Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


ludwig:stimmen:wiktor

Dies ist eine alte Version des Dokuments!


Wiktor Kowalik – erfundene Figur

Waldrand nördlich von Żory, Woiwodschaft Schlesien, 1. September 1939

entstanden im Gespräch zwischen Stefan und Doris Budian und Claude (KI) mit Suno (KI), August 2026


Wiktors Lied: Texte


Eine Figur ohne Quelle

Wiktor Kowalik kommt in Ludwigs Feldtagebuch nicht vor.

Das unterscheidet ihn von allen anderen Stimmen dieses Projekts. Emil, Anna, die betende Frau – sie alle stehen, wenigstens für einen Satz, in der Quelle. Bei ihnen war die Aufgabe, aus wenigen überlieferten Zeilen einen Menschen zu erschließen. Bei Wiktor ist es umgekehrt: Er ist an einer Stelle erfunden, an der die Quelle schweigt, weil sie schweigen muss.

Am 1. September 1939 fuhr Ludwig Breining mit den Kradschützen über die Grenze. Ihre Aufgabe war es, weit vorauszufahren und Feuer auf sich zu ziehen, damit die polnischen Stellungen sich verrieten. Wer dieses Feuer gab, kommt in seinem Tagebuch nicht vor. Er hat ihn nie gesehen. Er konnte ihn nicht sehen – genau das war der Sinn der Sache.

Wiktor ist der Mann, der Ludwig an diesem Morgen ins Visier nahm. Er ist nicht überliefert. Er ist erschlossen: aus der Kenntnis dessen, wer an diesem Tag an dieser Straße gelegen hat, unter welchen Befehlen, mit welcher Ausrüstung und in welcher Erwartung.

Die Figur ist erfunden. Die Welt, in der sie liegt, ist es nicht.

Der Ort und der Tag

Ludwigs Verband, das Schützen-Regiment 14 der 5. Panzer-Division, überschritt am Morgen des 1. September bei Szymocice die Grenze und griff Rybnik an, danach Żory.1)

Gegenüber lag die Abteilung „Rybnik“. Ihr Befehl war knapp und in sich widersprüchlich: erkennen, wie stark der Gegner sei, ihn aufhalten, so lange es gehe, sich dabei nicht zerschlagen lassen und danach auf Kobiór zurückgehen. Die Hauptverteidigungslinie deckte Rybnik und Żory nicht. Beide Städte waren im polnischen Operationsplan von vornherein preisgegeben.

In den Tagen davor war am Stadtrand gegraben worden – Schützengräben in voller Tiefe, Verbindungsgräben, Drahtverhaue. Zivilisten halfen. Am 30. August schwor die Stadt auf dem Marktplatz, Polen bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen.

Am Morgen des 1. September, gegen neun Uhr, erschien in den Wäldern nördlich der Stadt deutsche Aufklärung. An einer kleinen Brücke lag ein polnischer Spähtrupp und ließ sie herankommen, bevor er das Feuer eröffnete.

Dort liegt Wiktor.

Wiktor Kowalik

Er kam im März 1908 in Będzin zur Welt, als Untertan des russischen Zaren. Sein Vater arbeitete auf der Grube, seine Mutter nahm Wäsche an. Er war zehn, als aus dem Gouvernement wieder Polen wurde; er erinnerte sich später vor allem daran, dass in jenem Winter das Brot knapp war und dass die Erwachsenen ununterbrochen redeten.

Będzin war eine Stadt am Rand. Auf dem Felsen die alte Burg, unten der schwarze Fluss, dahinter die Schächte und die Zinkwalzwerke, deren Rauch bei Westwind über die Dächer zog. Die Mehrheit der Nachbarn war jüdisch – bei der Volkszählung von 1921 mehr als sechzig Prozent der Stadt.2) Auf dem Markt hörte man Polnisch und Jiddisch durcheinander, und Wiktor hätte, wenn man ihn gefragt hätte, nicht sagen können, wie eine Stadt sonst klingen sollte. Er ging sieben Jahre zur Schule, dann in die Lehre. Er wurde Schlosser.

