Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


Seitenleiste

Übersetzungen dieser Seite:



Willkommen

Inhalte dieses Wikis:
Der Osten des Westens
Stefan Budian
Was ist ein "Schatzbild"?
Galerie
Reisebetrachtungen
Finanzierung
Administration


Weitere Wikis:
Worldmap-Wiki
hier: Nachbarschaft im Innenhof


Kontakt und Impressum:
Kontakt zu Stefan Budian
Impressum und Datenschutz


Zur Startansicht des Computerspiels „Worldmap“:

Worldmap Stefan Budian

text:nordirland_22

Zu den Reiseberichten

deutsch english

2022: Eine Reise nach Nordirland

( 11.- 17. September 2022)

1: am Gate in Frankfurt

(2022-09-11, Frankfurt Flughafen)

Frankfurt Airport

Ich bin wieder einmal am Gate des Flughafens Frankfurt, wieder einmal in der stillen Zeit, in der die gewohnte Umgebung meiner Heimat schon schwindet, aber das Fremde des Reiseziels noch nicht betreten ist. Wie den Besuch in Marseille 2018 empfinde ich eine Reise nach Nordirland als ein Komplettieren meiner Perspektive. Irland. So vertraut, irgendwie - doch ist seit meinem letzten Besuch viel Zeit vergangen, viele Ereignisse über uns hinweg gezogen. Auch jetzt sind wir in den Strudeln und Strömungen grosser Umbrüche.

In Nordirland war ich noch nie - plötzlich nun liegt dieser Teil der irischen Insel ausserhalb der EU. Ich bin gespannt darauf, zu hören, was das vor Ort bedeutet. Und ich bin gespannt darauf, von dort aus meinen Blick zurück auf den „Osten des Westens“ zu richten, dabei auch auf den Krieg in der Ukraine und auf das Schicksal dessen, was ich als die europäische Idee empfinde.

Ich will im Hinterkopf behalten, dass Nordirland von einem Teil der Bevölkerung als besetztes Gebiet gesehen wird. Gibt oder gab es Ähnlichkeiten zur heutigen russischen Strategie der Landnahmen? Gerade ist Queen Elisabeth II gestorben und Charles III wurde inthronisiert. Ich will auf dieses Empire schauen und dabei nachdenken über das andere, das von Putin (und dem russischen Volk?) herbei gewünschte.

2: Die Trennung

(2022-09-13, Derry, Hotel)

Derry

Ich hatte nicht erwartet, die Gesellschaft hier in Nordirland in einer so offensichtlichen und ausschließlichen Trennung vorzufinden. Schon - mit schwärenden Verletzungen, lebendigen Erinnerungen an den Hass und die Trauer, damit hatte ich gerechnet. Aber nicht mit getrennten Schulen, einer ausgesetzten Regierung und abgeriegelten Wohnvierteln.

In Waterfoot ganz im Norden der irischen Insel landete der englische König Henry 1171 mit einer Invasionsarmee an. Die Herrschaft der Engländer blieb aber lange nur oberflächlich, eigentlich nur auf die Gegend um Dublin bezogen. Bis zu Zeiten Elisabeths I die „Plantation“ beschlossen wurde, die großangelegte „Anpflanzung“ von Siedlern aus dem Königreich, mit ihrer Lebensweise. „Verdiente“ irische Familien, die diese Lebenweise übernahmen, durften am Katzentisch dieser Kolonialisierung Platz nehmen - die anderen waren weitgehend recht- und besitzlos.

