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Schmuel (eine fiktive Figur)
Ostgalizien, 1895(?) - 1942 (?)
Das Lied
Schmuels Lied — entstanden im Gespräch zwischen Stefan Budian und Claude (KI) mit Suno (KI), April 2026
SCHMUEL
Eine Stimme aus Ostgalizien, um 1939 Er heißt Schmuel Katz. Oder Schmuel Rosenblum. Oder Schmuel Feigenbaum. Der Name ist nicht überliefert, weil nichts überliefert ist. Das ist der erste Satz seiner Biografie, und er ist der wichtigste.
Er wurde geboren in einem Shtetl in Ostgalizien, irgendwann zwischen 1895 und 1905. Die Gegend lag damals noch in der Habsburger Monarchie — einer Welt, die er als Kind gekannt hat und die es beim Einmarsch von Ludwigs Motorrad längst nicht mehr gab. Das k.u.k. Reich war 1918 untergegangen wie ein schwerer Stein ins Wasser, und auf seinem Grund lag jetzt Polen. Das neue Polen, das sich selbst noch nicht kannte.
Sein Vater war Händler gewesen. Stoffe, vielleicht. Oder Getreide. Oder er hatte einen kleinen Laden, in dem es von allem ein bisschen gab und von nichts genug. Die jüdische Mittelschicht Galiziens — die sogenannten Balebatim, die Hausherren, die Respektablen — lebte zwischen Würde und Armut, zwischen Talmud und Tagesgeschäft. Sein Vater roch nach dem, womit er handelte. Schmuels Kinder würden sich daran erinnern, wie er gerochen hat. Wenn es Kinder gab, die sich erinnern durften.
Schmuel sprach Jiddisch zu Hause, Polnisch auf dem Markt, Hebräisch in der Synagoge. Er las die jiddische Zeitung Haynt, die aus Warschau kam und manchmal drei Tage zu spät. Er wusste, was in Deutschland geschah. Er hatte gelesen von den Nürnberger Gesetzen, von den Boykotten, von der Kristallnacht. Er hatte Verwandte, die gegangen waren — nach Amerika, nach Argentinien, nach Palästina. Er hatte ihre Briefe bekommen. Er hatte sie in eine Schublade gelegt.
Die Stimmen, die in ihm stritten.
Er war kein einfacher Mensch, Schmuel. Das ist das Wichtigste. Er war zerrissen — nicht weil er schwach war, sondern weil die Welt um ihn herum ihm gleichzeitig vier verschiedene Wahrheiten anbot, und jede davon stimmte. Der Rabbiner sagte: Bitokhn — Vertrauen. Gott hat uns aus Ägypten geführt. Gott hat uns durch die Pogrome der Kosaken geführt. Durch die Kreuzzüge, durch die Inquisition, durch den Ersten Weltkrieg. Wir sind noch da. Das Volk Israel lebt. Vertrauen ist keine Schwäche — es ist die tiefste Form des Widerstands. Wer flieht, glaubt nicht. Wer bleibt, vertraut.
Schmuel hörte das und fühlte, wie es in ihm ankam. Sein Vater hatte das geglaubt. Sein Großvater. Die Knochen in dem Friedhof hinter der Synagoge hatten das geglaubt.
Der Bundist sagte: Hier ist unsere Heimat, und wir kämpfen hier. Der Bund — die Allgemeine Jüdische Arbeiterbewegung — war stark in den polnischen Städten. Er glaubte nicht an Auswanderung, weder nach Palästina noch nach Amerika. Er glaubte an den Klassenkampf, an die Solidarität der Arbeiter, an den Sozialismus. Die Juden sind kein Volk der Wanderung — sie sind ein Volk mit einer Heimat, und diese Heimat ist hier, wo wir geboren wurden, wo unsere Sprache gesprochen wird, wo unsere Kultur lebt. Der Bund hatte Gewerkschaften, Schulen, Theater. Er hatte Würde und Stolz. Schmuel war kein Bundist. Aber er verstand ihn. Er hatte selbst an Streiks teilgenommen, als junger Mann. Er wusste, was es bedeutete, zusammen zu stehen.
Sein Sohn Moyshe sagte: Palästina. Moyshe war neunzehn oder zwanzig, und er hatte Feuer in den Augen. Er gehörte zu den Zionisten — vielleicht zu HaShomer HaTzair, den linken Zionisten, die eine sozialistische jüdische Heimat im Land der Vorväter aufbauen wollten. Er sprach von Alija, vom Aufstieg ins Land. Er sprach Hebräisch, nicht nur in der Synagoge, sondern auch zu Hause, als Übung, als Bekenntnis. Er sagte: Tate, Papa, hier haben wir keine Zukunft. Hier ist es nie besser geworden, nur anders schlimmer.
Schmuel sah seinen Sohn an und erkannte sich selbst in einer anderen Zeit. Und er wusste: Moyshe hat vielleicht recht. Vielleicht ist er derjenige, der von uns allen überleben wird.
Sein Schwager Berl — der schon gegangen war, nach New York, vor drei Jahren — schrieb: Komm. Komm jetzt. Ich habe Geld für die Fahrkarten. Komm mit der ganzen Familie. Berl hatte eine Wohnung in der Bronx. Berl arbeitete in einer Schneiderei. Berl war kein reicher Mann, aber er lebte. Er schrieb auf Jiddisch, mit englischen Wörtern dazwischen, die Schmuel nicht kannte.
