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Wiktor Kowalik – erfundene Figur

Waldrand nördlich von Żory, Woiwodschaft Schlesien, 1. September 1939

entstanden im Gespräch zwischen Stefan und Doris Budian und Claude (KI) mit Suno (KI), August 2026


Wiktors Lied: Texte


Eine Figur ohne Quelle

Wiktor Kowalik kommt in Ludwigs Feldtagebuch nicht vor.

Das unterscheidet ihn von allen anderen Stimmen dieses Projekts. Emil, Anna, die betende Frau – sie alle stehen, wenigstens für einen Satz, in der Quelle. Bei ihnen war die Aufgabe, aus wenigen überlieferten Zeilen einen Menschen zu erschließen. Bei Wiktor ist es umgekehrt: Er ist an einer Stelle erfunden, an der die Quelle schweigt, weil sie schweigen muss.

Am 1. September 1939 fuhr Ludwig Breining mit den Kradschützen über die Grenze. Ihre Aufgabe war es, weit vorauszufahren und Feuer auf sich zu ziehen, damit die polnischen Stellungen sich verrieten. Das Verfahren funktioniert nur, wenn der andere unsichtbar bleibt, bis er schießt. Ludwig hat den Mann, der auf ihn zielte, nie gesehen. Das Schweigen der Quelle ist an dieser Stelle kein Zufall und keine Nachlässigkeit. Es ist die Funktionsweise des Vorgangs selbst.

Wiktor ist der Versuch, diese Lücke nicht zu übergehen. Er ist nicht überliefert, sondern erschlossen: aus der Kenntnis dessen, wer an diesem Tag an dieser Straße gelegen hat, unter welchen Befehlen, mit welcher Ausrüstung und in welcher Erwartung.

Die Figur ist erfunden. Die Welt, in der sie liegt, ist es nicht.

Der Ort und der Tag

Ludwigs Verband, das Schützen-Regiment 14 der 5. Panzer-Division, überschritt am Morgen des 1. September bei Szymocice die Grenze, griff Rybnik an und danach Żory.1)

Gegenüber lag die Abteilung „Rybnik“. Ihr Befehl war knapp und in sich widersprüchlich: erkennen, wie stark der Gegner sei; ihn aufhalten, so lange es gehe; sich dabei nicht zerschlagen lassen; danach auf Kobiór zurückgehen. Die polnische Hauptverteidigungslinie deckte Rybnik und Żory nicht. Beide Städte waren im Operationsplan von vornherein preisgegeben.

In den Tagen davor war am Stadtrand gegraben worden – Schützengräben in voller Tiefe, Verbindungsgräben, Drahtverhaue. Zivilisten halfen. Am 30. August schwor die Stadt auf dem Marktplatz, Polen bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen.

Am Morgen des 1. September, gegen neun Uhr, erschien in den Wäldern nördlich der Stadt deutsche Aufklärung. An einer kleinen Brücke lag ein polnischer Spähtrupp und ließ sie herankommen, bevor er das Feuer eröffnete.

Dort liegt Wiktor.

Wiktor Kowalik

Er kam im März 1908 in Będzin zur Welt, als Untertan des russischen Zaren. Sein Vater arbeitete auf der Grube, seine Mutter nahm Wäsche an. Er war zehn, als aus dem Gouvernement wieder Polen wurde; er erinnerte sich später vor allem daran, dass in jenem Winter das Brot knapp war und dass die Erwachsenen ununterbrochen redeten.

Będzin war eine Stadt am Rand. Auf dem Felsen die alte Burg, unten der schwarze Fluss, dahinter die Schächte und die Zinkwalzwerke, deren Rauch bei Westwind über die Dächer zog. Die Mehrheit der Nachbarn war jüdisch – bei der Volkszählung von 1921 mehr als sechzig Prozent der Stadt.2) Auf dem Markt hörte man Polnisch und Jiddisch durcheinander, und Wiktor hätte, wenn man ihn gefragt hätte, nicht sagen können, wie eine Stadt sonst klingen sollte. Er ging sieben Jahre zur Schule, dann in die Lehre. Er wurde Schlosser.

