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Inhaltsverzeichnis
Ludwig - und „Der Osten des Westens“
Zwei Bewegungen
Ein Essay über den Bezug der beiden Projekte
Der Osten des Westens fragt: Wohin geht Europa?
Das Ludwig-Projekt fragt: Woher kommt es?
Das klingt nach zwei Hälften einer Geschichte. Aber sie sind nur zwei verschiedene Bewegungen im selben Feld.
Der Osten des Westens
Der Osten des Westens begann mit einer Erschütterung. Ich bin aufgewachsen in einem Europa, von dem ich im Grunde dachte, es sei ein Ort wie jeder andere auf der Welt, etwas entwickelter vielleicht. Etwas mehr dort, wo andere Gesellschaften sich mit der Zeit noch hin entwickeln würden. Ich fand es normal anzunehmen, dass der Staat auf der Seite der Bürger steht. Dass die Polizei schützt. Dass Korruption die Ausnahme ist und nicht die Regel. Dass ein Mensch in seiner Besonderheit Raum hat, ohne sich unterordnen zu müssen. Ich hatte das nie im besonderen verteidigen zu müssen geglaubt, weil ich es nie verlieren zu können glaubte. Das habe ich so nicht gedacht, ich war ja innen, vermutlich hätte ich meine eigene Naivität bestritten damals. Dann begann es zu bröckeln – nicht durch einen einzigen Einbruch, sondern durch das langsame Erkennen, dass diese Selbstverständlichkeit eine Ausnahme in der Welt ist, keine Norm.
Nach 2016 begann ich zu reisen, in Länder, die ich früher „Osteuropa“ genannt hatte, die aber geographisch die Mitte Europas sind. Und dort traf ich die Sehnsucht nach dem, was ich für so selbstverständlich gehalten hatte: eine Sehnen nach „Freiheit“ nicht als Anarchie, sondern als einem Zustand, in dem der eigene Staat den Willen und die Kraft hat, den Einzelnen zu schützen – gegen Überformung, gegen Willkür, gegen die Macht derer, die ihre Interessen mit Gewalt oder Betrug durchsetzen wollen.
Diese Sehnsucht war begleitet von Enttäuschung. Weil das Versprechen Europas für viele Menschen im Osten des Westens nicht eingelöst wurde – oder eingelöst wurde auf eine Weise, die wie eine neue Oligarchie aussah, nur mit anderem Gesicht. Man hatte lange gewartet und gehofft nach 1990 un dem Beginn der neuen Zeit damals. Dann kam mit der Ernüchterung der Rückzug in das Eigene: die eigene Sprache, das eigene Volk, die eigene Geschichte.
Das ist das Feld, das ich mit „Der Osten des Westens“ bereise. Mit dem Wandelbild, das nicht Antworten geben, sondern Begegnung ermöglichen will.
Ludwig, Überfall und Überzeugung
Das Ludwig-Projekt beginnt an einem anderen Ort.
Stefans Großvater Ludwig Breining, geboren 1911, gestorben 1940, SA-Sturmführer, Maler, Lehrer, Soldat. Ein Mensch, der in seinem Umfeld beliebt und geachtet war. Dessen Foto jahrzehntelang an der Wand meiner Großtante hing, ohne dass man über ihn sprach. Geliebt und beschwiegen zugleich.
Sein Feldtagebuch, das ich von meiner Mutter 2025 erhielt, zeigt einen Menschen, der von innen her kohärent war. Ludwig schrieb gut. Er empfand. Er liebte seine Kameraden. Er war SA Sturmführer. Er wollte Menschen helfen, die orientierungslos waren; helfen, indem er ihnen zeigte, wie man aufhört, offen zu sein, und anfängt, an etwas Großem durch Unterordnung teilzuhaben. In seinem Bericht vom 24. August bis 2. Oktober 1939 – den Wochen des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Polen - beobachtete er genau. Er beschrieb die Landschaft und das Wetter, die brennenden Dörfer, die erschossenen Menschen, die Juden, die Leichen und seine eigenen Gedanken. Er war mit sich im Reinen, er tat was er dort tat aus Überzeugung; aus einem Idealismus heraus.
Obwohl meien Mutter ihn nicht gekannt hatte (sie 2 Monate alt als er starb) sagte sie: Er erinnert mich an dich. Dein Idealismus. Deine Bereitschaft, für das einzustehen, woran du glaubst. Das ist mein Ausgangspunkt des Projekts: „Wie wurde ein Mensch, der ich sein könnte, zu dem, was ich nicht sein will?“
In meinem Ludwig-Projekt will ich Ludwig von innen heraus betrachten – wie ein Schriftsteller einer Romanfigur Leben verleiht, ohne über sie zu urteilen, ohne sie zu ändern, ohne sie schärfer zu machen als sie war. Um ihn anzutreffen. In Kaiserslautern. In Tschechien. In Polen. In der Nähe von Auschwitz. In der heutigen Ukraine.
Die Übertragung in die Gegenwart ist dabei nicht meine Aufgabe. Das ist (vielleicht) die Aufgabe derer, die (vielleicht) zuschauen.
Warum erklären die beiden Projekte sich nicht gegenseitig?
„Ludwig“ ist kein mahnendes Beispiel für das, was heute in unserer Welt geschieht. Und „Der Osten des Westens“ braucht kein historisches Beispiel, um zu zeigen, was heute auf dem Spiel steht.
Wenn Ludwig zum blossen Spiegel der Gegenwart wird – zur Warnung instrumentalisiert –, verliert er das Wertvolle: seine Innerlichkeit, seine Kohärenz, sein Menschsein. Er würde zur Lektion werden. Und Lektionen schließen wirkliche Begegnung aus, ähnlich wie Propaganda es tut.
Und wenn das Projekt „Der Osten des Westens“ zum historischen Befund wird – wenn es auf einer Erklärung aufbauen würde, wie damals zu heute führte –, verliert es seine Offenheit; das Wandelbild wird dann zur Illustration.
Stattdessen leben beide Projekte in derselben Grundhaltung: nicht Wissen vermitteln, sondern Begegnung ermöglichen zu wollen.
Der Zusammenklang der beiden Projekte
Wer „Der Osten des Westens“ wahrnimmt und dann „Ludwig, Überfall und Überzeugung“, wird vielleicht etwas spüren – eine Verbindung zwischen der Sehnsucht nach Freiheit, die er beim Ersten angetroffen hat, und dem Weg von Ludwig, der einmal in die entgegengesetzte Richtung führte.
Wer „Ludwig“ wahrnimmt und dann „Der Osten des Westens“, wird die Fragen, die er mitbringt, vielleicht anders in das aktuelle europäische Feld stellen als ohne „Ludwig“.
Aber die Antworten, die fühlbar werden gehören nur den Betrachtenden.