Erwartung und Hoffnung der englischen Seite war, dass die irische Zivilisation nach und nach verlöschen würde. Das geschah aber bis heute nicht. Es gab historische Momente, in denen stattdessen eine Vermischung möglich schien, eine neue, vereinte irische Identität. 1798, im Zuge der bürgerlich liberalen Revolutionen, führte Theobald Wolfe Tone einen gemeinsamen Aufstand. Zu Beginn des 20sten Jahrhunderts gab es die Erwartung, dass es eine gemeinsame Republik Irland geben würde, unabhängig von England. Das wurde 1921 vollzogen, aber nicht komplett. Die Insel wurde politisch geteilt, und im heutigen Nordirland stehen sich die Erben der alten Getrenntheit ratlos und wütend im Gefühl einer gegenseitigen Belagerung gegenüber.

Die gemeinsame Mitgliedschaft Nordirlands (UK) und der Republik Irlands in der Europäischen Union war eine neue Chance auf Heilung. Aber diese Chance ist verspielt, das Belfast/Karfreitags-Abkommen (Waffenstillstand und eine Regierung, die ausschließlich gemeinsame Beschlüsse trifft) ist aktuell effektiv ausgesetzt. Denn die Demokratische Unionistische Partei („DUP“, Befürworter der Union mit dem Vereinigten Königreich) ist aus der Regierung ausgetreten. Solange, bis das „Nordirland-Protokoll“ zwischen der EU und UK, in dem sie eine Gefährdung ihrer Identität sehen, abgeschafft ist. Noch wird der Waffenstillstand aus dem Karfreitags-Abkommen immerhin gehalten, aber die Situation ist verfahren, die Kommunikation abgeschnitten, die Fronten verhärten sich wieder. Es ist ein Trauerspiel.

In Deutschland sind wir gewohnt, an einen Religionskonflikt in Irland zu glauben. Das ist nicht nur eine Vereinfachung, sondern ein Missverständnis. Es geht um die Konfrontation zwischen republikanischen Iren und unionistischen Anglo-Iren, die sich über die Jahrhunderte kaum versöhnt oder vermischt haben. Das Phänomen „Katholisch gegen Protestantisch“ ist nur eine der historischen Äußerlichkeiten und für sich genommen eigentlich unwichtig.

Ende der 1960er Jahre begannen Unruhen, friedliche Demonstrationen, die brutal niedergeschlagen wurden von einem Kolonialreich, das global große Erfahrungen hatte mit der Niederschlagung von Widerstand. So erzählen die irischen Republikaner die Geschichte. Ich nehme an, die Unionisten erzählen von den Terroranschlägen der radikalisierten Republikaner, auf die reagiert werden musste. In den Jahrzehnten bis zum Belfast-Abkommen wurden etwa 3500 Menschen ermordet. Von paramilitärischen Organisationen auf beiden Seiten, von der Polizei und von der britischen Armee. Es kam zu nie geahndetem Staatsterror von Seiten der Briten und zu Bombenanschlägen, Mord und Straßenschlachten von den Paramilitärs sowohl der Republikaner als auch der Unionisten.

Gerade ist das britische Parlament dabei, ein Gesetz zu beschließen, das die Weiterverfolgung der Untersuchungen des Staatsterrors verbietet. Weil die Untersuchungen so erfolgreich sind, so sagt uns hier eine Menschenrechtsorganisation.

Auch wirtschaftlich stagniert Nordirland. Im Süden, in der Republik, geht es viel besser. Durch einige Sonderregelungen haben viele nordirische Republikaner einen irischen Pass. Ich höre von der Hoffnung, dass die Vorteile, die der uneingeschränkte Zugang zur Republik Irland bietet, eine Anziehungskraft auf eine neue Generation aus dem unionistischen Lager ausüben wird.