Mit einundzwanzig zog man ihn ein. Zwei Jahre Dienst, Infanterie, Kasernenhof und Schießstand und ein Winter, in dem er sich die Ohren erfror. Er war kein guter Soldat und kein schlechter. Was er behielt, war nicht die Ausbildung, sondern die Erfahrung, dass man auch mit fremden Leuten monatelang auskommt, wenn es sein muss.

Zurück in Będzin nahm ihn die Werkstatt der Grube. Er richtete Förderwagen her, wechselte Lager, schweißte, was zu schweißen war. Es war Arbeit, an der man das Ergebnis sah, und das genügte ihm.

Agnieszka Zając lernte er 1931 auf einer Hochzeit kennen, wo sie beide zu den Leuten gehörten, die nicht tanzten. Sie war Näherin, zwei Jahre jünger, und sie hatte eine Art, Dinge auszusprechen, über die andere lange herumredeten. Sie heirateten im Herbst 1932. Paweł kam im Juni 1933, Ludka im Februar 1937.

Sie wohnten in zwei Zimmern in der Nähe des Bahnhofs, mit einem Hof, in dem vier Familien die Wäsche aufhängten. Das Dach über dem Schuppen war undicht; Wiktor hatte im Frühjahr Blech besorgt und es dann liegen lassen, wie man das mit solchen Sachen macht. Die Leiter stand seit Juli an der Wand.

In den dreißiger Jahren stand seine Familie nicht schlechter da als andere und nicht besser. Er hatte 1935 vier Monate keine Arbeit. Er trank sonntags ein Bier, manchmal zwei. Er war in keiner Partei. Er las die Zeitung nicht regelmäßig, aber wenn er sie las, dann ganz. Politik hielt er für etwas, das über einen kommt wie Wetter – man kann sich anziehen, aber man kann es nicht machen.

Dass er Pole war, war für ihn kein Thema, über das man nachdenkt. Es war so wie die Tatsache, dass er Schlosser war und einen Sohn hatte. Wenn im Sommer 1939 in der Werkstatt über die Deutschen geredet wurde – und es wurde viel geredet –, sagte er wenig. Er glaubte, was die meisten glaubten: dass es vielleicht Krieg gäbe, dass Polen dann eine Weile aushalten müsse und dass England und Frankreich kommen würden, weil sie es zugesagt hatten. Er hielt das nicht für Heldentum, sondern für Arithmetik.

Die Karte kam an einem Sonntag, dem 27. August. Agnieszka packte Hemden ein und Speck und einen Rosenkranz, den er nicht verlangt hatte. Paweł durfte mit zum Bahnhof und war stolz. Ludka schlief. An der Sperre drehte Wiktor sich nicht um, und er wusste selbst nicht recht, warum.

Der Zug fuhr über Katowice nach Rybnik, und von Rybnik ging es weiter nach Żory, einer kleinen Stadt, in der er noch nie gewesen war. In den Kasernen stellte man aus den eintreffenden Reservisten Einheiten zusammen. Er bekam ein Gewehr, einen Zugführer, den er vorher nicht gekannt hatte, und neun Männer, von denen er sich in drei Tagen die Namen merkte.

Sie gruben. Es war der trockenste Sommer seit Jahren, die Ernte war herein, der Boden hart, und die Arbeit ging in die Schultern. Frauen brachten Milch an den Grabenrand.

Am Mittwoch, dem 30. August, stand er auf dem Marktplatz, als die Stadt ihren Schwur sprach. Er sprach mit, wie alle. Er kannte niemanden, der neben ihm stand.

Am Abend des 31. August bezog sein Zug eine Stellung am Waldrand nördlich der Stadt, an einer kleinen Brücke, die Pioniere sprengen sollten, sobald es soweit wäre. Sie lagen dort die ganze Nacht.

Am Morgen des 1. September, gegen neun Uhr, kamen auf der Straße Motorräder.

Wo die Erfindung aufhört

Hier endet, was wir über Wiktor Kowalik sagen können – nicht aus Zurückhaltung, sondern weil das Lied davon lebt, dass es hier endet.

Was den Männern dieses Abschnitts an diesem Tag geschah, ist bekannt. Die einen blieben am Waldrand. Andere gingen, wie befohlen, auf Kobiór zurück und standen tags darauf bei Pszczyna, wo die 6. Division auseinanderbrach. Andere gerieten in Gefangenschaft, ehe der Tag zu Ende war. Einige kamen bis zur Weichsel, einige nach Osten, wo am 17. September die Rote Armee auf sie wartete, und sehr wenige bis nach Ungarn.

