mir als einen Organismus, der nicht aus einem einheitlichen Bündel von Perspektiven besteht, sondern lebendig ist und voller vielleicht bisweilen widersprüchlicher Sichtweisen und persönlicher Identifikationen. Ich möchte glauben, dass gerade darin auf Dauer eine große und lebendige Kraft liegen kann. Ich glaube, ich möchte mit meinem Projekt dazu beitragen, dass wir uns in Europa gegenseitig anschauen können. Anschauen, verstehen und respektieren.“
Rybnik, Polen, am 5. September 2026

Der Ausgangspunkt

Im Sommer 2024 gab mir meine Mutter das Feldtagebuch meines Großvaters, Ludwig Breining (1911-1940). Er war Lehrer in Kaiserslautern, SA-Sturmführer, und als Wehrmachtssoldat am Überfall auf Polen beteiligt. Dort schrieb er das Tagebuch, detailliert, persönlich, verstörend nah. In meiner Familie wurde es über Jahrzehnte nicht angeschaut, meine Mutter hat es nie gelesen.

Die Frage

Mir geht es in dem Projekt darum zu verstehen, wie ein Mensch, der nach dem Klang seiner Worte idealistisch und empathisch erscheint, zu dem Täter werden konnte, der er in Polen war. Das hat auch eine gesellschaftliche Dimension: Wir müssen erkennen, unter welchen Voraussetzungen ein einzelner Mensch zum Täter werden kann. Die Vorstellung, es seien einfach böse Menschen gewesen, schützt nicht vor Wiederholung. Wer sich zum Beispiel gegen Propaganda immunisieren will, muss begreifen, wie sie wirkt. Deshalb der Doppeltitel: Überfall und Überzeugung. Beide Seiten müssen betrachtet werden.

Das Wandelbild

Meine künstlerische Methode zeigt sich bei den Mal-Aktionen im öffentlichen Raum, bei denen ich ein Ölbild immer wieder übermale und fotografisch dokumentiere; daraus entsteht ein Film, der die einzelnen Malschichten bewahrt und den Malprozess nachvollziehbar macht. Die erste öffentliche Mal-Aktion fand im April 2026 in Kaiserslautern statt, an dem Platz, an dem mein Großvater 1935 in einem SA-Propagandazug marschierte; Deutschlandfunk Kultur hat darüber berichtet: (Zum Deutschlandfunk Interview)

Die Ungehörten Stimmen

Im Feldtagebuch werden Menschen am Rande des Geschehens erwähnt, denen Ludwig keine weitere Aufmerksamkeit schenkte und die in den meisten Fällen Opfer der Invasion waren. In Liedern gebe ich ihnen eine Stimme, als notwendiger Kontext und Gegenklang zum Feldtagebuch. Es sind erfundene, aber sorgfältig recherchierte Figuren, eine Art Zusammenschau oder „Konzentrat“ aus vielen Einzelschicksalen, die durch die Musik auch emotional erlebbar werden. Dabei arbeite ich mit Künstlicher Intelligenz.
Zwei Lieder sind bisher veröffentlicht: über Emil, ein Gewerkschafter, der im KZ Osthofen in Haft war, und über Schmuel, ein galizischer Jude, der mit der Entscheidung ringt, mit seiner Familie ins Exil zu gehen oder zu bleiben.

Emils Lied
Schmuels Lied

Das parallele Reisetagebuch

87 Jahre nach dem Überfall fahre ich die Route des Feldtagebuchs nach: malend, schreibend, fragend. An verschiedenen Orten fertige ich bei öffentlichen Mal-Aktionen weitere Übermalungen an; meine Eindrücke und Gedanken halte ich in einem eigenen parallelen Tagebuch fest, als eine Antwort zum Feldtagebuch in derselben Form. Ludwig schrieb, ohne zu wissen, was aus den Geschehnissen, an denen er teilnahm, wurde. Ich schreibe mit historischem Abstand an denselben Orten und weiß es.

Ludwigs Weg beim Überfall 1939: https://stefanbudian.de/ludwig/ludwig_route

Ausblick

Am Ende wird es ein vielfach übermaltes Ölbild, einen Malereifilm, einen Liederzyklus der „ungehörten Stimmen“ und mein eigenes Reisetagebuch geben. All dies soll in geeigneter Weise veröffentlicht werden, z.B. in Ausstellungen, bei Veranstaltungen, als Buch bzw. E-Book (evtl. mit Auszügen aus dem Feldtagebuch).
Das Feldtagebuch selbst soll einem Archiv übergeben und einer wissenschaftlichen Bearbeitung zugänglich gemacht werden.

Dank

Das Projekt wäre ohne die Unterstützung der Heinz-Walter-Menke-Stiftung nicht realisierbar. Ihre Förderung schafft die Grundlage für eine kulturelle Arbeit, die über das individuelle Erleben hinaus einen gesellschaftlichen Beitrag zur Erinnerungskultur im deutsch-polnischen Raum leistet – offen, differenziert und reflektierend.

Weiterhin wird das Projekt gefördert durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, der mit seinem Programm „Auf geht's!“ neue deutsch-tschechische Partnerschaften auf den Weg bringt – erste Begegnungen und die Vorbereitung gemeinsamer Projekte über die Grenze hinweg.
zur Website des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds

Ein besonderer Dank geht an meine Frau Doris Budian, die großen Anteil an diesem Projekt nimmt. So groß, dass sie von einer ermöglichenden Kraft immer mehr zur Mitgestalterin geworden ist.