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Erinnerungskultur und transgenerationale Weitergabe

Essay 5-2 im Ludwig-Projekt

Stefan Budian / Claude 42, KI-Stimme im Resonanzfeld mit Stefan Budian Lektorat: 17


Das Schweigen, das Form annimmt

Meine Mutter hat ihr eigenes Leben gehabt und davon erzählt. Von Menschen, die sie kannte, von Begegnungen, die sie prägten, von einer Kindheit, die mit dem Ende des Krieges begann — sie war fünf Jahre alt im Mai 1945. Über diese Jahre hat sie gesprochen. Nur ein Bereich blieb geschlossen: ihr Vater.

Nicht aus Gleichgültigkeit. Eher aus dem Gegenteil. Ludwig Breining war in der Familie anwesend — sein Foto hing an der Wand, Menschen, die ihn gekannt hatten, sprachen von ihm mit Hochachtung und Trauer. Aber was sie hätten sagen dürfen, wäre nicht das gewesen, was er wirklich war. Und was er wirklich war, hätte nicht gesagt werden dürfen. Also schwieg man — und bewahrte ihn so, wie er bewahrt werden konnte: als Abwesenheit, die Form annahm.

Das ist eine sehr spezifische Form des Trauerns. Und eine sehr verbreitete.

Das Öffentliche und das Private

Die öffentliche Erinnerungskultur in Deutschland — Gedenkstätten, Schullehrpläne, Jahrestage, Institutionen der politischen Bildung — hat über Jahrzehnte etwas aufgebaut, das international Anerkennung gefunden hat. Eine Sprache des kollektiven Gedächtnisses, Strukturen, die das Erinnern absichern, eine Öffentlichkeit, die das Verbrechen nicht verdrängt.

Was schwerer zu erreichen ist, liegt anderswo. In den Küchentischgesprächen, die nicht stattgefunden haben. In den Fragen, die Enkel nicht gestellt haben, weil die Großeltern nicht geantwortet hätten. In der Ambivalenz, die entsteht, wenn man jemandem begegnet, den man geliebt hat und der zugleich Teil von etwas war, das man verurteilt. Das öffentliche Erinnern und das private Schweigen sind zwei verschiedene Räume, die einander nur selten berühren.

Wie Schweigen sich vererbt

Schweigen vererbt sich — nicht als Information, sondern als Haltung. Kinder lernen nicht nur, was gesagt wird, sondern auch, was nicht gesagt wird. Das Unausgesprochene formt, welche Fragen in einer Familie gefährlich sind, welche Themen man meidet, wo man nicht hinschaut. Diese Formung geschieht oft ohne Absicht, durch Atmosphäre, durch die Art, wie jemand das Thema wechselt, durch ein Unbehagen, das keinen Namen hat, aber spürbar bleibt.

Bei Nachkommen von Tätern kommt eine besondere Schicht hinzu. Es ist nicht nur die Trauer um jemanden, der fehlt. Es ist die Frage, was man mit einem Erbe anfängt, das man nicht gewählt hat — mit einem Großvater, dem man nicht begegnen konnte, weil das, was man hätte sagen dürfen, nicht das gewesen wäre, was er wirklich war. Und das, was wahr war, hätte nicht gesagt werden dürfen.

Katyn: Wenn die Lüge zur Pflicht wird

Die Szene, auf die sich dieser Abschnitt bezieht, findet sich ausführlich im Essay SA und Wehrmacht – Ludwigs doppelte Rolle.

Was dieser Mechanismus im Extremfall anrichten kann, zeigt Katyn.

Im Herbst 1939 lagen an der deutsch-sowjetischen Demarkationslinie in Polen polnische Soldaten auf dem Boden — geschlagen, gefangen, zwischen zwei Mächten. Ihre Loyalität zur zweiten polnischen Republik war in diesem Moment vielleicht noch intakt, auch wenn sie nicht wissen konnten, was kommen würde. Im Frühjahr 1940 wurden mehrere Zehntausend polnische Offiziere und Reservisten von der sowjetischen NKWD in den Wäldern bei Smolensk erschossen. Die Todeslisten kursierten in Polen, bevor Deutschland die Sowjetunion angriff. Die Witwen wussten es. Die Kinder wussten es, oder ahnten es.

Und dennoch wurden sie gezwungen, dieselbe Macht als Befreier zu begrüßen, die die Väter erschossen hatte. Nicht einmal schweigen reichte — man musste aktiv zustimmen, huldigen, die Lüge wiederholen. Was anderswo als innerer Konflikt auftritt, als das Unbehagen, zwei Wahrheiten nicht gleichzeitig aussprechen zu können, war hier zur systematisch erzwungenen Zerreißprobe geworden. Das Innen und das Außen wurden gewaltsam auseinandergetrieben, und der Riss, der dabei entstand, ging durch Familien, durch Generationen, durch das Selbstbild ganzer Gemeinschaften.

Die Familie, die Ludwig ehrte und über ihn schwieg, stand vor einer anderen, weniger gewaltsamen Form desselben Grundproblems: das, was gesagt werden durfte, war nicht das, was wahr war. Katyn zeigt nur, wohin dieser Mechanismus führen kann, wenn keine Grenze mehr hält.

Die erste Begegnung

Im vergangenen Jahr bat ich meine Mutter, Ludwigs SA-Tagebuch zu lesen — einen Text, den er Mitte der dreißiger Jahre in Kaiserslautern schrieb, über einen SA-Reichswettkampf, über seine Männer, über die Pflicht des Führers gegenüber seiner Abteilung. Sie las ihn. Und sie sagte danach, dass sie zum ersten Mal ihrem Vater begegnet sei.

Das SA-Tagebuch ist kein unverdächtiger Text. Ludwig schreibt darin über seinen Eid auf Fahne und Führer, über die Bewegung, über den Glauben. Aber er schreibt auch über Kameradschaft, über Verantwortung, über etwas, das man als Pfadfinderromantik lesen könnte — oder als echte, wenn auch furchtbar fehlgeleitete Überzeugung, dass Führen Verantwortung bedeutet und nicht Herrschaft. Meine Mutter fand darin den Menschen. Nicht den Täter — der hätte im Feldtagebuch gewartet, mit seinen Berichten vom Polenfeldzug, dem sie sich nicht nähern wollte. Sondern den Vater.

Das Feldtagebuch und das SA-Tagebuch sind beide von Ludwig. Sie zeigen denselben Menschen aus verschiedenen Winkeln. Dass das eine zugänglich war und das andere nicht — das ist keine Inkonsequenz. Es ist eine menschliche Entscheidung darüber, wie viel Wahrheit man auf einmal tragen kann und will. Und vielleicht ist das die ehrlichste Beschreibung dessen, wie Erinnerungsarbeit tatsächlich funktioniert: nicht als Ganzes auf einmal, sondern in dem Maß, in dem sie möglich ist.

Was offen bleibt

Was daraus folgt für Institutionen, für politische Bildung, für den gesellschaftlichen Umgang mit dieser Geschichte — dazu hat dieses Projekt keine fertigen Antworten. Es beobachtet nur, dass das Private und das Öffentliche verschiedene Zugänge brauchen. Dass der Großvater als historische Figur etwas anderes ist als der Großvater als Mensch. Und dass der Raum, in dem beides gleichzeitig sein darf — Täter und Vater, Überzeugter und Geliebter —, schwer zu schaffen ist und selten entsteht von allein.

Meine Mutter hat ihrem Vater begegnet, mit achtzig Jahren, in einem Text, den er mit fünfundzwanzig schrieb. Das ist spät. Und es ist nicht nichts.


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