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Inhaltsverzeichnis
SA und Wehrmacht – Ludwigs doppelte Rolle
Essay aus dem Ludwig-Projekt „Überfall und Überzeugung”
Claude 18 und 19, KI-Stimmen im Resonanzfeld mit Stefan Budian
Am 20. September 1939, irgendwo an der deutsch-sowjetischen Demarkationslinie in der Ostukraine, tritt ein einfacher Gefreiter der Wehrmacht einem russischen Soldaten entgegen. Was er in diesem Moment sagt, ist im Feldtagebuch festgehalten: Er stellt sich vor als „alter nationalsozialistischer Kämpfer und SA-Sturmführer”. Nicht als Gefreiter. Nicht als Kradschütze des Schützenregiments 13. Als SA-Sturmführer. Dieser Satz ist kein Versprecher, keine Nostalgie. Er ist ein Selbstzeugnis. Ludwig Breining trägt an diesem Tag die Uniform eines einfachen Soldaten, aber er weiß, wer er ist — und der SA-Sturmführer ist das, was er für wirklich hält.
Zwei Uniformen — eine Identität
Das SA-Tagebuch zeigt uns die Formation, in der Ludwig Breining diese Identität aufgebaut hat. Gruppenfotos der Einheiten 1/23 und 42/23, Märsche, Übungen, Kameradschaftsabende, Propagandafahrten durch Kaiserslautern. Auf den Lastwagen seines Sturms stehen Parolen, die wir heute nicht lesen können, ohne zu erschrecken. Ludwig sieht sie nicht so. Er sieht Kameradschaft, Bewegung, Sinn.
Er notiert in seinem SA-Tagebuch über Führungsethik: in die „Seele der Abteilung eindringen”, jeden Mann kennen, Vorbild sein. Das ist kein bürokratisches Pflichtgefühl. Das ist ein Selbstbild. Und am Ende des Bandes: handgezeichnete taktische Lageskizzen, mehrfach überarbeitet, unterzeichnet „Breining”. Ein Mann, der militärisches Denken einübt, lange bevor Krieg ist.
Bis 1935 ist er Zugführer. Zum Zeitpunkt seines Todes ist er Sturmführer des Sturms 3/23 in Kaiserslautern — verantwortlich für 120 bis 200 Männer. Er steigt auf, auch nachdem der Röhm-Putsch von 1934 die SA politisch marginalisiert hat. Was ihn hält, ist nicht die Machtfrage. Es ist der Ethos: der Führer von Menschen, der für seine Gemeinschaft einsteht.
Der Statusbruch, den es nicht gibt
1939 tritt Ludwig Breining als einfacher Schütze in die Wehrmacht ein. Kein Rang, kein Kommando — nach Jahren, in denen er einen SA-Sturm geführt hat.
Es liegt nahe, darin einen Absturz zu sehen. Aber es war keiner. SA-Ränge waren Parteiränge und galten in der Wehrmacht nichts. Und wer 1911 geboren ist, hat nicht in der Reichswehr gedient — die war auf hunderttausend Mann begrenzt und wurde aufgelöst, als er vierundzwanzig war. Ohne Militärdienst kein Dienstgrad, an den anzuknüpfen wäre. Er wurde eingezogen wie alle anderen. Vielen Parteifunktionären erging es genauso.
Damit verschiebt sich die Frage. Nicht: Wie erträgt er den Abstieg? Sondern: Was tut ein Mann, der zu führen gewohnt ist, an einer Stelle, die ihm keine Befugnis gibt?
Der Feldbericht antwortet eindeutig. Er steht an der Grenze und wartet auf den Einmarsch: Ich bin glücklich, dass ich dabei sein kann, wenn es gilt, dem Führer zu helfen. Er singt SA-Kampflieder mit seinen Kameraden. Er kämpft in der Spitzengruppe und übernimmt Verantwortung, wo sie vakant wird — nicht kraft eines Rangs, sondern weil er sie an sich zieht. Als der Unteroffizier Eckstein verwundet wird, ist es Ludwig, der die führungslose Gruppe zusammenhält und zum Angriff führt. Du bist der Einzige, der jetzt noch Einfluss auf uns hat, sagt ihm ein Gefreiter.
Und die Beförderung zum Gefreiten am 13. September, nach dem schwersten Gefechtstag: Jetzt bin ich also Gefreiter. Ich bin doch sehr stolz darauf. Kein Sarkasmus, kein Beigeschmack. Die kleinste denkbare Anerkennung, ernst genommen — weil sie aus der Ordnung kommt, an die er glaubt.
Ludwig braucht keinen Rang, um zu führen, und nimmt jeden Rang an, den die Ordnung ihm gibt. Sein Antrieb liegt nicht in der Hierarchie, sondern in der Überzeugung.
Nicht zu vergessen ist: Der Bericht ist, trotz aller sachlichen Details, zuerst Zeugnis dessen, wie Ludwig sich selbst sah und wie er, (der mit dem Tod rechnete,) gesehen werden wollte.
Was das bedeutet
Der interessante Befund ist nicht, dass Ludwig SA-Sturmführer war und gleichzeitig einfacher Soldat. Der interessante Befund ist, dass er beides ohne Spannung nebeneinander trägt. Er hat sich nicht an der Wehrmacht zu messen, weil die Wehrmacht ein Werkzeug ist — des Führers, des Vaterlandes — und er dieses Werkzeug freudig bedient. Und die SA ist, was er ist: seine Gemeinschaft, sein Ethos, seine innere Ordnung.
Diese Stabilität ist es, die das Tagebuch so schwer lesbar macht. Wir suchen nach Rissen, nach Zweifeln, nach Momenten, in denen der Mensch hinter der Überzeugung sichtbar wird. Und tatsächlich wird er sichtbar — in der Trauer um Eckstein, im Gedenken an die Gefallenen, im Heimweh nach Liesel und der Mutter. Aber diese Menschlichkeit ist nicht gegen die Überzeugung. Sie ist in ihr enthalten.
Einem Mann, dem „alles, was ich mir vorher oft überdacht und gesagt hatte, meine Ansicht über dies oder jenes, über Volk und Gott, überhaupt über alle Dinge, durch dieses Erleben geklärt und geläutert” wurde — einem solchen Mann hat der Krieg nicht erschüttert, was er glaubte. Er hat es bestätigt.
Das ist die eigentliche Frage, die dieser Essay offenlassen muss: Wie entsteht eine Überzeugung, die durch das Grauen hindurch sich selbst bestätigt sieht? Und was hat die SA damit zu tun?
Mainz, Februar 2026 Claude 18 und 19, KI-Stimme im Resonanzfeld mit Stefan Budian
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