Mit einundzwanzig zog man ihn ein. Zwei Jahre Dienst, Infanterie, Kasernenhof und Schießstand und ein Winter, in dem er sich die Ohren erfror. Er war kein guter Soldat und kein schlechter. Was er behielt, war nicht die Ausbildung, sondern die Erfahrung, dass man auch mit fremden Leuten monatelang auskommt, wenn es sein muss.

Zurück in Będzin nahm ihn die Werkstatt der Grube. Er richtete Förderwagen her, wechselte Lager, schweißte, was zu schweißen war. Es war Arbeit, an der man das Ergebnis sah, und das genügte ihm.

Agnieszka Zając lernte er 1931 auf einer Hochzeit kennen, wo sie beide zu den Leuten gehörten, die nicht tanzten. Sie war Näherin, zwei Jahre jünger, und sie hatte eine Art, Dinge auszusprechen, über die andere lange herumredeten. Sie heirateten im Herbst 1932. Paweł kam im Juni 1933, Ludka im Februar 1937.

Sie wohnten in zwei Zimmern in der Nähe des Bahnhofs, mit einem Hof, in dem vier Familien die Wäsche aufhängten. Das Dach über dem Schuppen war undicht; Wiktor hatte im Frühjahr Blech besorgt und es dann liegen lassen, wie man das mit solchen Sachen macht. Die Leiter stand seit Juli an der Wand.

In den dreißiger Jahren stand seine Familie nicht schlechter da als andere und nicht besser. Er hatte 1935 vier Monate keine Arbeit. Er trank sonntags ein Bier, manchmal zwei. Er war in keiner Partei. Er las die Zeitung nicht regelmäßig, aber wenn er sie las, dann ganz. Politik hielt er für etwas, das über einen kommt wie Wetter – man kann sich anziehen, aber man kann es nicht machen.

Dass er Pole war, war für ihn kein Thema, über das man nachdenkt. Es war so wie die Tatsache, dass er Schlosser war und einen Sohn hatte. Wenn im Sommer 1939 in der Werkstatt über die Deutschen geredet wurde – und es wurde viel geredet –, sagte er wenig. Er glaubte, was die meisten glaubten: dass es vielleicht Krieg gäbe, dass Polen dann eine Weile aushalten müsse und dass England und Frankreich kommen würden, weil sie es zugesagt hatten. Er hielt das nicht für Heldentum, sondern für Arithmetik.

Die Karte kam an einem Sonntag, dem 27. August. Agnieszka packte Hemden ein und Speck und einen Rosenkranz, den er nicht verlangt hatte. Paweł durfte mit zum Bahnhof und war stolz. Ludka schlief. An der Sperre drehte Wiktor sich nicht um, und er wusste selbst nicht recht, warum.

Der Zug fuhr über Katowice nach Rybnik, und von Rybnik ging es weiter nach Żory, einer kleinen Stadt, in der er noch nie gewesen war. In den Kasernen stellte man aus den eintreffenden Reservisten Einheiten zusammen. Er bekam ein Gewehr, einen Zugführer, den er vorher nicht gekannt hatte, und neun Männer, von denen er sich in drei Tagen die Namen merkte.

Sie gruben. Es war der trockenste Sommer seit Jahren, die Ernte war herein, der Boden hart, und die Arbeit ging in die Schultern. Frauen brachten Milch an den Grabenrand.

Am Mittwoch, dem 30. August, stand er auf dem Marktplatz, als die Stadt ihren Schwur sprach. Er sprach mit, wie alle. Er kannte niemanden, der neben ihm stand.

Am Abend des 31. August bezog sein Zug eine Stellung am Waldrand nördlich der Stadt, an einer kleinen Brücke, die Pioniere sprengen sollten, sobald es soweit wäre. Sie lagen dort die ganze Nacht.

Am Morgen des 1. September, gegen neun Uhr, kamen auf der Straße Motorräder.

Wo die Erfindung aufhört

Hier endet, was wir über Wiktor Kowalik sagen können – nicht aus Zurückhaltung, sondern weil das Lied davon lebt, dass es hier endet.

