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# Wiktor Kowalik

*Erfundene Biografie. Erste Fassung, frei geschrieben.*

Wiktor Kowalik kam im März 1908 in Będzin zur Welt, als Untertan des russischen Zaren. Sein Vater arbeitete auf der Grube, seine Mutter nahm Wäsche an. Er war zehn, als aus dem Gouvernement Piotrków wieder Polen wurde; er erinnerte sich später vor allem daran, dass in jenem Winter das Brot knapp war und dass die Erwachsenen ununterbrochen redeten.

Będzin war eine Stadt am Rand. Auf dem Felsen die alte Burg, unten der schwarze Fluss, dahinter die Schächte und die Zinkwalzwerke, deren Rauch bei Westwind über die Dächer zog. Ein knappes Drittel der Nachbarn war jüdisch, in manchen Straßen mehr; auf dem Markt hörte man Polnisch und Jiddisch durcheinander, und Wiktor hätte, wenn man ihn gefragt hätte, nicht sagen können, wie eine Stadt sonst klingen sollte. Er ging sieben Jahre zur Schule, dann in die Lehre. Er wurde Schlosser.

Mit einundzwanzig zog man ihn ein. Zwei Jahre Dienst, Infanterie, Kasernenhof und Schießstand und ein Winter, in dem er sich die Ohren erfror. Er war kein guter Soldat und kein schlechter. Was er behielt, war nicht die Ausbildung, sondern die Erfahrung, dass man auch mit fremden Leuten monatelang auskommt, wenn es sein muss.

Zurück in Będzin nahm ihn die Werkstatt der Grube. Er richtete Förderwagen her, wechselte Lager, schweißte, was zu schweißen war. Es war Arbeit, an der man das Ergebnis sah, und das genügte ihm.

Agnieszka Zając lernte er 1931 auf einer Hochzeit kennen, wo sie beide zu den Leuten gehörten, die nicht tanzten. Sie war Näherin, zwei Jahre jünger, und sie hatte eine Art, Dinge auszusprechen, über die andere lange herumredeten. Sie heirateten im Herbst 1932. Paweł kam im Juni 1933, Ludka im Februar 1937.

Sie wohnten in zwei Zimmern in der Nähe des Bahnhofs, mit einem Hof, in dem vier Familien die Wäsche aufhängten. Das Dach über dem Schuppen war undicht; Wiktor hatte im Frühjahr Blech besorgt und es dann liegen lassen, wie man das mit solchen Sachen macht. Die Leiter stand seit Juli an der Wand.

In den dreißiger Jahren stand seine Familie nicht schlechter da als andere und nicht besser. Er hatte 1935 vier Monate keine Arbeit. Er trank sonntags ein Bier, manchmal zwei. Er war in keiner Partei. Er las die Zeitung nicht regelmäßig, aber wenn er sie las, dann ganz. Politik hielt er für etwas, das über einen kommt wie Wetter — man kann sich anziehen, aber man kann es nicht machen.

Dass er Pole war, war für ihn kein Thema, über das man nachdenkt. Es war so wie die Tatsache, dass er Schlosser war und einen Sohn hatte. Wenn im Sommer 1939 in der Werkstatt über die Deutschen geredet wurde — und es wurde viel geredet —, sagte er wenig. Er glaubte, was die meisten glaubten: dass es vielleicht Krieg gäbe, dass Polen dann eine Weile aushalten müsse, und dass England und Frankreich kommen würden, weil sie es zugesagt hatten. Er hielt das nicht für Heldentum, sondern für Arithmetik.

Die Karte kam an einem Sonntag, dem 27. August. Agnieszka packte Hemden ein und Speck und einen Rosenkranz, den er nicht verlangt hatte. Paweł durfte mit zum Bahnhof und war stolz. Ludka schlief. An der Sperre drehte Wiktor sich nicht um, und er wusste selbst nicht recht, warum.

Der Zug fuhr über Katowice nach Rybnik, und von Rybnik ging es weiter nach Żory, einer kleinen Stadt, in der er noch nie gewesen war. In den Kasernen stellte man aus den eintreffenden Reservisten Einheiten zusammen. Er bekam ein Gewehr, einen Zugführer, den er vorher nicht gekannt hatte, und neun Männer, von denen er sich in drei Tagen die Namen merkte.

Sie gruben. Am Stadtrand, entlang der Straßen, Schützengräben in voller Tiefe, dazu Verbindungsgräben und Drahtverhaue. Zivilisten halfen, Frauen brachten Milch. Es war der trockenste Sommer seit Jahren, die Ernte war herein, der Boden hart, und die Arbeit ging in die Schultern.

Am Mittwoch, dem 30. August, stand er auf dem Marktplatz, als die Stadt schwor, Polen bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Er sprach mit, wie alle. Er kannte niemanden, der neben ihm stand.

Am Abend des 31. August bezog sein Zug eine Stellung am Waldrand nördlich der Stadt, an einer kleinen Brücke, die Pioniere sprengen sollten, sobald es soweit wäre. Sie lagen dort die ganze Nacht.

Am Morgen des 1. September, gegen neun Uhr, kamen auf der Straße Motorräder.

## Was danach nicht mehr feststeht

Hier hört, was ich über ihn wissen kann, auf — nicht aus Bescheidenheit, sondern weil das Lied davon lebt, dass es hier aufhört.

Was den Männern in diesem Abschnitt an diesem Tag geschah, ist bekannt: Die einen blieben am Waldrand. Die anderen gingen, wie befohlen, auf Kobiór zurück und standen am nächsten Tag bei Pszczyna, wo die 6. Division auseinanderbrach. Wieder andere gerieten in Gefangenschaft, bevor der Tag zu Ende war. Einige kamen bis zur Weichsel, einige bis nach Osten, wo am 17. September die Rote Armee auf sie wartete, und einige — sehr wenige — bis nach Ungarn.

Für Wiktor Kowalik ist keine dieser Fortsetzungen wahrer als die andere. Er ist erfunden; ich könnte ihn nach Belieben sterben oder heimkommen lassen, und beides wäre gleich unwahr.

Ich möchte trotzdem eine Sache festhalten, die keine Erfindung ist. Będzin, wohin er zurückwollte, wurde am 4. September 1939 von deutschen Truppen besetzt. Am selben Abend brannte die Synagoge, und mit ihr die Menschen, die sich hineingeflüchtet hatten. Von den etwa 25.000 jüdischen Einwohnern der Stadt — den Nachbarn, dem Markt, den Stimmen aus Wiktors Kindheit — überlebte fast niemand.

Er wusste davon nichts. Er lag am Waldrand und hoffte, an Weihnachten wieder am Tisch zu sitzen. Das ist die Form, die dieses Leben hat: ein vollständig vernünftiger Mensch, dessen sämtliche vernünftige Erwartungen an einem einzigen Vormittag ungültig wurden, ohne dass er es merkte.

Zwei Dinge, die ihr entscheiden müsst: ob Wiktor eine Fortsetzung bekommt oder ob die Biografie mit den Motorrädern endet — ich habe mich für das Zweite entschieden, aber es ist eure Entscheidung. Und ob der Schlussteil über Będzin bleibt. Er ist historisch, er ist hart, und er verschiebt das Gewicht des Textes an eine Stelle, an der Wiktor selbst nicht mehr vorkommt.

Jetzt zeig mir gern die betende Frau.