3: Apartheit

(2022-09-14, Derry, Hotel)

Bogside Battle

Die Konflikte hier in Derry, oder Londonderry, wie der offizielle britische Name heißt, liegen nur ganz kurz unter der Oberfläche des alltäglichen Friedens. Zwei Gesellschaften existieren hier parallel. Ihre Mitglieder erkennen sich und gehen sich aus dem Weg. David (ich glaube, nicht sein wirklicher Name), den ich auf der Straße im protestantischen Wohnviertel treffe, will uns fremden Gästen seine Wahrheit erzählen. Fotografieren dürfen wir ihn aber nicht. Er sagt, die paramiltärischen Gruppen beider Seiten seien immer noch da, sie halten immer noch die Macht, und jeder und jede hier weiß, wie man sich zu benehmen hat in seinem/ihrem jeweiligen Viertel. Job, Kindergartenplatz, Schule usw., alles hängt daran. Man kann nicht neutral sein, sonst hat man gleich zwei Feinde und keine Freunde mehr. Wer hier leben will, muss sich arrangieren und die jeweilige Propaganda mitbeten, so unwahr sie auch sein sollte. Die Wahrheit sage hier in der Stadt niemand öffentlich, meint „David“.

Protestant

Am Morgen trafen wir zwei Aktivisten der IRA, Veteranen des Bürgerkrieges in den 70ziger Jahren. Sie erzählen von den Anfängen und der Straßenschlacht des „Bloody Sunday“ 1972, dem Mord an 14 friedlichen Demonstranten, die danach von der britischen Armee zu bewaffneten Angreifern zurecht gelogen wurden. Seit 2010 ist das amtlich, von britischen Gerichten und im britischen Parlament eingestandene Tatsache. Dieser Tag damals hat Tom und John radikalisiert. Tom sagt, davor war er Pazifist. Es gab viele Kämpfer wie sie beide und viele starben in der Folge. Im Kampf, hinterrücks erschossen oder im Gefängnis bei einem Hungerstreik. Und sie zahlten es mit gleicher Münze zurück. Was zu viel war, war zu viel. Sie würden es heute wieder tun. Und wenn ihre Kinder oder Enkel sich auch so entscheiden würden, wären sie traurig, würden sie aber nicht hindern. Es gab damals keine Hilfe, außer der eigenen. Kirche, Gerichte, Obrigkeit - alle ließen sie den Feind gewähren oder waren es selber. Nur „Wir Selbst“ war unser Freund, „Sinn Fein“. Jetzt ist vielleicht nicht einmal mehr diese Partei zuverlässig. Es sind gewöhnliche, eigennützige Politiker geworden. Und (in der Folge des Brexit) verschlechtern sich die Lebensverhätnisse wieder rapide, erreichen allmählich ein Niveau, das an die wirtschaftliche Verzweiflung der Nachkriegszeit Mitte des letzten Jahrhunderts erinnert.

Derrygirls

Vor Kurzem kam eine irisch-republikanische Familie aus einem Urlaub zurück. Polizisten hielten sie auf der Straße an, alles was sie bei sich hatten mussten sie dort ausbreiten. Während dessen brachen andere Polizisten durch die Tür ihres Hauses. Sie hätten auch den Schlüssel nehmen können. Eine Schule war in der Nähe, viele Kinder haben es mitbekommen. Tom sprach einen Polizisten darauf an. Der Polizist sagte: „Die alten Kämpfe sind so lange her, die Kinder wissen das nicht mehr.“ Und Tom: „Das müssen sie auch nicht, sie sehen es ja jetzt.“ Tom und John sind daran beteiligt, dass diese Geschichte nicht der Funke ist, der das Feuer wieder entzündet. Umsichtige, geachtete Veteranen. Aber es klingt, als wäre es nur ein Aufschub.

Derrychilds

Ich frage die beiden um Rat, wie ich meiner ukrainischen Freundin erklären kann, dass die britische Armee, für die Ukraine ein zuverlässiger Freund, hier der Feind war. In einem Freiheitskampf, der in vielem dem Freiheitskampf der Ukraine gegen Russland ähnelt. „Des einen Verbündeter, ist des andern Terrorist“, sagt Tom, und John nickt gedankenschwer.