Für eine erfundene Figur ist keine dieser Fortsetzungen wahrer als die andere. Wir könnten Wiktor sterben oder heimkommen lassen; beides wäre gleich unwahr, und beides würde dem Lied seinen Sinn nehmen. Das Lied bricht mit den Worten „und ich lege an“ ab, und die Biografie tut dasselbe.

Zur Entstehung der Figur

Wie der Ort gefunden wurde

Dass sich der Ort so genau bestimmen ließ, war nicht abzusehen.

Die 5. Panzer-Division sammelte sich in der Nacht zum 1. September an der Grenze gegenüber den polnischen Dörfern Chwałęcice, Sumina und Brzezie und rückte um 4:45 Uhr in drei Kolonnen vor. Ein lokaler Bericht aus dem Grenzgebiet hält fest, dass die Panzer den ganzen ersten Kriegstag über von Szymocice auf der deutschen Seite nach Bogunice auf der polnischen hinüberfuhren – dieselbe Grenzstelle, die sich unabhängig davon aus Ludwigs eigenen Aufzeichnungen ergibt. Zwischen dieser Furt und Żory liegen rund fünfundzwanzig Kilometer Straße. Auf ihnen muss der Mann gelegen haben, den Ludwig an diesem Morgen nicht sah.

Fünf vernünftige Sätze

Die Figur ist so gebaut, dass sie keinen inneren Konflikt hat. Sie zweifelt nicht, sie schwankt nicht, sie ist sich ihrer Zugehörigkeit vollkommen sicher. Das war eine bewusste Entscheidung, und sie hat eine Folge: Was den Menschen zerreißt, muss dann von außen kommen.

Was Wiktor an diesem Morgen denkt, ist durchweg vernünftig. Man halte etwa zwei Wochen, dann trete der Westen an – das war die operative Rechnung des polnischen Generalstabs nach dem Bündnis mit Großbritannien vom 25. August 1939. Hinter ihm stehe die Hauptlinie – die stand dort, aber sie hielt nicht. Der Rückzug gehe nach Osten – dorthin marschierte am 17. September die Rote Armee ein, deren Kommen im Geheimen Zusatzprotokoll vom 23. August vereinbart worden war, von dem in Polen niemand wusste. Zu Weihnachten sei er zu Hause – Będzin wurde am 4. September besetzt. Und die Panzerdivision werde, wie es die Lehre vorsah, auf die nachrückende Infanterie warten, ehe sie die Hauptlinie angreife – sie wartete nicht, und darin lag die eigentliche Überraschung des Tages. Nicht die Tatsache des Angriffs kam unerwartet, sondern sein Tempo.3)

Fünf richtige Schlüsse. Fünfmal falsch. Keinen davon konnte er wissen.

Die Frage nach der Loyalität

Beim Schreiben stellte sich die Frage, welche Treue diesen Mann eigentlich umgab. Lagen neben ihm Leute, die abends überlaufen würden? Musste er damit rechnen?

Die Antwort ist unbequem, und sie hat drei Teile.

Erstens: Es geschah, und es geschah in seinem Abschnitt

Der Zugführer der Maschinengewehrabteilung der Kompanie der Nationalen Verteidigung „Rybnik“, Unterleutnant Walter Wolny aus Rybnik, brachte einen Teil seiner Kompanie zum Aufstand und ging mit ihm auf die deutsche Seite über. Diese Männer richteten ihre Waffen später gegen ihre bisherigen polnischen Kameraden. Bemerkenswert daran ist, dass Wolny diesen Posten in einer grenznahen Einheit innehatte, obwohl die polnische Abwehr seinen Bruder wegen Spionage für Deutschland suchte.4)

Das ist die Kompanie nebenan. Dieselbe Abteilung „Rybnik“, derselbe Befehl, derselbe Tag.

Hinzu kam die Bewegung in umgekehrter Richtung: Angehörige der deutschen Minderheit versuchten häufig, der Einberufung in die polnische Armee zu entgehen, und flohen über die grüne Grenze ins Reich. Das war kein Randphänomen. Ein polnischer Offizier berichtete, Ende Mai 1939 Soldaten in polnischer Uniform gesehen zu haben, die auf einen Zug Richtung Deutschland sprangen und sich mit unanständigen Gesten von ihren Kameraden verabschiedeten. 1940 erschien in Deutschland eine eigene Veröffentlichung über Deutsche in polnischen Reihen, Volksdeutsche Soldaten unter Polens Fahnen, die die Gefangennahme durch die Wehrmacht als Befreiung beschrieb.