Was den Männern dieses Abschnitts an diesem Tag geschah, ist bekannt. Die einen blieben am Waldrand. Andere gingen, wie befohlen, auf Kobiór zurück und standen tags darauf bei Pszczyna, wo die 6. Division auseinanderbrach. Andere gerieten in Gefangenschaft, ehe der Tag zu Ende war. Einige kamen bis zur Weichsel, einige nach Osten, wo am 17. September die Rote Armee auf sie wartete, und sehr wenige bis nach Ungarn.

Für eine erfundene Figur ist keine dieser Fortsetzungen wahrer als die andere. Wir könnten Wiktor sterben oder heimkommen lassen; beides wäre gleich unwahr, und beides würde dem Lied seinen Sinn nehmen. Das Lied bricht mit den Worten „und ich lege an“ ab, und die Biografie tut dasselbe.

Die Grenze der Erfindung – in die andere Richtung

Bei der betenden Frau bestand die Gefahr darin, zu viel hinzuzufügen. Von ihr ist ein wirklicher Augenblick überliefert, und jede erfundene Einzelheit hätte diesem Augenblick etwas weggenommen.

Bei Wiktor ist es umgekehrt. Er ist vollständig erfunden – Name, Herkunft, Beruf, Frau, Kinder, die Leiter an der Scheune. Nichts davon steht in einer Quelle. Die Redlichkeit kann hier deshalb nicht darin liegen, sparsam zu sein. Sie kann nur darin liegen, offen zu sagen, was erfunden ist und was nicht.

Erfunden ist der Mensch.

Nicht erfunden sind: die Grenzüberschreitung bei Szymocice, der Vormarsch des Schützen-Regiments 14 auf Rybnik und Żory, der Wortlaut des polnischen Befehls, die preisgegebene Stadt, die ausgehobenen Gräben, der Schwur vom 30. August, die Kisten mit der Aufschrift „optisches Gerät“, in denen unbenutzte Panzerbüchsen lagen, die Flüchtlinge aus Rybnik auf der Straße nach Pszczyna und das Flugzeug über ihnen, die auf unbestimmte Zeit verschobene Eröffnung des Schuljahrs am 1. September – und die Rechnung, dass zwei Wochen zu halten seien, bis der Westen antritt.

Ein solcher Mann konnte an diesem Morgen an dieser Straße liegen. Ob es ihn gab, wissen wir nicht. Dass es ihn geben konnte, ist der ganze Anspruch dieser Figur.

Was nicht erfunden ist

Będzin, wohin Wiktor zurückwollte, wurde am 4. September 1939 von deutschen Truppen besetzt. Am selben Abend brannte die Synagoge, und mit ihr starben die Menschen, die sich in sie geflüchtet hatten. Von den rund 27.000 jüdischen Einwohnern der Stadt – den Nachbarn, dem Markt, den Stimmen aus Wiktors Kindheit – überlebte fast niemand.

Er wusste davon nichts. Er lag am Waldrand und hoffte, an Weihnachten wieder am Tisch zu sitzen.

Das ist die Form, die dieses Leben hat: ein vollkommen vernünftiger Mensch, dessen sämtliche vernünftige Erwartungen an einem einzigen Vormittag ungültig wurden, ohne dass er es merkte.

Noch nicht überprüft

Diese Seite und das Lied sind in Mainz entstanden, aus deutschen und polnischen Quellen, aber ohne Beteiligung von Menschen aus der Gegend, um die es geht. Nach der Arbeitsweise dieses Projekts fehlt damit der wichtigste Schritt: die Korrektur durch die, die es angeht.

Rybnik und Żory liegen auf der Reiseroute. Was dort an dieser Darstellung berichtigt wird, wird hier eingetragen.

1)
Vgl. die Darstellungen zur Septemberkampagne im Rybniker und Żoraer Raum; Jan Delowicz: Ziemia rybnicko-wodzisławska i jej mieszkańcy w wojnie obronnej 1939 r., Żory 2009.
2)
Spis powszechny 1921: 17.298 jüdische Einwohner, 62,1 % der Stadtbevölkerung; 1939 waren es 27.396, rund die Hälfte. Vgl. sztetl.org.pl, Będzin.