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ludwig:stimmen:betende_frau

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Die betende Frau – erfundene Figur

eine mögliche Biografie

Wir kennen ihren Namen nicht. Vielleicht hieß sie Maria. Vielleicht Zofia oder Agnieszka. Ludwig Breining hat ihn nicht aufgeschrieben. Von ihrem Leben ist in seinem Feldtagebuch nichts überliefert – außer einigen Minuten am Abend des 8. September 1939. Sie könnte aus dem Dorf oder aus einem der umliegenden Orte gekommen sein. Vielleicht war sie dreißig Jahre alt, vielleicht fünfzig. Vielleicht hatte sie Kinder. Vielleicht wartete irgendwo jemand auf sie. Vielleicht war ihr Haus beschädigt worden, vielleicht stand es noch. Wir wissen es nicht. Was wir wissen, beginnt erst inmitten des Krieges.

Am 8. September hatten deutsche und polnische Soldaten schwer um die Dörfer Kasany und „Neue Kolonie“ gekämpft. Häuser und Höfe waren beschädigt, Menschen getötet und verwundet worden. Ludwig lag mit seinem Gewehr in Stellung. Sein Unteroffizier und Freund Eckstein war schwer getroffen worden und lag hinter ihm im Sterben.

In der Dämmerung sah Ludwig eine Frau die Straße entlangkommen. Er misstraute ihr. Nach den Kämpfen dieses Tages hielt er selbst eine einzelne Frau für eine mögliche Gefahr. Er rief ihr zu, stehenzubleiben. Als sie weiterging, rief er ein zweites Mal: „Halt, oder ich schieße!“

Die Frau ging weiter. Wir wissen nicht, ob sie ihn verstand. Wir wissen nicht, ob sie ihn überhaupt hörte. Vielleicht hatte sie Angst. Vielleicht war sie erschöpft. Vielleicht war etwas anderes in diesem Augenblick wichtiger als der Soldat mit dem Gewehr.

An einer Hausecke befand sich ein Heiligenbild. Dort blieb sie stehen. Sie wandte sich zur Wand. Dann kniete sie nieder und betete. Ludwig beobachtete sie. Hinter ihm lag sein sterbender Kamerad. Vor ihm kniete diese Frau. Noch immer waren Schüsse zu hören.

Was sie betete, wissen wir nicht. Vielleicht bat sie darum, dass ihre Familie lebte. Vielleicht betete sie für einen Verwundeten. Vielleicht für die Toten. Vielleicht für sich selbst. Vielleicht sprach sie ein Gebet, das sie seit ihrer Kindheit kannte und das keiner Erklärung bedurfte. Vielleicht betete sie auch gar nicht für etwas. Vielleicht war das Knien selbst das Einzige, was ihr noch möglich war. Ludwig schrieb später, das Bild habe ihn „eigenartig berührt“. Er konnte die Frau sehen, aber er wusste nichts über sie. Für einen kurzen Augenblick trat sie dennoch aus der Landschaft hervor, durch die seine Einheit kämpfend zog.

Dann wurde es Nacht. Ludwig notierte: „Noch immer kniet die Frau am Kreuz.“ Danach verliert sich ihre Spur. Wir wissen nicht, wann sie aufstand. Wir wissen nicht, wohin sie ging. Wir wissen nicht, ob sie den Krieg überlebte.

In unserem Projekt bleibt sie deshalb die betende Frau. Ihre Biografie ist keine Rekonstruktion eines dokumentierten Lebens. Sie ist eine künstlerische Annäherung an einen Menschen, von dem die Geschichte fast nichts bewahrt hat.

Im Lied bekommt sie mögliche Namen und eine mögliche Erinnerung. Dort spricht sie von einem Vater, von einem Kind, von einem vertrauten Kreuz und schließlich davon, dass sie nicht um den Sieg betet, sondern darum, nicht zu vergessen, wer sie ist. Auch das wissen wir nicht. Aber vielleicht liegt gerade darin ihre Bedeutung.

Ludwigs Feldtagebuch erzählt den Krieg aus der Sicht eines überzeugten deutschen Soldaten. Für wenige Zeilen erscheint darin eine Frau, die nicht marschiert, nicht befiehlt, nicht schießt und keinen Sieg beschreibt.

Sie kniet. Und bleibt. Bis es dunkel wird.

Zur Entstehung der Figur