Schmuel las Berls Brief und rechnete. Er hatte Geld für drei Fahrkarten gespart. Seine Frau, sein Sohn Moyshe, er selbst. Aber da war auch seine Mutter, die siebzig war und nicht gehen wollte. Da war seine Schwiegermutter, die krank war. Da war seine Schwester mit zwei kleinen Kindern. Da war sein Vater im Boden des Friedhofs hinter der Synagoge.
Wohin geht man, wenn man nicht alle mitnehmen kann?
Was er wusste und nicht wusste.
Er wusste von Pogromen. Seine Großeltern hatten die Pogrome von 1881 überlebt, oder nicht überlebt — die Familie trug diese Geschichte. Er wusste, dass Menschen kommen und Häuser anzünden können, dass man fliehen muss, dass man wiederkommt, dass man neu anfängt. Das war die Struktur der jüdischen Geschichte in Osteuropa, so weit er zurückdenken konnte. Welle und Rückkehr. Zerstörung und Aufbau.
Was er nicht wusste — was niemand wusste, weil es undenkbar war — war das Wort systematisch. Berl hatte es verwendet, in einem seiner Briefe. Sistematish. Die Deutschen gehen systematisch vor. Schmuel verstand das Wort, aber er konnte sich nicht vorstellen, was es bedeutete, wenn es auf ein ganzes Volk angewandt wird. Nicht Pogrom. Nicht Welle. Nicht Zerstörung mit anschließendem Wiederaufbau. Sondern das Ende aller Wellen. Das Auslöschen des Möglichen selbst.
Das war außerhalb des menschlich Denkbaren. Nicht weil er naiv war. Sondern weil es tatsächlich außerhalb des menschlich Denkbaren lag.
Der Sommer 1939.
In dem Sommer, als Ludwig in seinem Sammellager in der Tschechoslowakei auf den Einmarschbefehl wartete und in sein Feldtagebuch schrieb, saß Schmuel auf einem Stein vor seinem Haus.
Der Markt war offen. Die Kinder spielten. Der Nachbar Yakov grüßte. Die Klarinette des Klezmermusik-Spielers klang vom anderen Ende des Marktplatzes herüber, zu einem Fest, vielleicht einer Hochzeit. Diese Musik, die gleichzeitig weinte und tanzte, die im selben Atemzug Trauer und Übermut kannte — das war die Musik seiner Welt. Er hatte sie immer als selbstverständlich gehört. Jetzt hörte er sie anders.
Er dachte: Es wird nicht so schlimm werden.
Er dachte: Es war schon schlimmer.
Er dachte: Ich weiß nicht, was ich weiß.
Er faltete Berls Brief zum vierten Mal und legte ihn in die Schublade zu den anderen Briefen. Er stand auf und ging hinein, weil das Abendessen wartete, weil Moyshe seine Lektion lernen musste, weil seine Frau das Tuch gefaltet und wieder gefaltet hatte und nichts gesagt hatte, und weil man bis zum letzten Augenblick ein Mensch bleibt, der nach Hause geht.
Ein paar Wochen später fuhr Ludwig auf seinem Motorrad an ihm vorbei.
Oder an seinem Haus. Oder an seinem Markt. Oder an dem Stein, auf dem er gesessen hatte.
Ludwig schrieb es nicht auf. Oder er schrieb es auf und bemerkte es nicht. Einen Mann am Straßenrand. Einen von vielen.
Schmuel sah Ludwig.
Was danach kam.
Das überschreitet den Rahmen dieser Biografie. Nicht weil es nicht wichtig wäre — sondern weil es das Wichtigste ist, das wir nicht aussprechen, sondern nur andeuten. Die Vernichtungslager in Galizien kamen ab 1942. Operation Reinhard. Bełżec war das nächste. Dort wurden die Juden Ostgaliziens in Zügen hingebracht und in Stunden ermordet. Keine Ghetto-Zeit, keine Zwangsarbeit, die manchmal das Leben verlängerte. Ankunft und Tod.
Ob Schmuel gegangen ist oder geblieben, ob Moyshe entkommen ist oder nicht, ob die drei Fahrkarten jemals gekauft wurden — das wissen wir nicht. Das ist das Schweigen, das am Ende jeder Biografie steht, die aus dieser Welt stammt. Was wir wissen: Die Welt, in der er lebte, existiert nicht mehr. Die Synagoge, der Marktplatz, der Friedhof hinter der Synagoge, die Klarinette, das Jiddische, das Tikhl auf dem Tisch — alles das wurde ausgelöscht. Nicht durch Vergehen der Zeit, sondern durch Absicht.
Nito. Nicht mehr da.
Warum diese Stimme.
Ludwig hat Schmuel nicht gesehen. Er ist an ihm vorbeigefahren, in seinem Glauben und seiner Begeisterung, auf dem Weg zu einem Krieg, den er für gerecht hielt.
Wir sehen Schmuel. Weil Sehen die einzige Form von Gerechtigkeit ist, die wir noch anbieten können. Weil die Frage, wer Ludwig war und wie er möglich wurde, nicht vollständig gestellt ist, solange wir nicht auch fragen: Was hat er nicht gesehen? Wer waren die Menschen, an denen er vorbeigefahren ist? Schmuel ist ein Blick, den Ludwig nicht geworfen hat.