Und beim Vormarsch halfen Führer aus der örtlichen deutschen Minderheit den Wehrmachtsverbänden, Hindernisse und Minenfelder zu umgehen. In Żory eröffneten am Nachmittag des 1. September örtliche Deutsche aus Fenstern, aus dem Gymnasium und aus der Ziegelei das Feuer auf die abziehenden polnischen Verteidiger. Um dreizehn Uhr zog die Wehrmacht ein, begrüßt mit vorbereiteten Hakenkreuzfahnen.

Zweitens: Es geschah viel weniger, als geplant war

Die deutsche Abwehr hatte eigens eine Struktur aufgebaut, die auf die Moral der in der polnischen Armee dienenden Oberschlesier einwirken sollte. Sie blieb, so das Urteil der heutigen Forschung, weitgehend virtuell. Die übrigen Diversionsstrukturen zerschlug die polnische Polizei zu großen Teilen schon Mitte August 1939. Aus den Resten stellte man daraufhin die Sonderformation Ebbinghaus auf, rund anderthalbtausend Mann – und bezog dabei Oberschlesier mit polnischem Pass, die auf der deutschen Seite der Grenze arbeiteten, ein, ohne sie sonderlich nach ihrer Meinung zu fragen. Die Kämpfe dieser Verbände um mehrere große oberschlesische Industrieanlagen endeten am 1. und 2. September mit ihrer Niederlage.

Auch in die andere Richtung korrigiert die Forschung. Die Rolle der freiwilligen Verbände aus ehemaligen schlesischen Aufständischen wurde nach dem Krieg in Polen deutlich überzeichnet; niedergeschlagen wurde die deutsche Diversion vor allem durch reguläres Militär und durch die Polizei der Woiwodschaft Schlesien.

Drittens: Loyalität war dort keine Skala zwischen Polen und Deutschland

Der wichtigste Befund ist der, der am wenigsten in die Erwartung passt. Es gab Fahnenflucht in den aus Oberschlesiern gebildeten Einheiten – aber sie erklärt sich nicht überwiegend aus deutscher nationaler Identifikation oder aus Sympathie für den Nationalsozialismus. Die polnische Armee räumte Oberschlesien am 2. und 3. September. Manche Soldaten, unabhängig von ihrer nationalen Zugehörigkeit, wollten ihre Heimatgegend schlicht nicht verlassen, und wenn der Marschweg an ihrem eigenen Ort vorbeiführte, blieben sie einfach dort.5)

Das ist etwas anderes als Verrat, und es ist auch etwas anderes als Treue. Es ist die Weigerung, den eigenen Ort im Stich zu lassen, während der Staat ihn preisgibt.

Damit steht die Frage, die dieses Zimmer stellt, noch einmal anders. Ludwig fuhr aus Überzeugung. Wiktor liegt aus Vernunft. Und um beide herum lagen Männer, deren Verhalten sich mit keinem der beiden Wörter erklären lässt, sondern nur mit dem Ort, an dem ihre Familie wohnte.

Warum Wiktor aus Będzin kommt

Diese Verwicklung war der Grund, weshalb die Figur zunächst als Oberschlesier angelegt und dann verworfen wurde. Der Vorläufer, Alojzy Skiba, hätte den Riss in sich getragen: Plebiszit, drei Aufstände, geteilte Familien, ein Vetter auf der anderen Seite. Die Entscheidung gegen ihn fiel aus drei Gründen. Erstens gibt es diesen Riss im Projekt bereits – er heißt Anton Špaček. Zweitens hätte ein Lied über einen einzigen Vormittag zwei Konflikte tragen müssen. Drittens: Ein deutscher Künstler, der einem oberschlesischen Zwischenmenschen die Stimme leiht, verhandelt polnische Identitätsfragen, für die er nicht zuständig ist.