Ich frage um Rat, weil ich beobachte, wie die Parteien im Ukrainekrieg sich gegenseitig dämonisieren und entmenschlichen. Nicht „Armee gegen Armee“, sondern „Volk gegen Volk“. Wie kommt man davon wieder weg? „Das haben wir nie getan“ sagt John. „Wir wurden dämonisiert und wie Tiere behandelt, aber wir haben immer nur gegen Uniformen gekämpft, nicht gegen Menschen.“

Es ist wieder einer dieser Momente, an denen ich mich innerlich zur Hoffnung aufrufen muss. Und ich weiß nicht, was ich der ukrainischen Freundin sagen soll.

4: Der Süden und das Pub

(2022-09-15, Derry, Hotel)

Donegal

Heute bemerkt man die Grenze zur Republik Irland nicht, wenn man sie als Reisender überquert. An den Tankstellen werden plötzlich Euro-Preise angezeigt. Es gibt keine England-Fahnen mehr, wie in den Straßen der Unionisten. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, es habe sich nicht viel geändert seit dem Brexit.

Es ist der Burgfrieden des Nordirland-Protokolls zwischen UK und EU, den die Demokratische Unionistische Partei (DUP) zuerst mitgetragen hat. Die Vorteile für Nordirland liegen auf der Hand: als einzige Region hat Nordirland freien Zugang zu beiden Binnenmärkten. Warum die DUP sich entschieden hat, nun mit radikalen politischen Methoden dagegen anzukämpfen, wird mir nicht ganz klar. Ich würde es gerne von einer Vertreter*in dieser Partei erklärt bekommen. Die DUP ist im Februar aus der Regierung ausgetreten, bis das Nordirland-Protokoll abgeschafft oder nachverhandelt wird. Es soll keine Grenze mehr geben zwischen Nordirland und dem Vereinigten Königreich UK, auch wenn diese Grenze nur in der Warenkontrolle des Güterverkehrs besteht. Die „Loyalists“, eine fundamentalistische Strömung innerhalb der Unionisten lehnen diese Distanzierung von Großbritannien ab, sehen dadurch ihre Identität als Teil des britischen Empire gefährdet. Und (so erklärt man uns) die DUP meint, es sich nicht leisten zu können, diese Rechten unter den Rechten zu verprellen. Deswegen haben sie die Verwaltung des Landes in einen Dornröschenschlaf gelegt.

Das Land wird zwar weiterhin verwaltet, aber nur mit schon gefällten Beschlüssen. Kein neues Problem kann angegangen werden, auf keine neue Situation kann reagiert werden. Denn das Karfreitags-Abkommen legt fest: die größte nationalistische Partei (derzeit Sinn Fein) und die größte unionistischen Partei (derzeit DUP) müssen alles gemeinsam unterzeichnen. Alles, jeden kleinsten Regierungsbeschluß. Und die DUP verweigert das seit einem halben Jahr komplett. Was, neben vielem anderen, dazu führt, dass 400 Millionen Pfund, die Nordirland für Hilfsmaßnahmen zur Linderung der Not der Bevölkerung zur Verfügung stehen, nicht ausgezahlt werden können.

Es erscheint mir so verrückt, dass ich vermute: es muss noch irgend einen Grund dafür geben. Irgendein Kalkül der DUP, das uns die vielen Republikaner, mit denen wir sprechen, nicht nahe bringen. Und noch einmal bedaure ich, dass wir keinen Vertreter dieser Partei treffen werden.

Derry Pub

Und dann am Abend: traditionelle Musik im irischen Pub in Derry. Es ist ein überbordender, freundlicher Lärm um die filigrane Musik herum. Ein Lachen und Schreien und Tanzen und ich denke, „das kann es nur in Irland geben!“ Diese großartige Geselligkeit, in der alle sich in den Armen liegen, und alle Unterschiede enden. So scheint es. Auch wenn die Lieder, die alle voll Inbrunst mitsingen, zum Teil Kriegslieder sind. Helden-Geschichten von Siegen und Niederlagen gegen den unionistischen Feind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in der friedlich feiernden Anarchie hier auch eine Unionist*in heimlich teilnimmt. Doch: wer weiß? Und ausserdem ist die Verführung wirklich zu groß, um noch weiter den Problemen nachzusinnen.

5: Friedensmauern und Sinn Fein

(2022-09-16, Belfast, Hotel)

Europahotel

Das Europahotel in Belfast ist das am meisten zerbombte in Irland. So hören wir mehrfach, wie etwas, auf das man stolz ist. Während der „Troubles“, (den Unruhen oder dem Bürgerkrieg zwischen 1960 und 1998) verwandelte sich die Stadt in eine von Mauern durchzogene Fleckenlandschaft abgetrennter Wohngebiete und Einflusssphären. Man führt Buch: in dieser Kneipe gab es so viele Mordopfer, in jener Straße so viele. Paramilitärs bekriegten sich, die Militär- und Polizeistationen wurden zu gegen Raketen gesicherten Festungen. Es sah aus, wie die Bilder von den Grenzen zwischen Israel und Palästina.

Friedensmauer

So sieht es noch immer aus. Die Mauern verschwinden nur langsam, wenn überhaupt. Aber sie sind alt inzwischen. Die Geschichten um sie herum sind alt. Zwar kommen immer wieder neue dazu, Geschichten von Aufruhr und Aufmärschen, aber es gibt schon länger keine Toten mehr in diesen Geschichten und kaum noch Bomben.

Die heutige Polizei ist nicht mehr Partei in den Auseinandersetzungen, sondern wird demokratisch kontrolliert. So sagen uns Pat und Sean von der Partei Sinn Fein. Beide sind Veteranen der IRA, Pat war 18 Jahre, im Gefängnis, 55 Tage davon im Hungerstreik, an dessen Ende er 40 Kilo wog, fast blind war, die Haut gelb wegen einer versagenden Leber. Heute ist er „Whip“ (parlamentarischer Geschäftsführer) der Sinn Fein Fraktion im nordirischen Parlament. Ein weiter Weg. Sean hat für die IRA 1998 die Übergabe der Waffen verhandelt, auch er war im Gefängnis und im Hungerstreik, aber das erfahren wir erst später. Heute arbeitet er Vollzeit für Sinn Fein und ist ehrenamtlich in dem Büro für soziale Stadtteil-Arbeit beschäftigt, in dem wir uns treffen.

Sind das die abgehobenen Politiker, denen die einfachen Anhänger der irischen Einheit nicht mehr vertrauen können? Ich habe den Eindruck nicht. Ich sehe zwei vernünftige und selbstbewusste Gestalter einer geeinten irischen Gesellschaft, an die sie glauben - und von der sie glauben, dass sie spätestens in 10 Jahren erreicht sein wird. Man müsse sich noch wappnen gegen die politischen Winkelzüge von Unionisten und britischer Regierung, sagen sie. Man müsse ein Volks-Referendum gut vorbereiten und nicht zu schnell machen, die Sache brauche noch Entwicklungszeit. Aber schon schwänden die Ängste der Unionisten vor der Vereinigung mit der Republik Irland und es steige der allgemeine Zuspruch. Die irische Einheit würde kommen, die Gewalt in Irland würde trotzdem nicht wieder aufflammen, so sagen die beiden. Sinn Fein, die schon jetzt als gemeinsame Partei für ganz Irland aufträte, würde bald zuerst beide Teile Irlands anführen und dann auch die Einheit. Ich möchte es glauben, erinnere aber wie ein warnendes Flüstern die Stimmen aus Derry. Tom, John und auch David. Ich sage mir, man muss vorsichtig sein bei Politikern. Sie können sehr überzeugend sein, unabhängig davon, ob ihre Darstellungen der Wirklichkeit entsprechen.