Będzin liegt sechzig Kilometer von Żory und in einer anderen Geschichte. Bis 1918 russische Teilung, kein Plebiszit, kein Aufstand, keine Minderheitenfrage von der oberschlesischen Art. Und in Żory lagen tatsächlich Männer von dort: Die II. Abteilung des 23. leichten Artillerieregiments war seit 1922 in der Stadt stationiert und kam aus Będzin; ihre 5. Batterie blieb im August 1939 zurück und wurde der Abteilung „Rybnik“ unterstellt. Dazu kamen Reservisten, aus denen man in den Kasernen wenige Tage vor dem Krieg zusätzliche Einheiten bildete.6)

Wiktor gehört damit zu denen, für die die Loyalitätsfrage nicht existierte – während sie rings um ihn her über Leben und Tod entschied. Er ist nicht die Ausnahme, die den Konflikt aufhebt. Er ist der Mann, an dem sichtbar wird, wie ungleich der Konflikt verteilt war.

Und ein Nebeneffekt, den man beim Schreiben nicht übergehen kann: Ein Mann aus dem Zagłębie war in Oberschlesien ein Zugezogener. Zwischen Zagłębiacy und Ślązacy bestanden reale Vorbehalte in beide Richtungen. Er lag zwischen Leuten, deren Mundart er nur halb verstand und über deren Zuverlässigkeit im Sommer 1939 offen geredet wurde. Ob er misstrauisch war, wissen wir nicht. Dass er Anlass hatte, es zu sein, und dass dieses Misstrauen ganz überwiegend ungerecht gewesen wäre, ist beides wahr.

Was danach kam

Mit Hitlers Erlass vom 8. Oktober 1939, in Kraft ab dem 26. Oktober, wurde die polnische Woiwodschaft Schlesien dem Deutschen Reich einverleibt – und mit ihr, obwohl es nie zu Schlesien gehört hatte, das Zagłębie Dąbrowskie mitsamt Będzin. Beides bildete den neu geschaffenen Regierungsbezirk Kattowitz. Der Grund war der Industriebesitz: Kohle, Zink, Stahl.

Am 4. März 1941 wurde dort die Deutsche Volksliste eingeführt, die die Bevölkerung in vier Gruppen einteilte. Von der Einstufung hing ab, wer deutsche Staatsangehörigkeit erhielt – und wer eingezogen wurde. Bis 1945 wurden rund einhunderttausend polnische Staatsbürger, die zur Volksliste gezwungen worden waren, in die Wehrmacht eingezogen.7)

Das heißt: Ein Teil der Männer, die am 1. September 1939 mit Wiktor am Waldrand lagen und auf Ludwigs Krad zielten, trug wenige Jahre später dieselbe Uniform wie Ludwig.

Für Będzin gilt das nur eingeschränkt. Das Zagłębie sollte nach deutscher Planung nicht eingegliedert, sondern germanisiert werden, mit Vertreibung der Polen und Ermordung der Intelligenz. Und die Stadt, in die Wiktor zurückwollte, war nach dem 4. September 1939 nicht mehr die Stadt, die er verlassen hatte: An jenem Abend brannte die Synagoge, und mit ihr starben die Menschen, die sich in sie geflüchtet hatten. Von den rund 27.000 jüdischen Einwohnern – den Nachbarn, dem Markt, den Stimmen aus Wiktors Kindheit – überlebte fast niemand.

Er wusste davon nichts. Er lag am Waldrand und hoffte, an Weihnachten wieder am Tisch zu sitzen.

Das ist die Form, die dieses Leben hat: ein vollkommen vernünftiger Mensch, dessen sämtliche vernünftige Erwartungen an einem einzigen Vormittag ungültig wurden, ohne dass er es merkte.

Was wir nicht behaupten

Bei der betenden Frau bestand die Gefahr darin, zu viel hinzuzufügen. Von ihr ist ein wirklicher Augenblick überliefert, und jede erfundene Einzelheit hätte diesem Augenblick etwas weggenommen. Bei Wiktor ist es umgekehrt. Er ist vollständig erfunden – Name, Herkunft, Beruf, Frau, Kinder, die Leiter an der Scheune. Nichts davon steht in einer Quelle. Die Redlichkeit kann hier deshalb nicht darin liegen, sparsam zu sein. Sie kann nur darin liegen, offen zu sagen, was erfunden ist und was nicht.

Erfunden ist der Mensch.