Aber vielleicht liegt die Wahrheit diesmal in der Mitte? Oder sie liegt auf mehreren Seiten, auch wenn sie sich widersprechen? So etwas gibt‘s.

6: Wer beschützt wen?

(2022-09-17, Belfast nach Heathrow)

Vernon ist Taxifahrer und fährt uns zum Treffen mit dem Policing-Board, dem Aufsichtsgremium der nordirischen Polizei, die nach den „Troubles“ tiefgreifend reformiert wurde. Loreena, die Frau dort für die Öffentlichkeitsarbeit erklärt uns eine transparente, für viele Länder der Welt inzwischen vorbildhafte Struktur von Polizeiarbeit. Nordirland will in die zerstrittenen Kommunen hinein und über sie hinweg Vertrauen in die Exekutive aufbauen. Traditionell waren die Polizisten Protestanten, also Unionisten. Auch heute noch ist es schwer, Republikaner für den Polizeidienst zu gewinnen (Heute: 30%). Dennoch fühlt sich die protestantische Community nicht mehr sicher mit ihrer Polizei, während die republikanische Seite der selben Polizei immer noch nicht so richtig traut. Vieles läuft zwar sehr gut, sagt Loreen, aber ein Fehler und dessen enormer Wiederhall in den sozialen Medien, mache schnell alles mühsam aufgebaute Vertrauen zunichte.

Die verschiedenen paramilitärischer Gruppen sind aus Sicht der Polizei kriminelle Vereinigungen Sie sind in alles involviert, was Geld bringt. „Drogenhandel“ und „Geldverleih“ hebt Loreen hervor. Manche der ungebildeten Jugendlichen aus den ärmeren Stadtteilen sind leicht zu beeindrucken mit den Statussymbolen des schnellen Geldes.

Das klang bei Tom, dem republikanischen IRA-Veteran am Anfang der Reise, ganz anders. Für ihn sorgen „wir“ für Ordnung und wenn ein Jugendlicher auf die schiefe Bahn gerät, hat er erst einmal mit „uns“ zu tun.

Free Derry

Auch Vernon hat nicht viel übrig für die Polizei. Ihre Aufgabe wäre, Recht und Ordnung durchzusetzen, stattdessen verhalten sie sich wie Sozialarbeiter. Vernon fühlt sich nicht (mehr) beschützt. Er trauert gerade um die verstorbene Queen. Im Radio seines Taxis läuft ein Bericht: die unionistische Gemeinde in Nordirland fragt sich, ob man nach dem Tod der Queen einfach so mit dem Leben, wie man es vorher geführt hat weiter machen kann.

Queen

Ein katholischer Taxifahrer in Derry hatte zum Tod der Queen gesagt: „wen interessiert’s?“

Im Gespräch mit Vernon fühle ich, wie ich das Nordirland unserer Reisegruppe und Gesprächspartner*innen verlasse und ein ganz anderes Nordirland betrete. Man sieht sich hier, ohne jeden Zweifel, als einen Landesteil des Vereinigten Königreiches. Hier sind Engländer*innen zu Hause! Kürzlich kam einer dieser „Engländer“ zurück von einem Besuch in London und durfte am Flughafen keine Dutyfree-Einkäufe machen. Die andern englischen Leute durften, er aber nicht, wegen des Nordirland-Protokolls. Das sei nur eines der vielen, unter den Unionisten vieldiskutierten Beispiele für die übergriffigen Konsequenzen dieses Protokolls. Vernon steht voll hinter der Entscheidung der DUP, die Regierungsarbeit solange zu boykottieren, bis das Protokoll weg ist. One way or the other.