Nicht erfunden sind: die Grenzüberschreitung bei Szymocice, der Vormarsch des Schützen-Regiments 14 auf Rybnik und Żory, der Wortlaut des polnischen Befehls, die preisgegebene Stadt, die ausgehobenen Gräben, der Schwur vom 30. August, die Kisten mit der Aufschrift „optisches Gerät“, in denen unbenutzte Panzerbüchsen lagen, die Flüchtlinge aus Rybnik auf der Straße nach Pszczyna und das Flugzeug über ihnen, die auf unbestimmte Zeit verschobene Eröffnung des Schuljahrs am 1. September8) – und die Rechnung, dass zwei Wochen zu halten seien, bis der Westen antritt.

Wiktor Kowalik hat nicht gelebt. Er hat keinen Nachfahren, kein Grab, keine Akte. Wer diese Seite liest, soll das an keiner Stelle vergessen können.

Was wir behaupten, ist etwas Schwächeres und, wie wir hoffen, Genaueres: dass ein Mann wie er an diesem Morgen an dieser Straße liegen konnte; dass die Umstände, unter denen er lag, nicht erfunden sind; und dass der Krieg, den Ludwigs Feldtagebuch von einer Seite erzählt, auf der anderen Seite ebenfalls jemanden hatte.

Ludwig hat ihn nicht gesehen. Wir haben ihn erfunden, damit man ihn sieht.

Noch nicht überprüft

Diese Seite und das Lied sind in Mainz entstanden, aus deutschen und polnischen Quellen, aber ohne Beteiligung von Menschen aus der Gegend, um die es geht. Nach der Arbeitsweise dieses Projekts fehlt damit der wichtigste Schritt: die Korrektur durch die, die es angeht.

Rybnik und Żory liegen auf der Reiseroute. Was dort an dieser Darstellung berichtigt wird, wird hier eingetragen.

1)
Zu Aufmarsch und Vormarsch der 5. Panzer-Division im Rybniker Abschnitt vgl. Jan Delowicz: Ziemia rybnicko-wodzisławska i jej mieszkańcy w wojnie obronnej 1939 r., Żory 2009, sowie die lokalen Darstellungen zur Septemberkampagne in Żory und Umgebung.
2)
Der Zensus von 1921 verzeichnete für Będzin 17.298 jüdische Einwohner, 62,1 Prozent der Stadtbevölkerung; bei Kriegsausbruch waren es 27.396, rund die Hälfte. Vgl. sztetl.org.pl, Będzin: Historia społeczności.
3)
Die polnische Aufklärung arbeitete zuverlässig: Ein Fernschreiben vom 1. September, 7:39 Uhr, hält fest, dass eigene Truppen im Vorfeld von Rybnik bereits um 3:14 Uhr in Berührung mit dreißig Panzern standen – anderthalb Stunden vor dem offiziellen Angriffsbeginn. Diese Uhrzeit ist die einzige, die im Lied genannt wird.
4)
Grzegorz Bębnik (IPN Katowice) im Gespräch mit der PAP: Niemiecka dywersja na Górnym Śląsku poniosła klęskę, dzieje.pl, 1. September 2013. Bębnik ist Verfasser von Wrzesień 1939 r. w Katowicach (Katowice 2012) und Sokoły kapitana Ebbinghausa (Katowice–Kraków 2014).
5)
Ebd. Bębnik bezieht diese Einschätzung ausdrücklich auf die 55. Reservedivision, die aus Verbänden der Nationalen Verteidigung gebildet wurde.
6)
B. Cimała / J. Delowicz / P. Porwoł: Żory. Zarys dziejów. Wypisy, Żory 1994; Delowicz, a.a.O.
7)
Terytoria Polski anektowane przez III Rzeszę; zur Volksliste vgl. IPN: Kwestia folkslisty na Górnym Śląsku, przystanekhistoria.pl; ferner Ryszard Kaczmarek: Górny Śląsk podczas II wojny światowej, Katowice 2006.
8)
Die allgemeine Mobilmachung war für den 30. August angekündigt, auf Intervention des französischen und britischen Botschafters zurückgenommen und erst am 31. August erneut ausgerufen worden; am 1. September war etwa zwei Drittel der polnischen Armee gefechtsbereit. In denselben Tagen wurde der Beginn des Schuljahrs auf unbestimmte Zeit verschoben.