Shankillroad

Vernon erscheint mir nicht wie ein Hitzkopf. Ich denke, in ihm begegnet mir die andere Hälfte der nordirischen Wirklichkeit. Er ist erstaunt, als ich ihm sage, wir hätten auf unserer Reise hauptsächlich Republikaner getroffen. Ich denke, er bedauert, das wir das eigentliche Nordirland damit gar nicht haben kennen lernen können. Ich sage, man müsse beide Seiten kennen lernen, um sich als Fremder ein Bild machen zu können und Vernon stimmt mir freimütig zu. Ich habe nicht die Zeit ihn danach zu fragen, aber ich glaube, Vernon würde ihn für ein absurdes Missverständnis halten: den Eindruck einer kurz bevorstehenden gesamt-irischen Vereinigung, der sich in unserer Reisegruppe breit gemacht hat. Schon das Nordirlandprotokoll gibt Vernon ein Gefühl, als käme er zu der Tür seines eigenen Hauses, fände das Schloß ausgewechselt und man sage ihm, er müsse ab jetzt klingeln. Das ist für ihn keinesfalls hinnehmbar.

Ich meine, dass ich jetzt besser verstehe: die Erben der Plantation (Unionisten) wollen keine Trennung von England, die Iren (Republikaner) wollen keine Trennung von der Republik Irland. Alles „irische“ interessiert die Unionisten nicht - und alles „britische“ nicht die Republikaner. Nicht im geringsten, und auch keine angeblichen oder wirklichen Vorteile. In der EU hatten beide das Wichtigste von dem, was sie wollen. Keine Grenze zu England und keine zu Irland.

Eine über Jahrhunderte schwärende Wunde war dabei, ansatzweise zu heilen. Der Schaden durch den Brexit ist in Nordirland ökonomisch hoch, aber für die Entwicklung einer versöhnten Gesellschaft, ist der Brexit eine Verheerung.

7: Der Osten des Westens

(2022-09-17, Heathrow nach Frankfurt)

Nun will ich zu meinen Ausgangsfragen zurück kehren und zum Osten des Westens.

Shankillroad

2018 in Marseille habe ich gesehen, wie die Idee einer europäischen Vereinigung sich von einer mitreißenden Vision hin zu einer der Randbedingungen des alltäglichen Lebens entwickelt hatte. Eine Eigenschaft der Wirklichkeit, die jeder und jede nach seinen und ihren Interessen versucht, für sich auszunutzen. Auch dann, wenn man dabei vielleicht persönlich alten Schwärmereien nachtrauert.

In Nordirland hat der europäische Gedanke noch Lebenskraft. Die EU erlaubt und unterstützt ihre Minderheiten, vor allem auch die indigenen Einwohner mit ihren Sprachen, Kulturen und ihren Wünschen nach Selbstorganisation. Für Nordirland war die EU eine große Chance, die durch den in Nordirland ungewollten Brexit entzogen wurde.

Ich denke, dass Nordirland in gewisser Weise zu dem gehört, was ich mit „Osten des Westens“ meine: die europäischen Werte (vor allen Dingen das Prinzip der „Subsidiarität“, der „Herrschaft von Unten“) ist hier Vision und Verheißung. Freiheit von Unterdrückung. Die Hoffnung auf eine Art zu leben, nach der man sich sehnt und nach der man strebt, auch unter Einsatz des eigenen Lebens.

Der „Westen des Westens“ (um diesen Begriff als einen Gegensatz hier einzuführen), also viele der Menschen in den Ländern, die die westliche Freiheit von Unterdrückung schon länger genießen, hat sich daran gewöhnt und sieht „Freiheit“ als Selbstverständlichkeit an. Wie Agnieska in Polen ernüchtert sagte: „ihr riskiert dafür nichts mehr.“ Und deswegen ist sie dabei, den Respekt vor uns zu verlieren.

Der Osten des Westens erinnert den Westen des Westens dieser Tage an den Wert der Freiheit. Lassen wir uns davon aufrütteln und mitreißen!


Zurück zu den „Reiseberichten

text/nordirland_22.txt · Zuletzt geändert: 2023/10/23 12:18 von admin